Anselm ‚Ringo’Benner (1952-2021)

Erinnerungen an einen besonderen Menschen und wunderbaren Musiker

Der Maestro in Aktion (Archiv Mudel)

Im Frühjahr 2022 erfuhr ich, dass der geniale Gitarrist Anselm ‚Ringo’Benner im Herbst 2021 verstorben war. Das hat mich sehr berührt (siehe auch meine Geschichte zum Schluss) und ich kontaktierte einige seiner Freunde mit der Bitte, Erinnerungen aufzuschreiben.
Ich hoffe, man verzeiht mir, wenn ich die Rückmeldungen von Ringos Freunden an dieser Stelle (auf einem FOLK-Blog) veröffentliche, aber hier sind die Texte und Bilder für alle einsehbar, können laufend aktualisiert und problemlos auf eine andere Plattform transportiert werden, sowie sich eine bessere Lösung anbietet.


PS: Alle Rechte bei den Autoren, redigiert habe ich nur auf Wunsch, persönliche Nachrichten an mich habe ich weitgehend entfernt. Die Bildrechte der Fotos sind in den meisten Fälle nicht ermittelbar. Deshalb sind die Archive derer angegeben, die mit die Fotos zur Verfügung gestellt haben. Eugen Pletsch

R.I.P. Ringo!

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Und so ging es dann los… mit einer Mail von Drummer Andy Herchen 26.6.2022

gude eugen,
ich habe mal angefangen die musiker zu fragen die mit ringo zu tun hatten bzw. mit ihm aufgewachsen sind und sie gebeten mir doch mal den ringo aus ihrer sicht zu schildern und da ist bis jetzt schon mal etwas vom karl (sax rabenjazz/ gospop) gekommen denn als geborener londorfer kannte er ringos erste musikalische schritte.

Karl W. Pfeil:
„Ich lernte Anselm Benner, später genannt Ringo, im Jahre 1964/1965 kennen. Er war damals so um die 14 Jahre alt. Ich, selbst noch minderjährig, spielte zu dieser Zeit in einer Tanzband und wir hatten regelmäßige Auftritte in der Copacabana-Bar, die sich in seinem Heimatort befand. Dort besuchte er uns oft und dort lernte ich ihn auch näher kennen. Auffallend war schon damals, dass er mit allen Konventionen brach. Er ließ sich in kein Schema einfügen. Es war offensichtlich, dass er einen ganz eigenen Lebensweg beschreiten sollte. Für großes Aufsehen sorgte in dem erzkonservativen Ort, dass er der erste war, der sich die Haare lang wachsen ließ. Als ein wildgewordener Mob ihn deswegen öffentlich die Haare schneiden wollte, mussten wir ihm helfend zur Seite stehen.
Einmal nahm er mich mit zu sich nach Hause und zeigte mir seine E-Gitarre. Schon beim Spielen merkte ich, dass er eine hochmusikalische Persönlichkeit mit absolutem Gehör war. Er legte „Dizzy Miss Lissy“ von den Beatles auf. Danach schnappte er sich die E-Gitarre und spielte sofort fehlerfrei das Gitarrenriff nach, das den Song so interessant macht. Diese Leichtigkeit und Souveränität und Virtuosität seines Spiels löste bei mir große Bewunderung aus.
Als sich unsere Band auflöste, verloren wir uns aus den Augen. Er zog auch weg. Er spielte in vielen angesagten Bands. Er war ein sehr liebenswerter Mensch.“
Karl W. Pfeil, 35466 Rabenau.

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Fragen an Hans Hoss 13.7.2022
1. Wie lange kanntest Du Ringo?
Ich habe 1 -2 Jahre nachdem ich 1972 nach Giessen kam im Scarabee kennengelernt.
Damals gab es die Giessener Musikinitiative bei ich aktiv mitwirkte, durch meine ehrenamtliche Tätigkeit im Jugendzentrum Giessen übernahm ich die Leitung der Musikabteilung, inkl. Proberaum, was uns die Möglichkeit zum kostenlosen Proben gab.
Mit Anselm gründete ich dann die sagenhafte Band: Benner, Hoss & Co. berühmt durch endlose Sessions in der Teestube Giessen.
Zweimal im Monat mit wechselnden Mitspielern neben uns beiden (Anselm Gitarre, ich Schlagzeug) ich wurde dabei regelmäßig von Thünn (Chef Teestube) zum Schlagzeug Solo gezwungen, da dieser meinte er fände nur Trommeln gut, Töne würden ihm nichts sagen.
2. Wie hast Du ihn erlebt?
Da ich etliche Jahre mit ihm gewohnt habe, habe ich ihn in all seinen Facetten erlebt.
3. Hast Du mit ihm musikalisch gearbeitet
Neben Benner, Hoss und Co. . stieg Anselm als zweiter Gitarrist in die Cover Band BONGO ein. (Alex Simonow, Gesang, Paul Müller, Bass Helmut Pott, ersetzte Paul Müller, Karlheinz Weber, Gitarre, Rainer Schröter, Keyboard, Hans Hoss, Schlagzeug). Die Band war recht erfolgreich mit 70 – 80 Auftritten pro Jahr. Außerdem hatten wir noch verschiedene Session Trios an die mich nicht mehr erinnere
4. Wart Ihr Freunde?

Gute Frage: eher Hassliebe, weil mir seine Trunk- und Drogensucht ziemlich an und auf die Nerven ging.

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Helmut Pott (MUDEL) 15. Juli 2022

Hier spricht der Mudel (Helmut Pott), ein alter Weggefährte von Anselm in den siebziger Jahren. Ich kam 1974 nach Gießen zum Studieren. Dort bekam ich Kontakt zur Musiker-Initiative Gießen (M. I. G.), die sich im JUZ am Brandplatz traf und wo Musik gemacht wurde. Dort trafen sich immer jede Menge Rock – Enthusiasten und Jammer. Ich spielte Bass, was ich bis heute tue. (u. A.)

Jemand von den Musikern nahm mich mal mit zu Ringo, der damals in einem Studentenwohnheim im Brandweg in Kleinlinden wohnte. Ich hatte von ihm gehört, kannte ihn aber nicht. Dort wirkte alles ziemlich chaotisch, aber in Ringos Bude hatte alles irgendwie seinen Platz. Anselm selbst wirkte etwas heruntergekommen, was vielleicht an den Substanzen lag, die er damals nahm und die man besser nicht zu sich nimmt. An der Wand hing der heilige Gral, Ringos weiße Gibson SG.* Wer seinem Instrument zu nah kam, bekam Ärger mit Anselm. Nur gucken, nicht anfassen!!!

Wie auch immer, wir freundeten uns an, zogen um die Ecken, machten Musik zusammen und hatten eine gute Zeit. Unser zweites Zuhause war das Scarabee oder die Oktave. Das hat mich so manches Lawinsche (Ringos Bezeichnung für Flasche Bier) gekostet, weil Anselm eigentlich immer blank war. 
Eine Zeit lang spielten wir zusammen bei der Band Convoy, wo auch Tommy (Keyboards), Hans (Drums) David (Gitarre) und Fippo (Gesang) dabei waren. Holte jemand von uns Anselm zur Probe oder zu einem Gig ab, war es reine Glückssache, ob er fertig war oder in welchem Zustand er sich befand Irgendwie ging’s dann schon. Ringo war halt in meinen Augen ein liebenswerter Chaot. 

Dei Band CONVOY Foto: Archiv Tommy Kastl

Ringo war ein gigantischer Solist auf der Gitarre mit einem Super Sound, den er mit einfachstem Equipment herbeizauberte. Er hatte eine unglaubliche Gabe, Töne und Stile zu hören und nachzuempfinden. Sein zweiter Vorname lautet schließlich auch Amadeus 😉

Er hatte alles drauf, von Eric Clapton über Jeff Beck bis hin zu allen Guitar-Heroes, die sich so tummel(te)n. Es gab keinen vergleichbaren Musiker in unserem Umfeld, wir schauten alle irgendwie zu Anselm auf. Die Rhythmusgitarre war allerdings nicht so sein Ding, die überließ er gerne anderen. Unterwegs war er auch eine Zeitlang mit der überregional bekannten Band Scriffis. Und Hans erwähnte mal, dass Ringo ein Angebot bekam, mit Joe Cocker zu touren. Warum daraus nichts geworden ist, lässt sich nur vermuten. Vielleicht hat der Antrieb gefehlt? Das Zeug dazu hätte er locker gehabt

Anselm kannte sich auch hervorragend mit Gitarrentechnik aus, stellte die Instrumente hervorragend ein und wusste, wie man sie modifizieren kann. Meinen alten Fender Jazzbass hat er damals umgebaut und technisch modifiziert. Ich spiele ihn immer noch genau so!!! Diese Fähigkeit hat ihm dann wohl auch einen Job bei Musikhaus Schönau eingebracht, wo er als Gitarrenspezi arbeitete. Zu dieser Zeit hatte Anselm nach meiner Einschätzung ein paar Jahre sowas wie eine bürgerliche Existenz. Er lebte mit Hans und Anke ein paar Jahre zusammen und hatte eine Freundin (sein ‚Mienche‘, wie er Frauen nannte). Wann und wie sich das alles änderte, weiß ich leider nicht. Ich habe Anfang der 80er mein Referendariat in Oberursel begonnen und bin dann 84 ganz aus Gießen verschwunden. So habe ich auch den Kontakt zur “ Szene“ verloren. Zu einigen alten Kumpels habe ich aber sporadisch Kontakt gehabt. Seit 2012 haben Tommy, Karl-Heinz, Peter und ich wieder gemeinsam eine Band, wo auch Dale ab und zu mitmischt: https://mudel5.wixsite.com/steambenders

Daher weiß ich auch, dass Tommy und Peter und Manni Kube bis vor ein paar Jahren in Wetzlar eine Band hatten. Die wurde dann aber aufgelöst, war wohl zu anstrengend…
Ich habe Anselm noch zwei Mal getroffen. Auf David Domines 50sten 2004 und Tommys 60sten 2011. Bei Tommy war von Anselm schon nicht mehr so viel übrig. Er machte einen etwas desolaten Eindruck. Wir haben lange gequatscht, ich konnte ihn aber kaum verstehen, lag wohl auch an diversen Substanzen…..Aber er hat Gitarre gespielt und in einigen lichten Momenten trat das Genie wieder zum Vorschein. Das hat mich gefreut und ziemlich beeindruckt. 
Tommy hatte bis vor einigen Jahren noch engeren Kontakt zu Anselm und die beiden haben bei Tommy ein Paar Stücke aufgenommen. Da gibt’s auch MP3 ’s von. 
Dale King hat dann einige Monate vor Ringos Tod Kontakt zu ihm aufgenommen  und ihn öfter besucht in Londorf, wo er zum Schluss lebte. Von Dale erfuhr ich auch von Anselms Tod. Das hat mich sehr traurig gemacht, obwohl es nicht unerwartet kam, aber ich hatte die Chance verpasst, Anselm vielleicht mit Dale gemeinsam nochmal zu besuchen und zu sehen. Schade!

Todesanzeige

Auf Anselms Beerdigung waren viele Wegbegleiter da, das war sehr schön! Anselms Bruder Alexander bat mich, mal nach den ganzen Instrumenten etc. zu schauen und sie zu taxieren. So bin ich dann nochmal in Anselms Bude. Da hatte sich so einiges angesammelt, von Hot bis Schrott. So wurde ich nochmal konfrontiert damit, wie Anselm die letzte Jahre zubrachte. Das war schon etwas hart zu sehen aber auch irgendwie zu erwarten. Um etwas DNA von Ringo für mich zu retten, habe ich Alex Ringos Arbeitspferd der letzten 30 Jahre abgekauft, eine schwarze Fender Stratocaster, die ich in Ehren halte.

Ringos schwarze Strat (Photo Privat)

Von Alexander weiß ich, dass es Ringo sehr wehgetan hat, dass die Oldies ihm gekündigt haben. Ich schätze, er war dort zum Schluss auch kein zuverlässiges Mitglied mehr. An seinen Fähigkeiten kann es mit Sicherheit nicht gelegen haben. Und wen es interessiert: Einer seiner legendären Sprüche war „So genau fi..t doch kein Pfarrer!“
So, jetzt hab ich mich ziemlich ausführlich an meinen alten Kumpel Anselm Ringo Benner erinnert. Es ist nicht alles nur positiv, aber ehrlich.  Ich hoffe, du kannst was damit anfangen.
Mudel

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Peter Dampf  vom 21.7.2022

Musik mach ich wieder seit 1986…mit Fippo (G. Meinhardt), Jürgen Bender/dr und Karlheinz Weber/guit als Bassist bei Bruno Brunetti & die Hasardeure. Und nach Jürgens Tod dann mit den Steambenders  mit Mudel am Schlagzeug & voc, Tommi an den Tasten & voc sowie Karlheinz/ guit & voc und ich / Bass & voc.

An Ringo hab ich vier bleibende Erinnerungen:

1 )  Ein Live-Gig im Picasso-Keller (Gießen Bahnhofstraße) wo das Gefühl blieb, mit einem Zwillingsbruder von Jimi Hendrix gejammt zu haben! Ich glaube es war 1969 und die Haare gingen bis über die Schultern…

2 )  Ein Besuch (mit Begleitung) in der Uniklinik (Frankfurter Str.) bei Ringo und seinem ,Gilb‘ irgendwann in den 70ern, wo wir staunend feststellten, dass ,Amadeus‘ nicht an der Gelbsucht sterben wird – dafür ließ er sich viel zu wenig vom Gilb beeindrucken.

3 ) großer Zeitsprung. Ringos  Oldies-Zeit ist vorüber, Äppelwoi, ‚Lawinche‘ (Sixpack) und rauchendes oder chemisches Dope ist geblieben. Er residiert mit einer Frau in der Gießener Straße in einem Sechsfamilien-Mietshaus. Die Rollläden sind rund um die Uhr herabgelassen. Ringo ‚haust‘ nicht, er hat sich wie ein verletztes Tier in seine Schlaf-& Wohnhöhle zurückgezogen, sein Schreib-bzw. Arbeitstisch ähnelt seinem beim Musik-Schönau.

4) Es sind die 2000er Jahre, ich hole ihn einmal die Woche zum ‚Mussikmache’ mit der Wetzlarer ‚Krachband’ ab. Tommy hat mich dazu geholt, auf dem ehemaligen Philipsgelände in WZ ist der Übungsraum. Gemeinsam lassen wir die Hippiezeiten nochmal richtig hochleben, Cream, Hendrix, Thin Lizzy und natürlich: schöne lange Jam-Nummern. Eine Art Jungbrunnen, worre eij (wirklich jetz‘)!

De Perre (der hessische Petter = Patenonkel) hat immer ‚alles gegewwe‘, exakt auf den Punkt, wie ein Uhrwerk – wir haben nicht üben müssen für Kohle-Auftritte, wir haben tatsächlich Musik gemacht, for Fun  – we were free für 3 bis 4 Stunden, yeah…

Peter Dampf

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Die Krachband, Archiv Dave Domine


Tommy Kastl 30.7.2022
Wenn es hilft die Erinnerung an Anselm auf diesem Weg aufrecht zu erhalten, will ich gerne dazu beitragen.
Ich kannte ihn seit den frühen 1970er Jahren und war wie alle anderen erstaunt und begeistert von seinen musikalischen Fähigkeiten. Wie kein anderer in der heimischen Musikszene konnte er sich in sämtlichen Tonarten mit traumwandlerischer Sicherheit bewegen und die Töne so fein und gefühlvoll modulieren, was vielleicht etwas im Widerspruch zu seiner sonstigen Art stand.

Dieses Staunen und die Begeisterung über seine musikalische Gabe hat im Lauf der Jahrzehnte nie nachgelassen. Da ich selbst leidenschaftlicher Hobbymusiker war trafen wir uns in zahllosen Jam-sessions und einigen Band Projekten wieder. 

CONVOY: Günther Meinhardt, voc., Anselm Benner, guit., Dave Domine, guit., voc., Tommy Kastl, keys, Billy, bass, Jürgen Balzer, drums. Irgendwann in den 1970ern, leider habe ich kein Tonmaterial mehr…

Foto: Privat Archiv

KICK ASS: Dave Domine,guit.,voc., Klaus Spring, bass, Anselm Benner, guit., Tommy Kastl, keys, Jörg Dobrick, drums.

Später spielte er viele Jahre lang in der Cover Band THE OLDIES mit und wir haben uns aus den Augen verloren. Parallel dazu war er auch in der KRACHBAND aktiv, die hier auf dem Neuhof, Leihgestern, ihren Proberaum hatte. Diese Auflistung ist sicher nur ein Teil seiner vielfältigen Aktivitäten.

Seit etwa 2010 trafen wir uns dann wieder zu gelegentlichen Jam Sessions in Wetzlar. Aus all diesen Sessions, die ich gegen nichts in der Welt eintauschen würde, ist leider sehr wenig an Tonmaterial erhalten geblieben. Dennoch war es mir vergönnt einige Momente festzuhalten bei denen er mich zuhause bei mir besuchte und ich ihn überreden konnte eine Gitarrenspur auf eine meiner selbstgebastelten Kompositionen zu spielen.
Tommy Kastl

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Dale King 30.7.2022
Singer, Songwriter, Bluesharp, Guitar

Ich traf Ringo um 1977. Wir spielten zusammen in einer Band in Gießen. Er war schon damals ein Meister der 6-saitigen E-Gitarre mit einem schönen Sound und virtuos.  Ringo war ein Mensch, der ein exzessives Leben führte und alles, was er tat, bis zum Äußersten trieb, Musik, Sport usw..

Wir lebten für eine kurze Zeit zusammen und spielten abends nonstop zusammen Musik. Für mich war Ringo ein freundlicher, friedlicher, humorvoller, schüchterner, Charly Chaplin-artiger Mensch. Im Laufe der Jahre hatten wir nur noch sehr wenig Kontakt. Kurz bevor Ringo verstarb, kreuzten sich unsere Wege wieder und wir hatten die Gelegenheit, eine schöne Zeit miteinander zu verbringen, Geschichten auszutauschen und ernsthafte Gespräche zu führen.
Ich werde nie seinen Gesichtsausdruck vergessen. Er brauchte nichts zu sagen, aber man konnte sehen, was er dachte. Und genau so spielte er auch seine Musik, indem er seine Gitarre die Geschichte erzählen ließ.

Dale King

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Friedhelm Marx,
ehem. Arbeitskollege Musikhaus Schönau


Ich kannte Ringo ca. 30 Jahre! Er war für mich kein Freund, aber ein nicht ganz unkomplizierter Arbeitskollege. Sein Auftreten gegenüber Kunden war nicht immer sensibel. Ich kann mich daran erinnern, dass Ringo eine Gitarre – die er reparieren sollte – zertrümmerte, weil sie einfach “ Schrott“ war. Er hat allerdings auch viele Gitarristen in den Laden gezogen, weil er ein begnadeter Gitarrist war. Wir versuchten Ringo mit den für Ihn passenden Aufgaben zu betreuen.  Leider hat das nicht immer funktioniert. Er war oft nicht kooperativ und auch unzuverlässig!

Irgendwann konnte unser damaliger Chef es einfach nicht mehr tolerieren.  Trotzdem hatte Ringo oft einen lockeren Spruch parat und war auch sonst ein humorvoller Typ.

Gemeinsam habe ich mit Ihm nie musiziert. Ich würde sage, er konnte sein herausragendes Potential / Talent  nicht “ an den Mann/Kunden bringen. Eugen, du hast immer nach dem „Meister“ gefragt als du in den Laden kamst!  Soweit. 
Friedhelm Marx

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Jürgen Balzer
Anselm Amadeus Benner – RINGO

Ich traf Ringo das erste Mal in den frühen Siebzigern, als er mit Erich Täger und Wolfgang Isengard das Stück „1983“ von der Electric Ladyland jammte. Später war ich Zimmernachbar im Brandweg 14, und wir spielten in der Band Convoy zusammen mit Tommy Kastl, Günther Meinhardt und Hans Bill. 1979 trennten sich dann unsere Wege und er stieg bei Kick Ass ein. Allerdings hatten wir immer mal wieder Jams mit den verschiedensten Leuten. Zwischendurch spielte er auf der LP Only A Star von Pell Mell aus Marburg mit. Dann ging Ringo zu den Oldies, zunächst als Bassist, später als Lead-Gitarrist. Nachdem er sich von den Oldies getrennt hatte, kam er zu Driftin’, der Band bei der auch ich spielte. 

Jürgen Balzer und Ringo jammen Foto: Archiv Jürgen Balzer

Ringos Stärke war sein relatives Gehör, d. h. er brauchte nur einen Basis-Ton wie A, und dann konnte er alle anderen Tonarten heraushören. Das erleichterte ihm das Nachspielen von Stücken. Im Laufe der Zeit lernte er immer mehr von Gitarristen wie Eric Clapton, Jimi Hendrix, Jeff Beck, Gary Moore und vielen anderen mehr. Doch am meisten interessierte ihn Allan Holdsworth, der Gitarrist der Gitarristen. So spielte er dessen schmachtende, jammernde oder klagende Gitarrenlicks immer wieder gerne. Allerdings blieb dabei die eigene Kreativität auf der Strecke: Es gibt kaum von Ringo komponierte Stücke. Ringo hatte auch das Talent, Gitarren „heiß“ zu machen mit verbesserter Saitenlage, Bundreinheit und anderen Eingriffen, was ihm einen Job beim Musikhaus Schönau einbrachte.  Sehr lange hielt das nicht, da er eigene Vorstellungen von Anwesenheitspflicht hatte.

In jungen Jahren war er berüchtigt für seine Unzuverlässigkeit – so konnte man nie sicher sein, dass er zum ausgemachten Zeitpunkt fertig zur Abfahrt war. (Stichwort: Socken waschen) Doch im gesetzten Alter entwickelte er sich zum Pünktlichsten von allen bei Driftin’ – jedes Mal wenn ich ihn abholte, stand er schon bereit mit Gitarre und Amp, ohne wenn und aber.

Jürgen Balzer

Ringo-Bands:

1976-79 CONVOY
1979 SCRIFIS
1980 SHORT CIRCUIT
1981-82 YOG SOTHOTH
1982-83 KICK ASS
1985-2007 THE OLDIES
außerdem KRACHBAND
2007-2012 DRIFTIN‘

Aufstellung: Jürgen Balzer. Ergänzungen erwünscht.

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Andreas Herchen, ‚Drommla‘ bei The Misfits)

Mit Ringo verbindet mich eine lange und teilweise sehr intensive Musiker Freundschaft. Das erste Mal dass ich Ringo live gesehen habe war im Jugendzentrum in Lich Anfang der 1980er. Ich glaube die Band hieß Kick Ass. Dabei waren Jörg Dobrik, Musikschullehrer in Lich. Nach der Schule war ich immer beim Schönau und wurde quasi täglich von Ringo beauftragt, e heiß Fleischwoschd mim Bredsche un e  Flasch Äppler  vom Metzger Meister im Seltersweg zu holen. Einmal war der Metzger zu, da habe ich woanders eingekauft und obwohl ich die Tüte weggemacht habe hat Ringo es trotzdem gemerkt.

Beim Schönau waren regelmäßig die üblichen Musiker Verdächtigen beim Ringo. Das Who’s Wo der hessischen Gitarristen- und Musiker Szene kam zum Ringo um die teuren Teile fachgerecht reparieren zu lassen. Ich habe jede Menge über Reparaturen gelernt und kostenlose Lebensweisheiten bekommen.

Eine seiner Top Musiker Tipps war, dass ganz egal wo man ist und was man tut: Man muss immer eine Subba Äx  dabei haben, sonst funktioniert gar nichts.

Die Subba Äx war eine Axt, die hinter seinem Werkstattstuhl an der Wand hing und die Ringo benutzen musste, wenn wieder Mal ein nerviger Schnösel die Gitarren Amps voll Aufriss, um eine Gitarre zu „testen“ und mit seinem  furchtbarem Gequietsche Ringo’s Ohren und Nerven strapazierte. Wenn mehrmalige freundliche Aufforderungen seitens Ringo, es doch mal erst mit Unterricht zu versuchen, von den Kids ignoriert wurden und ins Leere liefen, kam sein magischer Satz:“ Hör jezz uff, sonst lernste die Subba Äx kenne.“

Wenn selbst die allerletzte Aufforderung von den Schnöseln mit einem überheblichen Lächeln und weiteren Gitarren quälen ignoriert wurde, ging Ringo wortlos in seine Werkstatt, nahm die Axt von der Wand und mit einem breiten Lächeln hackte er das Gitarrenkabel durch. Mit lautem Geschrei verließ das nervige Balg dann den Gitarrenbereich und Ringo sagte nur: „Jetzt hat der die Subba Äx kenne gelernt.“
Natürlich kam dann der Chef hinunter an die Abteilung und wie üblich gab es wieder großes Zeter und Mordio.

Es war immer wieder beeindruckend zu sehen, wie Ringo unfassbar gut reparierte oder Gitarristen ihren Traum Sound in die Gitarre einbaute. Ich bin bis heute der Meinung, dass die Leute das gar nicht zu schätzen wussten, was der Ringo in hoher Qualität fertigen konnte.

Bei Ringo war immer was los und deshalb gibt es hunderte Geschichten, die ich erlebt habe.
Später, als sich unsere Wege dann trennten, haben wir uns im Irish Rover wieder gesehen und bei Konzerten von Greghost mit den Oldies, aber das sind andere Geschichten.

Andy Herchen

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Eugen Pletsch
Der Ausnahmekünstler, den sie ‚Ringo‘ nannten…

Anselm Amadeus Benner, von seinen Freunden und Musiker-Kollegen ‚Ringo‘  genannt, wurde am 14.4.1952 geboren. Er war somit zwei Wochen älter als ich, aber wir begegneten uns erst 15 Jahre später.
Bei einem „Beat-Festival“ (das meines Wissens von der Stadt Gießen im Saalbau des alten Martinshofs veranstaltet wurde), trat Ringo erstmals unüberhörbar in mein Leben – und das der anderen Zuhörer.
Er war Gitarrist in einer Band („The Jewels Four“ oder so ähnlich), die mit ihren Glitzer-Jacketts eher in einem Strip-Club gepasst hätten. Ringo (ohne Glitzerjoppe) rockte den Laden derart, dass der Veranstalter abbrechen wollte, aber die Menge kochte und Ringo hörte nicht auf zu spielen bis der Hausmeister den Hallenstrom abschaltete. Unvergesslich!

1969 hing ich mit Hippies, Droogies und Folk-Musikern meist im „Haarlem“ ab, der damals angesagten Musik-Kneipe. Im Hinterhof gab es ein schmales Gebäude, in dessen Oberstock Musiker übten. Dort hörte ich Ringo, der „1983“ von Jimi Hendrix neuer Platte „Electric Ladyland“ spielte. Ich hatte mir diese Doppel-LP mit Hendrix‘ Surround-Effekten gerade verkauft und war vollkommen verblüfft, dass sich jemand wagte, diesen Song nachzuspielen. Aber Ringo spielte ihn in Perfektion und – soweit ich mich erinnere – sogar mit dem Stereo-Effekt, der den Song so spacy macht.

Die nächsten Jahre trafen wir uns immer mal wieder. Wir waren keine dicken Buddys, aber Ringo begegnete mir stets freundlich und respektvoll, was vielleicht daran lag, dass auch ich ihn während seiner Gelbsucht im Krankenhaus besucht hatte. Später hörte ich dann von seinem Job im Musikhaus Schönau und seiner Fähigkeit, Gitarren spielbar zu machen.
An seinem Bastel-Schreibtisch besuchte ihn öfter, wäre aber niemals auf die Idee gekommen, dass er auch meine Folk-Klampfen hätte tiefer legen können, was meinem Spiel gut getan hätte.

Auf der Bühne sah ich ihn letztmalig mit den OLDIES bei einer Kirmes in Großen Linden (?). Er spielte BASS!


Es war, als hätte man von Paganini in einem Orchester gefordert, die Triangel zu spielen. Aber auch den Bass spielte er auf seine unvergleichliche Art, zusammengeschnurrt, in sich gekrümmt, den Blick auf dem Boden (als würde er Kleingeld suchen). Er schien von dem Getobe des Silberrücken-Sängers vollkommen unberührt in einer anderen Welt zu leben, aber ohne irgendeinen Ton falsch zu spielen. Ich vermute, seine Sehnsucht galt dem nächsten ‚Körbchen‘, das Lisa und ich ihm dann in der Pause brachten. (Da ich mein Leben lang Kirmesfeste gemieden hatte, wusste ich nicht was ‚Körbchen‘ sind. In dieser Nacht mit Lisa und Ringo lernte ich dann viele Körbchen kennen…

Im Sommer 2019 hörte ich, dass man Anselm im Musikhaus Schönau gesehen habe. Er sähe nicht gut aus, hieß es. Ich bemühte mich um seine Telefonnummer. Da ich mich (nach 35 Jahren Pause) wieder mit Gitarren befasste, hoffte ich, ihn zu besuchen zu können. Nein, er wolle lieber mit dem Fahrrad nach Langgöns kommen, sagte er, was dann aber irgendwie im Sand verlief. (Ich hörte erst kürzlich von Tommy Kastl, dass Ringo gerne auch lange Strecken mit dem Rad fuhr).
Ich dachte öfter an ihn, aber dann kam Corona und der Lockdown. Im Frühjahr 2022 erfuhr ich von Friedhelm im Musikhaus Schönau, dass Ringo im Oktober 2021 verstorben wäre. Das hat mich ziemlich mitgenommen. Friedhelm sagte, dass Dale King ihn zuletzt begleitet hätte. Ich kenne Dale nicht persönlich, aber rief ihn an. Ich sagte ihm, dass ich Material über Ringo sammeln möchte, den ich als einen besonderen Menschen und wunderbaren Musiker in Erinnerung hätte. Es folgten viele SMS-Kontakte und Dale und Hans Hoss führten mich zu einem Netzwerk von Freunden und Mitmusikern, die offensichtlich (fast) alle froh waren, dass jemand bereit war, diesen besonderen (wenn auch besonders schwierigen) Menschen zu würdigen.
Ich erinnerte mich auch an Geschichten, die mir Andy Herchen (The Misfits) über Ringo erzählt hatte und rief Andy an. Er verschaffte mir den 1. Text, eine Jugenderinnerung von Karl W. Pfeil, weitere sollten folgen.

Meine Ringo-Recherche führte zu den Archiven seiner Freunde, die Kulturschätze an Tondokumenten, Bildern und Geschichten bewahren. Ich hoffe, dass sich vielleicht das Stadtarchiv oder eine andere Institution darum bemüht, dass diese Schätze nicht verloren gehen.

Die Gespräche mit Jürgen Balzer, Tommy Kastl und anderen Zeitgenossen eröffneten mir einen kurzen Blick in diese regionale, miteinander über Jahrzehnte verwobene Musikszene, die ich zwar als Zuhörer hin und wieder erlebt habe, von der ich als Folk-Musiker aber nie ein Teil war.
Dass ich diese Musiker und ihre Geschichten, Bilder und Tondokumente kennenlernen durfte, verdanke ich dem Ausnahmekünstler, den sie ‚Ringo‘ nannten. Danke!
Vielen Dank auch an alle, die bereit waren, Ringo mit ihrem Beitrag oder ihren Kontakten zu würdigen.

Eugen Pletsch

Wie es bei mir begann..

aus „Notizen eines Barfußgolfers“ von Eugen Pletsch

Es war an einem Sonntag in Luxemburg vor mehr als 30 Jahren. Kurz nach 12 Uhr muss es gewesen sein, denn wir tranken bereits einen Malt. Jim, mein schottischer beinah-Schwiegervater, stellte sein Glas auf den Gartentisch, nahm einen Golfschläger, setzte einen Ball auf einen kleinen Stift und schlug einen Golfball in Richtung der Wiese hinter dem Haus.

Da war niemand außer ein paar Kühen. Die Kühe schauten nicht mal auf, als Jim den Ball schlug. Offensichtlich wussten sie bereits, dass Jim sie nie treffen würde. Der Ball flog nur ein paar Meter, dann verschwand er im dichten Gras. Jim ärgerte sich und schlug noch einen Ball. Der flog dann etwas weiter und Jim lächelte listig. 

Irgendetwas faszinierte mich an dem, was er da machte. Deshalb wollte ich es auch mal probieren. Er gab mir seinen Schläger, zeigte mir wie man ihn hielt und ich versuchte nach dem Ball zu schlagen. Ich traf ihn nicht. Vermutlich um mir Mut zu machen, sagte Jim, er wäre Linkshänder. Die Schläger wären also für mich falsch rum. Das war mir egal. Es war wirklich egal, denn als ich später Schläger für Rechtshänder bekam, traf ich zunächst auch keinen Ball.
Das ist nun mal so. Zumindest bei besonders talentierten Spielern wie mir. Ein weniger talentierter Spieler trifft den Ball meist gleich zu Anfang. Dann denkt er – oder sie – das Spiel wäre ganz einfach, verliert den Respekt und entwickelt sich kaum mehr weiter. Alle guten Spieler haben großen Respekt vor dem Golfspiel, aber auch sie kommen nie wirklich weiter. So geht das bis in die Weltklasse. Irgendwo hapert es immer. Da triffst du endlich deine Eisen, prompt fliegen die Drives ins Aus. Und kriegst du die Drives auf die Bahn, dann verlässt dich dein Putter. Man sagt, das Golfspiel sei unbesiegbar. Niemand hat das Spiel jemals gemeistert. Höchstens Bernhard Langer! Der spielt nach wie vor wie von einem anderen Stern, was mich vermuten lässt, dass er tatsächlich von einem anderen Stern ist.

Dass ich mittlerweile seit mehr als 30 Jahren Golf spiele, wundert mich selbst am meisten, denn eigentlich bin ich ein keltischer Barde. Ich erzähle gerne Geschichten, zumindest so lange, bis man mich an den Baum bindet. Bevor ich Jim traf, war ich Straßensänger. Dass ich weder singen noch besonders gut Gitarre spielen konnte, war kein Problem. Ich hatte trotzdem Geld im Gitarrenkoffer, weil ich den Leuten Geschichten erzählte. Ich begann irgendeinen Song, zum Beispiel einen Talking Blues von Bob Dylan, aber dann quasselte ich über dies und das, über Gott und die Welt. Die Leute schauten, blieben stehen und warfen Geld in meinen Koffer.

Jahre später, als ich das Golfspiel kennenlernte und süchtig danach wurde, reiste ich beruflich durch Deutschland. Jeden Abend war ich an einem anderen Golfplatz und lernte so die deutsche Golf-Szene kennen. Zu dieser Zeit waren Golfer meist sportlich ambitionierte Menschen aus gesellschaftlichen Schichten, die in meinem sozio-kulturellen Hintergrund als Establishment bezeichnet wurden. Fremde Gäste im Club wurden noch mit Handschlag und einem „Gestatten, Dr. Soundso…“ begrüßt – um in meinem Fall sofort zu erkennen, dass ich weder den Stallgeruch noch das Einkommen hatte, um mir mehr als ein paar Stunden Übungszeit auf der Driving Range zu erkaufen. Und selbst für diese Gunst musste ich mit der Clubsekretärin noch heftige Sträuße ausfechten. Die einstigen Gentlemen des deutschen Golfsports, die mich zu mancher Satire anregten, haben damals mein mittlerweile etwas abgestandenes Bild vom deutschen Golfer geprägt – wobei ich den weitgehend niveauvollen Umgang dieser Zeit bisweilen etwas vermisse. Aber ich trauere dem nicht nach, denn ich war damals ein vogelfreier Barfußgolfer, ein Außenseiter, der um Spielmöglichkeiten betteln musste. Die Erkenntnis, dass ich selbst der Prototyp des neuen Golfers war, wurde mir erst Jahre später bewusst….

 
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Beschreibung

„Notizen eines Barfußgolfers“ ist eine für die Buchfassung überarbeitete Auswahl an Texten, die der Golfautor Eugen Pletsch in seinem renommierten Blog (cybergolf.de) zwischen 2006 und 2018 veröffentlicht hat. Kommentare zu aktuellen Golf-Themen, Szene-sezierende Glossen, Golf-philosophische Betrachtungen, praktische Tipps und stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels, dem der Autor in seiner mittlerweile 30jährigen Wanderung (…)

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Die Slevoyre-Thermal-Kur auf den Azoren

Die wohltuende Wirkung der Slevoyre-Thermal-Kur durfte ich im Herbst 2011 auf Sao Miguel, der Hauptinsel der Azoren, in dem Örtchen Furnas kennenlernen. 

Auf Sao Miguel kann man Hunderte von warmen und kalten Heilquellen finden. Allein im Dörfchen Furnas sind es 42 Quellen völlig unterschiedlicher Zusammensetzung! In der „Casa do Parque”, einer elegante Villa über dem Thermalbecken führt das Ehepaar Petersen ihre Slevoyre-Thermal-Kur durch, mit der nicht nur eine Revitalisierung von Gestressten und Erschöpften, sondern auch eine Besserung vieler Leiden möglich ist.

Das Dorf Furnas, das den riesigen botanischen Park „Terra Nostra Garden“ umschließt, wirkt gemessen an deutschen Kurorten nicht besonders attraktiv, da die eng beieinander stehenden Häuser schlicht und die Fenster zur Straße oft durch Blendläden verschlossen sind. Auch wünschte man sich etwas mehr farbliche Abwechslung bei den Hausanstrichen, denn das weiße Einerlei wirkt etwas monoton. Doch mit dieser Sicht wird man dem Dorf nicht gerecht. Wenn man zum Beispiel durch eine offenstehende Haustür schaut, geht der Blick meist direkt durch den kurzen Hausflur in den Garten – und eröffnet ein Paradies. Hinter den schlichten Häusern verbergen sich üppige Gärten mit oft herrlichem Pflanzenbestand, allen möglichen Obstsorten, und überall rankt und blüht es. Die Azoreaner verbringen bei diesen milden klimatischen Verhältnissen gut neun Monate im Garten, und dieser wird dadurch ein fester Teil des Wohn- und Lebensraumes.

Der „Terra Nostra Garden“ wurde um 1800 von dem damaligen amerikanischen Vizekonsul Thomas Hickling angelegt, der erkannte, dass im Tal von Furnas, das in einem erloschenen Vulkan liegt, ganz besondere klimatische Verhältnisse bestehen. Hier schaffen die warmen und kalten Quellen sowie ein warmer Fluss ein für den Pflanzenwuchs ideales Mikroklima, und es gedeihen Pflanzen aus aller Welt. Inmitten dieses Parks liegt mit über 70 m Durchmesser das größte Thermalbecken der Welt, das zu allen Jahreszeiten von einem grünlich-braunen Wasser von 37-38 °C durchströmt wird. Kleine Badehäuschen mit Marmorwannen zeugen von der damaligen Blüte des Heilbades. Doch im 21. Jahrhundert verordnet kein „moderner” azoreanischer Arzt mehr Wasser-Anwendungen zur Linderung eines Leidens, und die Thermalquellen werden von den Touristen lediglich als eine Möglichkeit genutzt, die müden Glieder nach Wanderungen oder ausgedehntem Golfspiel auf angenehme Weise zu wärmen und vom Muskelkater zu befreien. Völlig vergessen ist heute die Heilkraft der Quellen jedoch nicht.

Die Slevoyre-Thermal-Kur
In herrschaftlicher Position über dem Thermalbecken steht die „Casa do Parque”, eine elegante Villa, die der spätere Inhaber des Parks, der Viscomte da Praia, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bauen ließ. In dieser Villa führt nun das Ehepaar Petersen seit 1998 ihre Slevoyre-Thermal-Kur durch, mit der – jetzt erweitert um das Heilungspotenzial von Thermen und Quellen – nicht nur eine Revitalisierung von Gestressten und Erschöpften, sondern auch eine Besserung vieler Leiden möglich ist. Auch Pharmazietechnikerin und Chiropraktikerin Barbara Petersen setzt alles daran, ihre internationalen Patienten und gestressten Kurgäste in nur zehn Tagen von allen möglichen Leiden zu befreien, um sie wieder topfit zu machen.
Schon 1997 erfuhren Dirk und Barbara Petersen von der Heilwirkung der Wässer in Furnas. Die Petersens führten zu diesem Zeitpunkt seit Jahren sehr erfolgreich Regenerationskuren für gestresste und erschöpfte Manager in dem irischen Schloss Slevoyre durch. Die Slevoyre-Kur wurde damals von Magazinen wie Capital, Wirtschaftswoche, Impulse, Stern und anderen wegen ihrer tiefgreifenden Regenerationswirkung einhellig gelobt. Sie basiert auf Dirk Petersens ungewöhnlicher Ausbildung, welche die Schulmedizin, Naturheilkunde und Chinesische Medizin umfasst (er wurde der erste ausländische „Doctor of Chinese Medicine” mit Approbation der „Republik of China”).

Bei der Slevoyre-Kur wird größter Wert auf medizinische Effizienz gelegt und ein deutliches Absetzen von modischen Wellness-Kuren angestrebt. „Mich hat immer die Kombination von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin fasziniert”, beschreibt er seinen heilkundlichen Ansatz. „Deshalb habe ich zusammen mit meiner Frau seit 1991 die „Slevoyre-Kur” entwickelt, die als eines der kürzesten, intensivsten und umfassendsten Regenerationssysteme im manchmal etwas unübersichtlichen Markt der Kur- und Wellnessangebote gilt.”

Begeistert von der Idee, die irische Kur um weitere Heilungschancen erweitern zu können, verlegten Dirk und Barbara Petersen kurzerhand ihr Kurangebot auf die Azoren und begannen, sich mit den Heilwässern und deren Geschichte zu befassen. Alte Ärzte wurden befragt, antiquarische Literatur ausgegraben, Unterlagen der Universität Ponta Delgada eingesehen, und immer wenn die Petersens einen Insulaner aus einer der Heilquellen trinken sahen, fragten sie ihn nach seinen Erfahrungen. So häuften sie inzwischen ein Wissen über dieses Gebiet an, das sie heute zu den besten Kennern der Behandlungsmöglichkeiten durch die Heilquellen von Furnas macht. Bereichert um Thermalanwendungen und die Möglichkeit, für fast jedes Leiden ein Heilwasser als Gesundheitsgetränk anbieten zu können, wurde die ursprüngliche Regenerationskur nun Slevoyre-Thermal-Kur genannt, die jetzt in einem der schönsten Parks Europas, dem Terra Nostra Park, durchgeführt wird.

Dirk Petersen schreibt dazu: „Die Slevoyre-Thermal-Kur verbessert die „Lebensumstände” Jeder einzelnen der knapp 70 Billionen Körperzellen. So ergibt sich eine wesentlich breitere Indikationsliste für die Slevoyre-Thermal-Kur als für andere Kuren (lediglich Krebserkrankungen und Depressionen werden nicht behandelt). Jede Zelle des Körpers ist auf ausreichende Versorgung durch Aufbau- und Funktionsstoffe sowie Sauerstoff angewiesen. Jede Zelle muss von Ausscheidungsprodukten des Stoffwechsels gereinigt werden. Anlieferung und Abtransport werden durch die beiden fließenden Systeme von Blut und Lymphe vorgenommen.

Dies berücksichtigt die Slevoyre-Thermal-Kur über ihre Auswirkung auf drei Funktionsbereiche, welche unmittelbar das Leben einer jeden Körperzelle verbessern:

1.  Nach gründlicher Darmreinigung wird eine ungewöhnlich umfassende Sanierung der Darmflora vorgenommen (82 der wichtigsten Bakterienstämme des Darmes werden regeneriert). Nun kann im Darm wieder das gesamte Spektrum von Vitaminen, Spurenelementen, Mineralien usw. aus der Nahrung gewonnen und an das Blut abgeben werden.

2.  Das Blut wird durch die Slevoyre-Thermal-Kur fließfähiger (die Viskosität verbessert sich). Es strömt nun dynamischer durch die Lungen und den Körper, die Umlaufgeschwindigkeit des Blutes erhöht sich. Das hat eine wichtige Konsequenz für die Zellen: pro Zeiteinheit wird mehr Sauerstoff von den Lungen, mehr Lebensspendendes (Vitamine, Spurenelemente usw.) vom Darm zu den Zellen transportiert. Die beiden sauerstoffabhängigsten Organe, Herz und Hirn, profitieren besonders hiervon, „atmen auf”.

3.  Die Kur wirkt auf das Gefäßsystem wie ein moderner Rohrreiniger. Ablagerungen, die im Alterungsprozess die Blutgefäße auskleiden, werden abgebaut, die Gefäßwände werden elastischer. Durch diese Wirkungen erhöht sich wiederum die Umlaufgeschwindigkeit des Blutes, und das Herz muß weniger Kraft aufwenden, da das Blut einen geringeren Widerstand zu überwinden hat – eine ideale Situation für eine Normalisierung des Blutdrucks.

Diese drei Hauptwirkungen der Kur erfährt jeder Kurteilnehmer. Neue körperliche und mentale Energie wird spürbar, die Augen sehen schärfer, der Geist wird wach. Zusätzlich (und im Kurpreis enthalten) erfolgen bei jedem Patienten individuelle Behandlungen seiner Gesundheitsprobleme. Als Therapien stehen westliche und chinesische (überwiegend naturheilkundliche) Behandlungsmethoden zur Verfügung.
Besonderen Wert legt Petersen auf schmerzarme und nebenwirkungsfreie Behandlungen. Durch die äußerst subtile Diagnosetechnik der asiatischen Medizin werden auch solche Erkrankungen erfasst und mitbehandelt, die sich in den ersten Entwicklungsstadien befinden und oft von der westlichen Apparatemedizin noch nicht erkannt werden können.
Aber auch die Hintergründe und wahren Ursachen eines bekannten Krankheitsbildes werden durch die sensible, chinesische Diagnostik oft erst offenbar. Somit wird eine ursächliche (und nicht nur symptomatische) Behandlung möglich. Während der Kur erhält der Teilnehmer / Patient laufend gut verständliche Informationen über gesunde Ernährung und Lebensweise. Es werden praktikable, logische und gut in den Alltag integrierbare Bewegungstechniken und Verhaltensweisen gelehrt, welche helfen, die neu gewonnene Vitalität lange zu erhalten.

Erstaunlich ist es, dass sich anscheinend bisher niemand mit der sehr interessanten Geschichte der Therapie mit azoreanischen Heilwässern auseinandergesetzt hat. Dieser Verdienst kann den Petersens zugeschrieben werden. Durch die heilsamen Thermalquellen erfährt nicht zuletzt die bereits sehr erfolgreiche Slevoyre-Kur noch eine besondere Aufwertung. Ein Besuch der Azoren verspricht in vielerlei Hinsicht einen nachhaltig wirksamen Eindruck.
 
Die Slevoyre-Thermal-Kur hilft besonders bei:
•   nachlassender körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit,  
•   erhöhtem Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko,
•   Erkrankungen von Herz und Kreislauf, Durchblutungsstörungen,
•   Arthrose (Hüfte, Knie, Finger),
•   den meisten Rückenleiden,
•   Erkrankungen des Verdauungssystems (Magen, Leber, Darm),
•   geschwächtem Abwehrsystem (Infektanfälligkeit),
•   vielen Hauterkrankungen
 

Allgemeine Informationen: 
Azoren.at (Ausführliche Informationsseite mit Schwerpunkt Golf)
Azoren-Online (Das Portal der Azoren)
Azoren-Links (Reiseberichte, Tipps und Links)
Stern-Bericht über die Heilwasser-Therapie in Furnas 


Credits: Vielen Dank an Dirk Petersen für seine Hintergrundinformationen und Textbeiträge! Dieser Text wurde bereits in der CO’MED, dem Fachmagazin für Naturheilkunde veröffentlicht. Siehe: http://eugenpletsch.de/wp-content/uploads/2022/01/pletsch_azoren_2010-10.pdf

OIGEN: Zwischen Sternenstaub und Hühnerdreck

…I‘m thankful that old road‘s a friend of mine….Towns van Zandt

Der nachfolgende autobiografische Text mit Liedern und Zeichnungen basiert auf meinem Buch OIGEN: Zwischen Sternenstaub und Hühnerdreck, das 1986 erschien und längst vergriffen ist[1]. Die Texte wurden im Frühjahr 2021 überarbeitet und ergänzt. Beiträge anderer Autoren sind entsprechend gekennzeichnet.

I did it may way

Das bürgerliche Umfeld mit liberalen Eltern, in dem ich aufwuchs, bot meinen Schwestern gute Möglichkeiten sich musikalisch zu bilden. Meine ältere Schwester lernte Blockflöte, F-Flöte, Klavier und Schifferklavier. Meine jüngere Schwester lernte Blockflöte, F-Flöte und Klavier. Ich lernte nichts. Ich hatte nur eine Blockflötenstunde, dann reichte es mir. Im Musikunterricht kapierte ich überhaupt nichts – und nicht nur weil ich grottenfaul war. Es interessierte mich einfach nicht. Harmonien-Lehre ist mir bis heute ein Buch mit sieben Siegeln. OK, ich kann einen Notenschlüssel malen und die C-Dur Tonleiter erkennen, aber das war es auch schon. Heute bedaure ich das, aber es ist, wie es ist.

Mein Vater hatte eine Sammlung von etwa 3000 Schallplatten. Vorwiegend klassische Musik, aber nicht nur. Er hatte auch das, was er für Jazz hielt, zum Beispiel Mr. Acker Bilk. Die Aufnahme von Dave Brubeck at Carnegie Hall gefiel mir besser.
Als Folk-Musik populär wurde, kaufte er auch ein paar Platten in Richtung Gospel. Odetta, das Golden Gate Quartett, die damals in Deutschland recht populär waren und Pete Seeger at Carnegie Hall wurden bei uns oft gespielt.
Ich entsinne mich, dass mich mein Vater zu zwei Konzerten mitnahm, die mich beide sehr beeindruckten: Das Golden Gate Quartett sahen wir – ich glaube – in Wiesbaden, und Lippmann und Rau brachte eine wilde Truppe Cajuns nach Gießen. Soweit ich das rekonstruieren kann, war es die „American Folk & Country Music“-Tournee von 1966. Dann hörte ich Bob Dylans erste Schallplatte und mein Leben veränderte sich. Als mich Freunde zum Ostermarsch nach Frankfurt mitnahmen, wo Joan Baez sang, hatte ich bereits eine Wandergitarre auf dem Rücken. Nur spielen konnte ich nicht, woran sich in den nächsten 50 Jahren wenig ändern sollte.

Mitte der sechziger Jahre reiste unsere 7. Klasse zwecks Schüleraustausch an die Fulwood Secondary Modern School nach Preston in England. Die Welt war damals zweigeteilt. Bereits in den ersten brieflichen Kontakten zwischen den Schulen wurde gefragt, wer Anhänger der Beatles oder der Rolling Stones sei, denn um Gesinnungskriege zu vermeiden sollten wir jeweils in Familien von Beatles- oder Stones-Fans untergebracht werden. Ich schrieb, ich sei Bob Dylan-Fan. Donovan wäre auch OK. Das sorgte für Verwirrung. Fieberhaft wurde an der Schule nach einem Folk-Freak gesucht. (Dabei tauchte generell die Frage auf, ob ich willkommen sei, da ich auf meinem Foto den „Ban the Bomb“-Button der Ostermarschierer trug). Schließlich fanden sie Mick. Bob Dylan war nicht sein Ding, aber Simon und Garfunkel mochte er ganz gerne. So fand auch ich eine Gastfamilie.

Nach einigen Wochen in Preston ging unsere Reise nach London. In einem kleinen Hotel erholten wir uns von der gnadenlosen Hetzerei unseres Klassenlehrers durch die Londoner Kulturgeschichte. Er versuchte uns dabei vor allen Gefahren der modernen Welt zu schützen, aber im Hydepark hatten wir 30 Minuten zur freien Verfügung und da erwischte mich der Virus.

Bereits am Morgen in der Kings Road, der Portobello Road und auf dem Flohmarkt hatten wir einen Kulturschock. Ultrakurze Mini-Röcke, bunte Menschen, es roch nach mehr und nun der Hydepark: Menschen aller Nationen und Altersstufen lagen im sommerlichen Gras, Prediger warnten vor dem jüngsten Tag und chinesische Kulturrevolutionäre verteilten MAO-Buttons:
Ich fragte ein buntbemaltes Mädchen, was hier los sei. Sie flüsterte etwas von Love, Leary, San Francisco und den Beatles und schien ziemlich abgedreht.

Eugen ca. 1970

Zu Hause verzichtete ich zum ersten Mal auf den turnusmäßigen Haarschnitt. Am 25. Juni 1967 spielten die Beatles ALLYOU NEED IS LOVE in einem Livekonzert, das in 31 Länder übertragen von mehr als 400 Millionen Zuschauern gesehen wurde. Das war der Tag, dem wir zu Hippies wurden.
Ich begann zu trampen, egal wohin, ich wollte nur UNTERWEGS sein.
Mit 15 trampte ich zum ersten Mal durch Deutschland. Ich hatte eine schriftliche Erlaubnis meines Vaters dabei und schaffte es von Sylt bis zum Bodensee und dann nach München. In Schwabing hockte ich bei den Gammlern und dann traf ich einen echten amerikanischen Beatnik! Er schenkte mir ein langes Gedicht, kannte angeblich Allen Ginsberg und erklärte mir, dass ich, wie alle echten Beatniks, keine Tasche bräuchte. Ich solle meinen Schlafsack zusammenrollen, meinen Kleinkram drin verstauen, eine Schnur drum und auf die Schulter damit. Leichtes Gepäck. Das war, bevor mich Kerouac mit „Gammler, Zen und hohe Berge“ auf Rucksäcke anturnte.

Wann immer es ging stand ich alleine oder mit Freunden an der Straße und hielt den Daumen raus. Beim Warten fing ich an zu singen oder blies meine Harp. Eigene ausgedachte Blues-Stücke, die ich an den Autobahn-Auffahrten grölte. Das einzige Lied, das ich aufschrieb und später auf der Straße spielte war Lonesome Hobo. Heiter beschwingt, mit Gitarre und Mundharmonika, sang ich meine Realschul-englischen Strophen und träumte davon ein happy lover zu sein.

Lonesome Hobo

Ref: I am a lonesome hobo, travelling through the land
I am a lonesome hobo, travelling through the land.
Hey Mister pick me up, l’m here for hours three
Hey Mister pick me up, it’s so cold to me
I swear I kill nobody, I never had no knife
I ‚ll sleep in a corner, not touching your wife


Ref: I am a lonesome hobo, travelling through the land
I am a lonesome hobo, travelling through the land.
Just pick me up, take me for hundred miles
my feet will become warm, and my face smiles
Ref: I am a lonesome hobo…


I see the spring passing bye and the summer come
and when the leaves are falling, I‘ m searching for a home
Then I‘ m your happy lover, loving you all night
then I’m your happy lover, loving you al1 night.
Speak: But when the spring is coming, I’m going back to the autobahn
taking out my thumb singing:

I am a lonesome hobo, travelling through the land,
I am a lonesome hobo, travelling through the land…

Peter Markl

In Gießen war es leicht, Gleichgesinnte zu treffen, sei es an der Südanlage oder im ‚Bergwerkswald‘, wo häufig Sessions stattfanden. Oder in der Teestube.
Es war ca. 1970, als ich Peter Markl kennenlernte.
An einem Samstagnachmittag ging ich wie üblich zur Shit-Wiese, einem kleinen Parkstreifen an Gießens Südanlage, wo wir dann im Gras dösten oder auf Instrumenten klimperten. Die braven Bürger von Gießen waren längst zu Hause, um Einkäufe in ihre zu Höhlen karren, während wir bereit waren neue Welten zu entdecken. Es waren etwa 30 Leute, die Kräutelein rauchten und Löschpapierchen mit lustigen Aufdrucken kauten, um dann das Zentrum der Galaxis anzusteuern. Etwa dahin, wo Gott und Jimi Hendrix wohnen.

Ich hatte meine Gitarre dabei. Peter, ein Bursche aus Lollar, hatte lange blonde Haare, ein blaues Auge und ebenfalls eine Gitarre. Bald saßen wir zusammen und klampften das Hare Krishna Mantra, Om Namah Shivaja und andere göttliche Gesänge, während andere Bedröhnte auf marokkanischen Handtrommeln den Rhythmus schlugen. Er lernte gerade Baree-Griffe und ich war stolz, ihm etwas zeigen zu können.
Nach diesem Samstag trafen wir uns häufiger in meiner Mansarde am Nahrungsberg und klampften vor uns hin. Schließlich begannen wir ein eigenes Lied zu basteln. Unser Song Checkpoint Charly mag ein bisschen an lt‘s a beautiful Day erinnern, aber was solls? Jedenfalls waren wir mit Checkpoint Charlie, zweistimmig gesungen, unschlagbar. Worauf sich Checkpoint Charly bezog, weiß ich nicht mehr genau. Vermutlich auf die Parkbank in der Südanlage, auf der an jedem Payday die GIs aus der nahegelegenen Garnison saßen … waiting for the man.

Foto: Eugen Pletsch, GIs ca 1970

Checkpoint Charly                     Text: Oigen Tunes: Peter Markl

Ev’ry friday I fly to Checkpoint Charly
ev ‚ry friday in the afternoon
At Checkpoint Charly we have a wonderful day
and with Mary Maiden we have a bowl.

Summertime at Checkpoint Charly
makes life easy for you.


Summertime at Checkpoint Charly
what is not that is and that is true.

Take all your puppets and billboards and strings
and leave the ashtray, go to the sphinx
don’t mind what you think that he thinks
so take all your puppets and billboards and strings.


Hey Mister Moonshine my babylon
what can you do that I can’t do?
Hey Mister Moonshine my babylon
what you say is true – but not for me
he he he…

Elster Silberflug

1970 war ich ein Gründungmitglied im Kollektiv der ‘Gießener Teestube‘, einer Drogenberatungsstelle (!), die in ihrer ersten Zeit durch die künstlerische Gestaltung von Bernward Spiegelburg das schönste Teestuben-Setting östlich von Amsterdam bot. Jenseits der offiziellen Öffnungszeiten war das ein wunderbarer Ort, um die eigenen ‚Pforten der Wahrnehmung‘ zu öffnen. Häufige Gäste, besonders in der kalten Zeit, waren die Gründerväter der Gruppe Elster Silberflug: Ulli Freise, Diethard Heß und Hartmut Hoffmann. Mit Bernward Spiegelburg, Thomas Ziebarth und Peter Markl waren das die Ur-Elstern. Sie hausten zeitweise in einem winzigen Raum im Hofgut Friedelhausen bei Lollar und ernähren sich von braunem Reis und Maiskolben, um jene wundersam mystische und damals zugleich hochmoderne Musik zu kreieren, die diese Gruppe später bundesweit bekannt werden ließ.[2]

Ulli Freise hatte sich im Duo mit Fredrik Vahle während der Studenten-bewegung einen Namen gemacht und die Schallplatte „Wir, Bürgermeister und Senat“ veröffentlicht. New York hatte Simon & Garfunkel, Frankfurt hatte ‚Christopher und Michael‘ und Gießen hatte Ulli und Fredrik!
Während Fredrik sich später sehr erfolgreich dem (politischen) Kinderlied zuwandte, befasste sich Ulli Freise mit altdeutschem Liedgut, mystischen und Vaganten-Liedern, aber auch mit Moritaten von Heinrich Heine, François Villon und seinem eigenen Material als Singer / Songwriter

In der Teestube gab es einen Musikraum, in dem besonders im Winter viele Sessions stattfanden und junge Musiker ihre Talente entwickelten. Allen voran der bereits 1991 verstorbene Peter Markl aus Lollar, dem fast vergessenen Genie, wie ihn unsere Heimatzeitung 2018 in einem Artikel nannte und von dem 2005 posthum eine CD veröffentlicht wurde. Peter Markl.pdf

Das Unheil

1971 wurde ich für den Film DAS UNHEIL von Peter Fleischmann für eine Rolle als Schüler in dem Film gecastet und unterschrieb einen Kleindarsteller-Vertrag bei United Artists. Martin Walser, Volker Schlöndorf und andere Prominente kamen in die Provinz, wo Fleischmann allabendlich in einer griechischen Kaschemme Hof hielt. Mit der jugendlichen Hauptdarstellerin Frederique Jeantet aus Paris in der Rolle der ‚Roswitha‘ hatte ich eine zarte Romanze.
Nach den Dreharbeiten, die sich ewig hinzogen, wurde ich noch mehrfach zur Synchronisation nach Wiesbaden und München angefragt, um die Dialoge des Hauptdarstellers Vitus Zeplichal aus Österreich in meinem hessischen Dialekt zu sprechen. Als ich den Film 1972 (?) in Paris in einem Undergroundkino sah, war ich entsetzt. Das UNHEIL wurde ein Flop, was nicht an mir lag, sondern an dem konzeptionslosen Irrsinn, den der Choleriker Fleischmann (mit dem Drehbuch von Martin Walser) veranstaltet hatte.
Dass der Film vor kurzem wieder als vergessenes Meisterwerk in die Medien auftauchte, zeigt, dass Schwachsinn keine Grenzen kennt.[3] (Mal abgesehen davon, dass mich Google trotz Widerspruch nach wie vor als Schauspieler führt).
Für mich war es natürlich spannend am Drehort in Wetzlar abzuhängen, zumal die Band XHOL mitspielte. Die wohnten während der Dreharbeiten als Kommune in einem alten Turm, indem auch ich manchmal übernachten durfte. Mit dem Saxophonisten Tim Belbe freundete ich mich an und jammte Jahre später mit ihm im Keller des RELEASE, Highdelberg. Skip, den Drummer, mit einer Matte bis zum Gürtel, traf ich eines Tages mit geschnittenem Haar und im Businessanzug bei der damaligen ‚Devine Light Mission‘ des Guru Maharaji wieder.

Vom Geld, das ich mir bei Peter Fleischmann als Synchronsprecher verdient hatte, kaufte ich mir eine Elektrogitarre, eine Hoyer ‚Les Paul‘, wie sie mein Freund Bernd Wippich zu seiner Zeit bei den ‚Petards‘ spielte. Ich merkte aber schnell, dass mir jegliches Talent zum Solospiel auf der E-Gitarre fehlt und so klimpere ich bis heute lieber auf Akustikgitarren.

Das Unheil“ Vitus Zeplichal links, Bernhard Kimmel Mitte, E. Pletsch rechts. Quelle: © FILMFEST MÜNCHEN 2017

Reimar Lenz

„Lenz verweigerte sich dem Konsumdenken und lebte nach dem Motto: „Kultur ist, was man selber macht“; er sah sich selber nicht als Aussteiger, sondern als Einsteiger für eine neue Lebensart und Denkweise.“ Wiki

Dem Schriftsteller Reimar Lenz († 2014) begegnete ich erstmals 1972 in Kassel, bei einem ‚Fest der weißen Gewänder. Es wurde eine denkwürdige Session, die Frau Dr. Ingrid Riedel dazu inspirierte weitere Begegnungen zu organisieren.

Daraus entstand die große, jährliche Erweckungsparty der Alternativszene, das legendäre Pfingsttreffen, veranstaltet von der evangelischen Akademie in Hofgeismar. Hier fand die Szene der frühen siebziger Jahre unter der weisen Administration von Frau Dr. Ingrid Riedel ihre Stimme. Es gab immer ein offizielles Programm, bei dem die Großkopferten der Szene ihren Aufritt hatten, sei es Dieter Duhm, Hadayatullah Hübsch (damals mit Perserkäppchen und pakistanischen Bodyguards) – während im Foyer die vielen anderen abhingen, die sich den Besuchern mit Büchern (Che Urselmann, ZERO), Projekten und Ideen präsentierten. Dort lernte ich Gerriet Hellwig[4] kennen, der mit der Alternativen Kooperation ein neues Konzept der Vernetzung von Mensch und Kompetenz entwarf, sowie den eingeborenen Worpsweder Künstler Matthias ‚Regenmacher‘ Kaufmann, Julian Pawlik, der vom Topmanager zum Biotherapeuten transformierte oder Carl Ludwig Reichert, den Privatgelehrten und Erfinder des bayrischen Mundartrock. Viele aus dieser Zeit blieben für lange Jahre (oder sogar bis heute) liebe Freunde.

In den Pausen des offiziellen Programms flogen die Frisbees im Park, in dem die Familien-Clans wie Löwenrudel beieinander lagen und neueste Ernährungsdogmen ausfochten. Nachts begannen endlose Trommel- und Trancesessions.
Draußen, bei der Garderobe im Flur, wo die Akustik am besten war, saß ich nachts mit meiner Gitarre, spielte Lieder und Balladen und zum Abschluss des Abends das Linsensuppen-Sutra, ein Zen-Lied, das – meist – zur augenblicklichen Erleuchtung führte.

Das ‚Linsensuppen-Sutra‘ habe ich seitdem nur selten vorgetragen und nur zu besonderen Anlässen wie dem Zusammentreffen mit C. L. Reichert, Gisela Dischner, Rolf Schwendter und Rolf Hanusch, das als Transmittercassette LIED 84[5] unter dem Titel „Eine gnadenlose Nacht in Josefstal“ dokumentiert ist.

Sang & Cartoon by Oigen 1973


Innerhalb weniger Jahre entwickelte sich diese experimentelle Pfingst-Bewegung zu einer Spielwiese der gerade entstehenden Alternativkultur.
Jahre später verfasste Reimar Lenz unter dem Titel Wo Oigen debütiert hat einen längeren Artikel für mein Büchlein „Zwischen Sternenstaub und Hühnerdreck“, in dem er diese faszinierende Zeit beschreibt. Auszüge:
„(…)  Gefühle wie einst im Mai, wenn ich daran denke, wie ich in eine Kasseler Privatwohnung kam und dort jüngere Leute traf, die mich nicht nach meinem ideologischen Standpunkt ausfragten, auch nicht gleich mit mir diskutieren wollten, sondern sich stattdessen, nach einer dezenten Anlaufzeit scheinbarer Gleichgültigkeit danach erkundigten, wie es mir gehe. Das war ich nicht gewohnt. Das war damals, auf dem Höhepunkt der kulturpolitischen Macht der neuen Linken, der ich mich zugehörig fühlte (mit Abstrichen) absolut ungewöhnlich. Und die Kasseler Mini-Szene, die sich mir bot, war es auch(…) Da saßen Mädchen und Knaben, wohl lauter Twens, auf dem Fußboden, malten vor sich hin, spielten Blockflöte, nur so, oder hockten nur still, was sie „Meditation“ nannten. Wie es mir ging? Dort nicht schlecht. Ich war in die deutsche Hippie-Szene geraten, jene zärtlichen kleinen Kreise, die sich von amerikanischen Hippies seit 1967 hatten inspirieren lassen. In dieser Wohnung trafen wir uns dann Pfingsten 1972 zu einem spontanen Fest mit 25 Figuren. Wir lasen eine Buddharede, und das dauerte mehr als eine Stunde. Die großartige Rede vom „Prachtnetz“ war es, in der Shakyamuni (nachmaliger Titel: Buddha) mit dem Kulturbetrieb der Zeit abgerechnet hat. Wir lasen Meister Eckhart, malten wieder, machten Musik und hockten (Meditation), in Schneiders Lotossitz, tanzten und waren unseres Lebens froh.

Hier lernte ich auch lngrid Riedel kennen, die damals schon Gesprächsleiterin an der Evgl. Akademie Hofgeismar war, und ein Fädchen wurde geknüpft von ihr zu uns, das sich während eines furchtbaren Jahrzehnts zum Netz erweitern sollte. Es gab nun Tagungen in Hofgeismar über psychedelische Drogen, zusammen mit Release-Mitarbeitern, über Meditation, spirituelle Traditionen der Weltreligionen, die Grundrechte der Natur, eine Kultur des Eros und was so schöne Themen mehr sind. Gesprächs-, Selbsterfahrungs- und Kreativitätsgruppen bildeten sich, was für damalige Zeiten einen totalen Wandel des „Tagungs‘-Stils bedeutete.

Die „Hofgeismarer Pfingstfeste“ waren geboren und erfreuten sich wachsender Beliebtheit in der grünenden Alternativ-Szene. (…) Eine Blütezeit der deutschen Kultur brach an, wie jeder bestätigen kann, der dabei gewesen. (…)

(…) Der vielfältige Geist wehte, wo er wollte, diesmal ausgerechnet im akademie-eigenen Hofgeismarer Schlösschen, beruhigte den Atem von  Meditierenden, beflügelte Dichter, brauste auf in der dynamischen Meditation eines Bhagwan, der damals noch eher Anreger als Sektenführer war, musizierte, schuf Stegreif- und Laienspiele (wo sind die Skripts geblieben?), und des LiebesGeistes voll waren fortschrittliche Christen, die den Pfingstgottesdienst gestalteten (Rolf Hanusch, Gerhard Marcel Martin und andere).

Auf dem Höhepunkt dieser weltreligiös getönten Welle pilgerten Mitte der Siebziger Jahre 400 Leute aus Land- und Stadtkommunen (ebenso wie hartgesottene Einzelgänger) nach Hofgeismar und übernachteten teils illegal im Park und auf den Fluren. (Hätte man noch Namenslisten, es wäre ein Gotha der edelsten Freaks.)

Das konnte nicht gut gehen. Als einige Enthusiasten auch noch nackt badeten im christlichen Teich, als wollten sie eine Renaissance des Adamitentums ausrufen, gab es Ärger im Stadtparlament, ein Pfingstfest musste ausfallen und die Bewegung ging auf Tauchstation.

(…) Die Freaks verloren die Lust am Pfingstfest, das gezähmt wurde in Hofgeismar, die traditionelle multi-rhythmische Nacht der Trommeln wirkte nun primitiv statt beschwingt, eine Priesterkaste, die entstanden, aus Referenten und Gruppenleiter/Innen) begann, sich zu wiederholen. Der  Geist ward müde wie das Fleisch. Eines freilich blieb sich gleich: alle Jahre wieder erinnerte Oigen an paradiesische Zeiten, wenn er nach Mitternacht zu rhapsodieren begann, seine Songs vortrug (ewig unvergessen: Das Linsensuppen-Sutra), die Suada improvisatorisch weiter führte, mit einem sensiblen Tempo, als wäre der Sänger high und vom Geiste persönlich geküsst beziehungsweise von der Muse (“ Lucy in the sky with diamonds . . .“ )
Jener Oigen war mir übrigens schon aufgefallen auf einem Kasseler Alternativ-Treffen, als er in einer wort-musikalisch improvisierenden Runde in wachsender Ekstase immer nur „Freude“ rief.

Ansonsten hatte sich an ihrem Ende die schöpferische Lauge der frühen Siebziger verfestigt. Talente kristallisierten sich heraus, gerannen zu Markenartikeln. Buntscheckige Freaks bekannten Farbe, wurde monochrom, wurden Grüne oder trugen Orange. Zart hauchende Mädchen mutierten zu vitalen Frauen und traten einem plötzlich wieder entgegen als hauptberufliche Atemtherapeutinnen. Die Professionalisierung forderte ihr Recht. Und mancher der alten Freak-Freunde, damals noch ein verträumter, schüchterner Adept, ist heute Guru geworden, hat eine eigene Therapie entwickelt, lässt Prospekte drucken mit einem -ismus darauf und gibt Wochenendkurse zu 250,- DM. Aus Freistilchristen wurden Pastöre und Theologieprofessoren.

(…) ln „Hofgeismar“ war vieles eben keimhaft vorhanden. Aber mit der Spezialisierung der Lebenswege zerbrach die große Jugend-Koalition. Dass der ganze Sturm und Drang, diese Mini-Jugend-Bewegung sich an den Mauern einer evgl. Akademie früher oder später brechen würde, habe ich als alter Skeptiker immer vorausgesehen. (…)
Die „Brüder und Schwestern vom freien Geiste“ können nicht Wohnung nehmen in einer protestantischen Institution, und sei diese auch noch so offen, wie Hofgeismar damals war. So ist denn die ganze Hofgeismarer Schule von lngrid Riedel, welche mit ihren Tagungen über „Buddhismus, Sufismus, Traum, Bildmeditation noch über den Pfingstkreis hinausreichte, auch verweht. Und die pfingstliche Erbschaft, soweit schriftlich fassbar, ruht in Aktenkoffern der lieben Ingrid (…)
[6]

Ein anderes Lied, das ich in Hofgeismar häufig gesungen habe, wurde in einer Alternativ-Zeitung abgedruckt und auch in der TAZ, wie ich später erfuhr.

Zehn kleine Landfreaks     (Oigen, 1973+)

Zehn kleine Landfreaks kauften eine Scheun‘,

der eine hat im frein geschlafen, da waren es nur noch neun.

Neun kleine Landfreaks teilten alle Macht

einer wollte Guru sein, da waren es nur noch acht.

Acht kleine Landfreaks zogen ihre Rüben

einem tat der Rücken weh, da waren es nur noch sieben.

Sieben kleine Landfreaks verrauchten alle Schecks

und als das Dope dann alle war, da waren es nur noch sechs.

Sechs kleine Landfreaks, wuschen ihre Strümpf,

einer wollt ne Waschmaschin‘, da waren es nur noch fünf.

Fünf kleine Landfreaks kauften einmal Bier

einer brachte die Flaschen zurück, da warens nur noch vier.

Vier kleine Landfreaks machten ne Dealerei

die Bullen haben das geschnallt, da warens nur noch drei.

Drei kleine Landfreaks, kochten einmal Brei

einer wollte Wurst dazu, da waren es nur noch zwei.

Zwei kleine Landfreaks, wollten sich mal lieben

das zog sich über Jahre hin, das waren es wieder sieben!

Krauts Zupforchester

Ulli Freise, Hartmut Hoffmann und Thomas Ziebarth machten sich gemeinsam auf den Weg nach Indien. Sie waren etwa ein Jahr unterwegs und auf dem Rückweg nach Gießen blieben sie in Heidelberg hängen. Sie lernten Barby Grosse und Lutz Berger kennen, die sich der Gruppe anschlossen und der Rest wurde Folkmusik-Geschichte[7].
‚Deutschfolk‘ nannte man das damals. Die Musik der Elstern inspirierte auch andere Musiker, ein Liederbuch wurde veröffentlicht. Dann nahmen die Elstern bei Hansa in Berlin (‚at the wall‘, wo David Bowie sein Album Heroes produziert hatte) ihre erste Schallplatte auf. Es folgten weitere Veröffentlichungen.

Bassist Diethard Heß, der ‚Ulli und Fredrik‘ bereits bei ihren Konzerten auf der Burg Waldeck begleitet hatte, pendelte zwischen Gießen und den Elstern-Gigs hin und her. So kam es, dass wir uns im Sommer bei einer Session im ‚Bergwerkswald‘ musikalisch näher kamen. Nach einer langen psychedelischen Nacht fragte mich Diethard, ob ich Lust hätte, mit ihm und Thomas Ziebarth unter dem Namen Krauts Zupforchester ein paar Gigs zu spielen. Die Elstern würden Konzerte in England wahrnehmen, woran er wegen anderer Termine nicht teilnehmen könnte. Ich wunderte mich zwar, dass er mich in Erwägung zog, aber ich willigte ein.

Kurz darauf zogen wir auf eine einsame Lichtung im Schwarzwald, wo wir etwa eine Woche unter freiem Himmel an einem Lagerfeuer kampierten. Wir spielten Tag und Nacht, inspiriert von den gütigen Gaben eines Sadhus, der uns als psychedelischer Zeremonienmeister begleitete. Ich habe keine Erinnerung mehr daran, ob und wann wir je etwas gegessen hätten. Aber in dieser Woche lernte ich etliche Lieder aus fünf Jahrhunderten: Vagantenlieder, Moritaten, deutsche Mystik, selbstkomponierte Tänze und andere Folksongs, von denen mein Langzeitgedächtnis manche bis heute rezitieren kann.

Plakat: Thomas Ziebarth

Via Bundesbahn-Schlafwagen gingen wir dann auf Tour. Bei unserem ersten Auftritt im Nörgelbuff in Göttingen wurden wir um die Gage gelinkt, dann spielten wir in Clausthal-Zellerfeld vor ca. achthundert Bergbau-Studenten im Audimax. Irgendwann landeten wir für zwei Konzerte in Stuttgart. Weitere Etappen sind mir entfallen oder ausgefallen, aber bei unserem letzten Auftritt, einem Stadtfest, standen wir auf der Bühne vor dem Bonner Rathaus und spielten Drei Chinesen mit dem Kontrabass, was perfekt zu uns passte: Thomas Ziebarth spielte die Bouzouki, Diethard Hess sein Guitarrón, einen mexikanischen 6-Saiten-Bass, und ich spielte meine Gitarre.

Als die Elstern aus England zurückkamen, waren wir plötzlich zu viele auf der Bühne.

Elster Silberflug

Ich, für meinen Teil, meinte genug gelernt zu haben und tingelte alsbald alleine durch die Einkaufsstraßen, gelegentlich begleitet von meinem musikalischen Backbone Peter Markl. Oder von Norbert aus unserer Michelauer Nachbar-WG, der mich mit seinem Bus herumfuhr und meine Darbietungen mit seinem riesigen schwarzen Hund bewachte, was mir manchen Ärger mit Besoffenen ersparte.
Eines Tages, auf dem Rückweg von einer Tour, kam mir in Norberts Bus eine Melodie in den Sinn, die mich tagelang nicht verließ. „Krocodiles“ ist eine melancholischen Kiffer-Ballade, die ich mit Peter Markl zusammen sang und die auf der Schallplatte „Musik aus dem Odenwald“ (Der Grüne Zweig Nr. 50) veröffentlich wurde.

Krocodiles   (Oigen 1975)

There’s a song in my ear
salty like tears

of a krocodile
there’s no smile
and – there is no face in the mirror.


When I come home I am so alone
there’s no one
the dish ist not done
and

there is no word on the paper.

I’m sitting down, smoking alone
green green grass
it’s a heavens mess
but l’ve lost

the key of fortune.

Oigen, der Sänger vom Frankenschlag

Der Frankenschlag

Mit meiner jungen Familie war ich mittlerweile auf einem Hügel südlich des Vogelsbergs gelandet. Auf meinen Wanderungen hatte ich dort ein achteckiges turmartiges Gebäude entdeckt, das der Anthroposoph Kurt Theodor Willmann in den dreißiger Jahren eigenhändig aus Vogelsberger Basalt erbaut hatte. Die Fensterbögen aus Tuffstein waren anthroposophisch-künstlerisch ausgestaltet.
Der ‚Frankenschlag‘ wurde für die nächsten Jahre unsere Heimat. Auf diesem Hügel, etwa zwei Kilometer vom nächsten Ort entfernt, lebten wir als Aussteiger ohne fließendes Wasser und ohne Strom. Ich hoffte D. H. Thoreaus Idee von Walden oder Leben in den Wäldern in der Familie nacherleben zu können. Wir hatten ein Stück Land, das wir zum Teil urbar machten. Das Heu der Wiese überließen wir der Nachbarkommune, die uns dafür Käse und Brot gab. Mit dem Maler Karl Möller gründete ich die Vogelsberger Kunstgenossenschaft. Meine Tochter kam auf dem ‚Frankenschlag‘ mit der aufgehenden Julisonne zur Welt. Die Hebamme schaffte es gerade noch im letzten Moment zu uns auf den Berg. Kaum war sie weg, vergrub ich die Nachgeburt im Komposthaufen, auf dem im nächsten Jahr besonders gutes Marihuana wuchs.

Vom Frankenschlag aus brach ich als ‚Oigen, Sänger vom Frankenschlag‘ zu meinen Raubzügen auf. Meist spielte ich Lieder aus dem Repertoire der Elster Silberflug, aber auch englischsprachige Folk-Songs. Mit der Zeit spürte ich jedoch eine gewisse Unzufriedenheit mit meinem Programm und versuchte, eigene Lieder zu schreiben, Bob Dylan-Songs in deutscher Sprache zu interpretieren und begann, Tolkiens Gedichte von aus dem ‚Herrn der Ringe‘ zu vertonen.
1978, fand ein Konzert statt, zu dem viele Musiker der Odenwald-Region[8] unplugged auftraten, Peter Markl und ich waren auch dabei.

In den Liner Notes zu „Emma Myldenberger“ 1978/2005 schreiben Walter Nowicki und Michel Meyer über „Musik aus dem Odenwald“ (Der Grüne Zweig 50):„(…) Sie enthält Ausschnitte des Festivals vom 24. und 25.9.1977 in der Gewerbeschule Weinheim, aufgenommen von Günter Pauler, dem Inhaber des Stockfisch-Labels, und abgemischt von Mitveranstalter Hermann von Löwensprung. Gefeiert wurde damals der siebte Jahrestag der Gründung von Werner Piepers Buchverlag Grüne Kraft. Die LP erschien in zwei verschiedenen Hüllen: Die eine wurde von Thomas Ziebarth gemalt, bekannt von Elster Silberflug (www.elster-silberflug. de) und Turwan her, die andere von Cornelius Fraenkel. (…) Auflagen: je 500 Stück. Im Jahre 2003 gab es „Musik aus dem Odenwald“ dann auch auf CD (Sireena 2018), und zwar mit eingefärbter Hülle (die Fassung von Thomas Ziebarth) und fettem Heftchen im Digipak.
Der Silberling enthält sieben Zusatzstücke, allerdings keines von Emma Myldenberger. Weitere Gruppen dort unter anderen: Odenwald-Express (mit Ax Genrich, Biber Gullatz, Seppl Niemeyer, Reines Pauker u.a.), Marktplätzchen (mit Biber Gullatz, Reines Pauker, Ax Genrich, Jogi Karpenkiel und Seppl Niemeyer) und Zeitenwende (mit Ax Genrich u.a.).


Mani und Gunhild Deis-Friese, die zufällig beim Konzert vorbeischauten, wurden auch auf die Bühne gebeten und sind mit ihrer Version von „Es geht über den Main eine Brücke aus Stein“ unvergesslich geblieben.

Straßenmusik…

„Tingeln“, wie wir Straßenmusik nannten, war mir deshalb am Liebsten, weil es für mich relativ stressfrei war. Es musste niemand stehen bleiben und jedem stand frei, meinen Vortrag zu belohnen. Natürlich half ich mit Sprüchen wie
Sowie das Geld im Koffer klingt, der Sänger gleich viel besser singt kräftig nach.

Manchmal mit, manchmal ohne Peter Markl spielte ich mittlerweile ein Programm aus Liedern der Elstern, internationalen Folksongs, Dylan, Donovan und immer mehr eigene Lieder. Vor alten Damen konnte ich herrlich Dat du min Leevsten bist schmachten. Ich hatte kein schönes, aber ein lautes Organ und verdiente nicht schlecht, wenn ich an einem bitterkalten Wintertag auf dem Nikolausmarkt in Stuttgart sang oder an brüllendheißen Sommertagen in der B-Ebene der Frankfurter Hauptwache jodelte. Einmal vermerkte die Nachtausgabe der Abendpost in der Lokalrubrik: ‚Er ist wieder da!‘

Mein Lied, das meine Pausen ankündigte, hieß: „Für die Leute“

Song & Cartoon: Oigen ca.1978

Da meinen Zuhörern die altdeutsche Sprache mancher Lieder kaum verständlich war, begann ich, die Lieder zu erklären. Dadurch blieben immer mehr Leute stehen. Der künstlerisch frustrierende Haken war: Sowie ich das angesagte Lied zu singen begann, löste sich die Traube auf und es blieben nur ein paar Schulmädchen vor meinen Gitarrenkoffer sitzen. Also wurden meine Ansagen, die ich im Talking-Blues-Stil vortrug, immer länger und verdiente so das Geld, das wir dringend brauchten, denn wir lebten damals zu viert von kaum vierhundert Mark im Monat.[9]

Oigen ca. 1976 in der Stadtsparkasse F.

Das Forum, eine Location der Stadtsparkasse Frankfurt, lud mich zweimal ein, bei der Eröffnung einer Ausstellung zu spielen. Ich erinnere mich auch an eine Veranstaltung in der B-Ebene der Hauptwache, „Jazz am Mittwoch“ oder so ähnlich. Ich stand da mit meiner Gitarre und war gerade am Erzählen[10]. Die Leute lachten und warfen Geld in den Koffer, bis irgendein Blödmann auftauchte, um meine Show zu stören. Der Typ baute sich mit einem fetten Stereoradio vor mir auf, drehte es immer lauter und begann dazu zu grölen. Er war besoffen, hatte seinen Spaß und ich vermisste Norbert mit seinem großen schwarzen Hund. Um uns herum stand eine große Traube von etwa 100 Leuten.
Alle schauten gespannt zu, aber keiner traute sich etwas unternehmen. Ich war ratlos. Ich wusste zwar, dass ich hier auf der B-Ebene als Unikum Narrenfreiheit genoss, aber nur geduldet von mächtigeren Kräften aus der Kaiserstraße.

Der Typ war echt besoffen. In meinem mittelalterlichen Lied ging es um Liebe, Gram, Schmerz und Tod und so sang ich immer lauter. Das traurige Lied triefte wie altes Fett einer Sachsenhäuser Pommesbude, worauf der Typ das Radio schließlich leiser drehte und zuhörte. Plötzlich hörte ich Schläge und Trampeln. Der Spinner begann, sein gutes, vermutlich frisch geklautes Stereoradio zu zerdeppern. Er trampelte darauf rum, denn ich hatte ihn (vermutlich mit dem Lied: Es taget in Österiche) voll unter Gürtellinie erwischt.
Nun schämte sich der Suffkopf, trat nochmals auf sein Radio und warf es in einen Papierkorb. Dann kam er nach vorne in den großen Kreis, der sich um mich gebildet hatte und legte sich auf den Boden, direkt vor meinen Gitarrenkoffer. Da lag er nun, lieb und brav, und lauschte meinen Gesängen.
Ich sang weiter und die Leute klatschen erleichtert. Ein Geldregen flog über den Burschen am Boden in meinen Koffer hinein.

Währenddessen fingen einige Techniker vom Hessischen Rundfunk damit an, eine Bühne aufzubauen. Sie hatten schon die ganze Zeit hinter mir gewerkelt und begannen große Scheinwerfer aufzustellen. Richtig dicke Dinger. Für die Herren Techniker war ich nur ein Hanswurst und so schoben sie mich von hinten zur Seite und störten meinen Vortrag.
Ich selbst bin von Natur aus friedlich, aber mein neuer Fan am Boden vor meinem Koffer war es nicht. Ich sang gerade Avecce la Mamotte als er sah, wie die Roadies mit mir umsprangen. Für seinen Zustand unglaublich flink stürzte er sich auf den nächsten Techniker und schlug zu. Er traf und legte sich dann wieder wie ein braves Hündchen vor meinen Koffer.
Ich sang gerade „…und wenn ich einst gestorben bin /Avecce la mamotte – als die Techniker auf meinen Fan losgingen. Der setzte der sich professionell zur Wehr, unterstützt von bisher unbekannten Randgestalten. Es entstand ein großes Geschubse, während ich weiter sang und mit einem Fuß versuchte, meinen Gitarrenkoffer zur Seite zu schieben. Manche Zuhörer schrien hysterisch, andere lachten Tränen. Ein großer Scheinwerfer stürzte um und zerknallte laut. Während Schläge ausgeteilt wurden und meine Zuhörer auseinanderstoben, versuchte ich meinen Gitarrenkoffer mit dem Geld in Sicherheit zu bringen. Dann war alles vorbei und ich verzog mich. Adrenalingeschüttelt packte ich meinen Kram und trampte heim, wo ich total erschöpft wie üblich für drei Tage zum Pflegefall wurde.

Mein Song Nur ein Penner frei nach Only a Hobo von Bob Dylan entstand nach anderen Erlebnissen an der Frankfurter Hauptwache.

Nur ein Penner                  (Oigen, 1975)
Als ich einmal an der Hauptwache steh‘,
taten mir die Füße weh,
ich setzte mich an die U-Bahn Ecken
da sah ich einen Penner verrecken.


Ref: Es ist nur ein Penner wen stört das schon
Sang sein Leben keinen rechten Ton
niemand beweint ihn das ist nun der Lohn
es ist nur ein Penner wen stört das schon.


Am Abend in den Park getrollt
die Zeitung untern Kopf gerollt
mit den Kumpels hat er die Flasche geteilt
und nur beim Essen hat er sich beeilt
Ref: Es ist nur ein Penner …


Es braucht nicht viel zu sehen wie ein Leben verrinnt
wie manch einer täglich neu beginnt
und abends liegt er wieder im Dreck
und die Flasche ist leer und das Geld ist weg.
Ref: Es ist nur ein Penner …


So nehm‘ ich den Alten bei der Hand,
erzähl‘ ihm was von ’nem gold’nen Land
wo der Schnaps und der Rotwein billig ist
und ihm keiner auf seine Sachen pisst.


Es ist nur ein Penner wen stört das schon
sang sein Leben keinen rechten Ton
niemand beweint ihn das ist nun der Lohn,
es ist nur ein Penner wen stört das scho
n.

Die Grüne Raupe

Die psychedelische Revolution war der Nährboden der Landkommunen-Bewegung. Diese war eng verzahnt mit der Antiatomkraft-Bewegung und bildete das Rückgrat dessen, was sich ursprünglich unter dem Grünen Banner versammelt hatte. Der ‚Achberger Kreis‘, Robert Jungk, Josef Beuys (den ich in Kassel und Gießen erlebte) Philosophen, Künstler und weitsichtige Köpfe fanden zusammen, um über eine ökologische Gegenbewegung zur etablierten Politik zu diskutieren. Tausende junger Menschen hatten auf ihren inneren Reisen erfahren, dass das Leben auf diesem Planeten ein vernetztes, sensibles Gebilde ist. Die Botschaft hieß: das planetare Mutterschiff GAIA retten! Jeder machte sich auf seine Weise auf den Weg – doch leider wurden manche Wege zum Irrweg, wie sich später herausstellen sollte.


Der Wahlkampf der GRÜNEN wurde von dem Konzertveranstalter Fritz Rau unterstützt, der viele Musiker via ‚Grüne Raupe‘ auf den Weg zu dem Salat schickte, den uns die GRÜNEN heute servieren. Aber am 6. März 1983, nachdem klar war, dass es die GRÜNEN als Partei in den Bundestag geschafft hatten, standen wir noch begeistert auf der Bühne: Zeitenwende (die neue Formation von Ulli Freise), Bernies Autobahn Band, Konstantin Wecker und andere, die die ‚Grüne Raupe‘ begleitet hatten, sangen The Times They Are A-Changing. Niemand ahnte zu dem Zeitpunkt, dass diese Partei zu olivgrünen Transatlantikern mutieren würde, die eines Tages sogar Waffenexporte gutheißen könnte.

Die Zeiten müssen sich ändern  Oigen 1977
Frei nach Times they are a’changing von Bob Dylan (Überarbeitung 2021)

Kommt her ihr Leute woher ihr auch seid,
macht die Ohren auf und seid bereit,
wir stecken hier bis zum Hals im Dreck,
so weiter machen hat keinen Zweck.
Wir packen es heute oder wir packen es nie,
denn die Zeiten müssen sich ändern.


Kommt ihr Schreiber und Schwätzer im ganzen Land
legt die Stifte aus der Hand
und hört genau zu, denn jetzt sprechen wir
es geht um das Heute und es geht um das Hier
und hört auf mit den Lügen, es hat keinen Sinn
denn die Zeiten müssen sich ändern.


Ihr Karrieristen im Bundestag
wir schließen mit euch keinen Vertrag
ihr seid besoffen und ihr seid von sinnen
und ihr wollt die ganze Welt gewinnen.
Macht den Weg frei, verschwindet,
geht zu dem der euch bezahlt,
denn die Zeiten müssen sich ändern.


Ihr Schreibtischmörder der Wissenschaft,
die halbe Welt habt ihr hingerafft,
mit Gift und Schwindel und falschen Prognosen,
jetzt sitzt ihr da und scheißt in die Hosen,
Hört auf, was ihr treibt ist schwarze Magie
denn die Zeiten müssen sich ändern.


Ihr neuen Nazis in Ost und West,
schon wieder verbreitet Ihr Eure Pest,
erinnert Euch wie kaputt alles war,
als das Land in Schutt und Asche lag,
verpisst Euch, es reicht, genug ist genug,
denn die Zeiten müssen sich ändern.


Und ihr, ihr Kinder im ganzen Land,
ihr steht mit dem Rücken an der Wand,
also schreit und springt und fangt an zu leben,
ihr müsst diese Welt aus den Angel heben.
Es gibt für uns alle jede Menge zu tun,
denn die Zeiten müssen sich ändern.

Öko-Ambitionen und Protestlieder

Die Landkommunen-Bewegung der 1970er Jahre war ein bundesweites Phänomen, über das Soziologen vermutlich schlaue Texte verfasst haben.
An manchem Wochenende pilgerten Massen von Suchenden in den Vogelsberg, meist zum Altenfelder Hof (bei Gedern), den der Maler Karl Möller mit seiner Familie bewirtschaftete. Sie wollten etwas von Gartenbau und Ziegenzucht erfahren oder ein Haus mit Hof finden, um dort ihre Städter-Träume zu verwirklichen, bis dann der Holzwurm die Hütte und der Wind die Scheune zerlegen würde. Wir organisierten den gemeinsamen Einkauf von BIO-Food, teilten die Ernte der Gärten und andere Erzeugnisse. Die Männer redeten viel schlaues Zeug wenn der Tag lang war, bis ihnen die Frauen mit vollkommen unkreativen Alltäglichkeiten wie Wollwäsche waschen und Holz holen auf die Füße stiegen.

Das Leben auf dem Land brachte auch manchen Ärger mit sich, nicht nur wegen ideologischer Streitigkeiten in Sachen Kinderernährung. Zum Beispiel hatten wir auf dem Frankenschlag Probleme, weil wir während Schleyer-Fahndung öfter von Polizei-Wagen besucht wurden, was die Dörfler gegen uns noch misstrauischer machte. Damals wurden alle Land-WGs und jede Aussteigerfamilie bundesweit verdächtigt, den von der RAF gekidnappten Arbeitgeberpräsidenten Schleyer im Keller versteckt zu halten.
Ein andermal besuchte die Polizei unser Grundstück, um unseren Kompost mit den drei riesigen Graspflanzen zu inspizieren. Sie waren vermutlich von einem Landwirt mit dem ich Ärger hatte darauf hingewiesen worden. Also zeigte ich auf dessen rotleuchtendes Feld im Tal und erklärte den Beamten, dass der Bauer dort großflächig OPIUM anbauen würde. „Den sollten sie sich mal näher anschauen“, rief ich ihnen nach.

Irgendwann reichte es mir. Da wir unser Trinkwasser häufig am Brunnen im Innenhof der Büdinger Schlosses in drei 15-Literkanister abfüllten, besuchte ich bei der Gelegenheit die Polizeistation und fragte nach dem dortigen Chef. Der hatte natürlich schon von uns gehörte. Ich erklärte ihm, dass wir friedliche Leute wären, die biologischen Landbau betreiben. Ich würde ansonsten für eine Landwirtschaftszeitung namens KOMPOST schreiben und gelegentlich als Straßensänger auftreten. Wir hätten aber keinen Herrn Schleyer im Rübenkeller und besäßen keine Waffen, außer der alten Sense, an der ich mir kürzlich den Daumen verletzt hätte, die aber selbst für einen Bauernaufstand absolut untauglich wäre. Von da an war Ruhe. Kommunikation heißt das Zauberwort!

Plakat aus meinem Gitarrenkoffer von Gerd Baumann

Die Zeit im Vogelsberg und die Erfahrung mit dem, was ich auf dem Land erleben sollte, inspirierten mich dazu zwei alte Lieder umzuschreiben, die mein Programm alsbald erweiterten. Nach der Melodie von ein Klein wild Vögelein fragt sich ein bislang Raiffeisen-gläubiges Bäuerlein, ob er nicht nach allen Regeln der Kunst verarscht wird? Der Hintergrund: Innerhalb weniger Jahre wurde eine Vielzahl Bauern in den Konkurs getrieben, während Monsanto-Raffkes die Landschaft flächendeckend vergiften und ruinieren durften, unterstützt von jenen kriminellen CSU-LandwirtschaftsministerInnen, die nichts unternahmen, um das Aussterben von Bienen und Tausenden anderen Pflanzen und Tieren zu verhindern. Gewinner sind Großagrarier, die ihre Schäflein (von Brüssel fett vergoldet) im Trockenen haben, während das deutsche Landvolk in seiner großgemusterten Wohnzimmertapetenhölle sitzt und sich fragt, warum es die Jugend in die Stadt zieht.
Wir waren die Jugend, die aus der Stadt kam. Mit vielen Flausen, aber Fleiß und Mut und Liebe zum Land. Doch man hat uns argwöhnisch bespitzelt und unsere Weigerung, ein schickes, neues Auto zu fahren kam in der Wertewelt der Landbevölkerung einer Gotteslästerung gleich. Und es machte uns verdächtig.

Ich denke, dass die meisten, die damals in Landkommunen und anderen Gemeinschaftsformen versuchten, einen neuen Lebensweg experimentell zu erforschten, ähnliche Erfahrungen gemacht haben. Jetzt bleibt uns nur zu hoffen, dass sich die Tennessee Wiggler und andere Würmer, die wir in unseren Komposthaufen im Vogelsberg hegten, tüchtig vermehrt haben, um die industriellen Agrarsteppen eines Tages neu zu beleben.

Das Bäuerlein 
(Oigen /Trad. 1976), nach der Melodie von „Klein wild Vögelein“

Es saß ein kleines Bäuerlein
auf seinem großen Felde
es weinte leise Stund um Stund‘
verstand nit mehr die Welte.


Ihr Herren von der Industrie,
ich hab doch all ’s gegeben
was der Boden braucht,
wenn’s Korn ihn schlaucht,
doch will er nit mehr leben.


Dann gib ihm mehr von dem Nitrat
und all den guten Sachen,
er wird schon wieder leben bald
und du wirst wieder lachen.


Die Lerche singt schon lang nit mehr,
der Wurm ist ausgestorben
Ach ihr Herrn, ich will nit mehr,
ihr habt mirs Land verdorben.
Wo’s doch so viele hundert Jahr,
uns alle gut tät nähren
Jetzt isses tot, kein Wurm mehr drin,
ich begrab‘ mein Land in Ehren.

Das zweite Lied aus meiner Vogelsberger Zeit bezieht sich auf die alte Tradition (der Schweden und Kaiserlichen) über das Land zu ziehen, um die Landbevölkerung auszuplündern. Heute sind es die Agrar-Industrie und die Banken, die dem Bäuerlein den Pakt mit dem Teufel zur Unterschrift vorlegen.

TROM TROM TROM  (Oigen / Trad 1976)

On the Road

Eines Tages, nach einem Familienbesuch, lief ich über den Seltersweg, die Gießener Einkaufsstraße. Vor dem Karstadt standen Mani und Gunhild und sangen mit ihren sanften Stimmen. Wie bereits erwähnt waren die beiden auch bei dem „Musik aus dem Odenwald“-Konzert dabei gewesen.

Einige der Lieder, die sie spielten, waren aus dem Silberflug-Repertoire und so stellte ich mich zu ihnen und sang mit. Da ich an dem Nachmittag ein Vorstellunggespräch haben sollte, trug ich meinen grünen Cord-Anzug, in dem ich geheiratet hatte. Im Gegensatz zu mir haben Mani und Gunhild wunderschöne Stimmen, aber ich hatte meine Sprüche drauf und machte den Zuhörern deutlich, dass der Künstler nicht vom Lied allein leben würde.
Was ich nicht wusste war, dass mich auch der Geschäftsmann hörte, bei dem ich mich am Nachmittag vorstellen sollte. Wie ich die Leute dazu brachte stehen zu bleiben um ihre Taler in den Gitarrenkoffer zu werfen, schien ihn zu beeindrucken. Er sah in mir wohl den geborenen Verkäufer und gab mir den Job was kein Fehler war, denn im folgenden Jahr sollte er an mir viel Geld verdienen.

Auf diesem Weg fand ich meinen Broterwerb und wurde für die nächsten 25 Jahre ‚Handlungsreisender‘, eine Tätigkeit, die sich perfekt mit meinen überregionalen Vernetzungsambitionen verbinden ließ. Nach meiner Arbeit war ich bundesweit in Projekten, bei Freunde und Landkommunen zu Gast und erzählte in alter Bardentradition Geschichten. Manchmal, wenn es sich ergab, sang ich auch noch auf der Straße.

Die Lü-Leut

Im tiefen Odenwald standen die Tipis der Lü-Leute, einer fränkischen Korbflechter-Gemeinschaft, die für mehrere Jahre mit Zirkuswagen und Indianerzelten in Deutschland unterwegs war. Ob ich sie in ihrem Winterlager traf oder beim großen Sunwheel Gathering[11] – wann immer ich kam, hatten sie ein Tipi für mich, wenn ich nicht im Bus schlafen wollte. Die Lü-Leute bauten große Öfen und kochten auf Festivals und bei Veranstaltungen. Sie waren Deutschlands Hog Farm-Kommune. Sie lebten mit ihren Kindern ganzjährig wie Nomaden im Freien und wenn ich kam, gab es in einem mollig warmen Zelt oder Wagen süßen, schwarzen Tee, Geschichten und Kräutelein, bis das Häuptelein[12] zerbarst.

Laufi[13] von den Lü-Leuten erzählt im nachfolgenden Text, wie mich die Truppe damals erlebt hat.[14] Heute nennt man das Fake-News, denn ich besaß nie eine Fransenlederhose, geschweige denn einen BMW, aber lassen wir Laufi mal den Lauf, denn damals war es üblich, sich humorvoll zu karikieren.

„Auf unserer mittlerweile vier Jahre dauernden Fahrt mit Treckern, selbstgebastelten Planwagen und Tipis von der Ostsee in den bayerischen Wald machten wir eines Tages Pause am Freibad in Rothenburg ob der Tauber. Mit einer 30 km Etappe hatten wir für heute eh genug Strecke zurück gelegt, die Kinder quengelten und es wurde Zeit, das Tipi aufzuschlagen und ein Abendessen zu kochen. Es war kein Trinkwasser mehr da, und so marschierte Kattel mit Kanistern los. War es ihr rot-grün-blau geringelter Minirock oder einfach nur das Gewicht der mit jeweils 20 Liter Wasser gefüllten Kanister- auf jeden Fall wurde sie auf dem Rückweg von einem etwas verwegenen, jedoch freundlich-schüchtern grinsenden jungen Mann begleitet, mit Rucksack, über der Schulter hängender Gitarre und den schweren Wasserkanistern.
Er trug eine nagelneue Fransenlederhose (an dessen Seite ein teures Messer baumelte), außerdem trug er ein Pfadfinderhemd mit Elvis Presley-Badge.

Im Tipi brannte bereits das Feuer und so luden wir ihn ein auf eine Tasse Tee mit Milch und viel Zucker. Das war das erste Mal, dass wir den Oigen trafen, und es sollte in, von gutem Schicksal geleiteter Regelmäßigkeit, in den folgenden Jahren immer mal wieder vorkommen, dass sich unsere Wege kreuzten. Doch ich will nicht vorgreifen. In jenen frühen 1980er Jahren reiste er als fahrender Musiker durch die Lande. Im Tipi lauschten wir abwechselnd den Klängen seiner Western-Gitarre und den lustigen Geschichten, die er stundenlang ohne Atempause zu erzählen wusste. Wir erfuhren, dass er sich schon lange theoretisch mit dem Überleben in der wilden Natur beschäftigt und dass er ein 37-teiliges Schweizer Messer besaß, einen supertollen Daunenschlafsack ohne Plastik und von einer Überlebensportion Vollkornkekse bis zum Schuhwerk alles dabei hatte, um von heute auf morgen im deutschen Wald zurecht zu kommen.

Wir waren ja irgendwie auf dem gleichen komischen Trip, nur ein bisschen schmuddeliger und mit einem Fernseher und tickendem Wecker im Tipi. Das waren jedoch, wie Oigen gleich richtig bemerkte, nur nette unwichtige Unterschiede aus der materiellen Welt. Im Großen und Ganzen fühlten wir uns gleich als Verbündete. Wir waren ja sowas wie eine fahrende Großfamilie, und nun hatten unsere Kinder plötzlich einen Onkel mehr. Nach drei Tagen verabschiedete er sich mit einem Bob Dylan Ständchen aus Rothenburg.
Im nächsten Herbst errichteten wir unser Winterquartier an einem abgelegenen Platz im Odenwald, an den uns Kollege Werner Pieper führte. Jener Pieper war ein Freund von Oigen, und so trafen wir uns das nächste Mal wieder. Wir luden ihn ein, seine Survival-Werkzeuge doch einmal für 14 Tage bei uns in Matsch und Schnee in der Praxis auszuprobieren, mit einem dankbaren Lächeln nahm er an und erschien nur wenig später. Er nächtigte in seiner Hängematte aus dem 3. Welt-Laden, schnitzte den ganzen langen Tag mit den verschiedensten Messern die unsinnigsten Sachen und übte sich im Feuermachen. Die größte Freude bereitete ihm, dass es endlich keine Waschmaschine mehr gab und man die Wäsche im eiskalten Bach waschen musste. Abends am Lagerfeuer philosophierten wir stundenlang über Kommune-Leben, Stammesgesetze und so weiter. Dabei rausgekommen ist schließlich, dass wir unsere Korbwaren, die wir zum Verkauf herstellten, auf seine Initiative hin um fast den doppelten Preis verkauften, weil es plötzlich nicht mehr nur einfache praktische Wäschekörbe waren,, sondern hergestellt mit einem Flair von alternativem Abenteuer und Tipi-Romantik. Oigen lieferte uns all die richtigen Slogans und Schlagwörter dazu, und wir konnten uns endlich wieder Tabak und Kaffee leisten.

Irgendwann zog es ihn dann zurück in seine zentralbeheizte Zwei-Zimmer Wohnung in Gießen, was wir alle gut verstehen konnten. Im Sommer darauf machten wir Station auf einem Indianer-Camp im Allgäu, wo wir Geld verdienen konnten indem wir die Verpflegung der 20 Rothäute und 200 Besucher besorgten. Oigen war, na klar, auch da, ging es doch darum, dass die Indianerhäuptlinge uns deutschen Nachwuchskräften einiges an Wissen zu vermitteln hatten. Ich glaube, einen dieser langatmigen Vorträge hat sich Oigen auch reingezogen. Ansonsten war er zu unserer Erheiterung und Steigerung des Umsatzes meistens hinter unserem Stand zu finden, wo er diesmal hauptsächlich schmutzige bayerische Folklorelieder zum Besten gab. Zwischen den Liedern pries er immer wieder lautstark unser gutes Essen an und redete den Leute die Linsensuppe und das Müsli praktisch in den Mund. Beim abschließenden Schokoladenpudding-Wettessen nominierten wir ihn als Schiedsrichter, und so gewann dann auch das hübsche Mädchen aus Karlsruhe, mit der er heute noch befreundet und die uns dafür dankbar ist.

Im nächsten Jahr verbrachten wir den Winter am Bodensee. Hierher kam Oigen im schwarzen BMW vorgefahren, hinten drin eine Stange, behangen mit der neuesten italienischen und französischen Mode. Auf dem Beifahrersitz ein Aktenkoffer mit verschiedenen teuren Uhrmodellen – er arbeitete mittlerweile als Vertreter und seine Kleidung bestand nun aus einem schicken Anzug, auf den die Männer bei uns gleich neidisch wurden. Als erstes packte er seinen neuen Batterie-Rasierapparat aus, um sich in Laufis Planwagen die Stoppel vom Kinn zu rasieren, dann aßen wir gemeinsam Abendbrot, tranken Unmengen von demselben Tee mit Milch und Zucker, nach dem Oigen mittlerweile süchtig geworden ist, lauschten seinen neuesten Hits auf der Gitarre und dann musste er auch schon wieder weiter zur nächsten Boutique, denn die Termine drängten. Wir waren alle neu eingekleidet mit blütenweißen Overalls, dessen praktische Vorzüge Oigen in einem 20minütigen Redeschwall erklärte.

Ich könnte jetzt noch weitere Begegnungen mit ihm schildern, doch würde das wohl den Rahmen sprengen. Er hat bei uns jederzeit einen Stammplatz an der Tipi-Feuer Runde, kriegt immer was zu essen, wir .freuen uns darauf, mit ihm jederzeit den größten Quatsch und auch die vielen verzwickten Dinge des Universums zu besprechen, werden bei jedem Besuch reichlich mit seinen Liedern, der guten Laune und praktischem Schnickschnack wie elektrischen Zahnbürsten, die er zur Zeit verkauft, überhäuft. Jawoll, er ist ein Teil von diesem nervenaufreibendem Leben auf deutschen Landstraßen und versteckten Waldparkplätzen. Und da gehört er hin.“

Lü-Leut Camp Foto: Laufi

Eine Erinnerung habe ich auch noch dazu: Als die LÜ-Leute im Eiterbachtal lagerten, spielte ich in Mannheims Innenstadt meine deutsche Version von ‚Proud Mary‘ – „Rollen wie die Steine“.  Die dritte Strophe geht so: „Ich ging dann hinten in die Wälder / wo die Leute in Tipis leben / Die haben kaum zu essen / doch immer was zu geben / ich sag ihnen Dankeschön…und dann der Refrain: Große Räder werden sich drehen / und du wirst dich leben sehen – und rollen / rollen wie die Steine.“
Nachdem ich das Lied beendet hatte, kam ein Mann näher, der eine Weile zugehört hatte. Er fragte mich, ob hier wirklich irgendwo Leute in Tipis leben. Ich sagte. „Klar, im Eiterbachtal, für die singe ich hier!“
Das war der Tag, an dem der erste 20-Mark-Schein in meinen Koffer flatterte.

Netzwerker

Durch meine berufliche Tätigkeit war ich ständig in ganz Deutschland unterwegs. Ich stellte Kontakte zwischen Gruppen her, erzählte den aktuellen Tratsch, brachte meine Geschichten unter die Leute und nachts am Feuer sangen wir zur a Gitarre.
So, wie auf der einsam gelegen Waldlichtung bei Langenschiltach im Schwarzwald. Dort fanden große Sommertreffen statt, Ferienlager für die Kinder unserer Familien oder Workshops unter Anleitung traditioneller Indianer, wie dem Lakota Brave Buffalo oder Philipp Deere. [15]
Oder im Schwäbischen: Dort leitete Julian Pawlik Bioenergetik-Workshops und im Fränkischen konnte, wer Mut und Nerven hatte, bei Raymond Martin[16] reinschauen. Ich erinnere mich auch an Jam-Sessions mit Rainer Ehrenpreis in Jagsthausen, zur Anfangszeit der von Dieter Duhm inititierten ‚Bauhütte‘.

Einerseits genoss das Vagabundieren, aber gleichzeitig hatte ich mein Brot zu verdienen. Die Arbeit wurde härter, das Fahren stressiger, mein Pensum immer größer. Und wie das, was mal unsere Szene war zerfiel, verflüchtigte sich auch mein Bedürfnis, ständig bei Freunden auf dem Fußboden oder Sofa zu schlafen. Ich war sehr müde, ging deshalb zum Übernachten immer häufiger in Pensionen und genoss es, für mich zu sein. Ich brauchte Ruhe.

DAOBLUES

Etwa 1980 hatten einige Freunde begonnen, Tai-Chi Kurse zu besuchen. Auch mir wurde das dringend empfohlen. Der Master of Tao, Gia Fu Feng, published bei Random Hause mit seiner I Ging- und Tao Te King-Version, einstiger Tai Chi Lehrer im Ensalen Institut und wie man munkelte Ex-Lover von Joan Baez, war einer der letzten Meister seiner Tai Chi Tradition. Jährlich besuchte er Europa und insbesondere seine Schüler in Deutschland, was ihm Mittel verschaffte um sein Bootcamp auszubauen, das in der Nähe von Colorado Springs am Rand eines Nationalparks lag.
1982 war ich in Colorado für 10 Tage sein Gast von Gia Fu Feng, der 1985 verstarb. In dem Workshop, den ich vor meiner USA-Reise in der Nähe von Koblenz besucht hatte, übten wir kaum Tai Chi, sondern stromerten durch die Wälder. „Ten miles a day“ war Gia Fu‘s Mantra. Am letzten Abend erlebte ich eine unvergessliche Gitarren- und Trommel-Session mit einem amerikanischen Schüler von Gia Fu, der aus England angereist war.
Am nächsten Morgen malte Gia Fu Feng jedem seiner Schüler zum Abschied eine Kalligraphie. Der kleine Mann stand hinter einem alten Holztisch, darauf eine Vase mit ein paar Blumen mit Gräsern. Mit Pinsel und Tusche malte er chinesischen Zeichen auf ein Papier. Sein Tun war so schlicht wie vollkommen und ich war plötzlich in Tränen. Er schrieb:

Every Lift of Hand, every step of feet, there is nothing, thats not Dao.”

Ich bekam einen totalen Flash. Alles in meinem Leben, all die Wechselbäder meiner kleinen karmischen Welt, schienen ihren Sinn haben und waren Teil meines Weges. Es haute mich schlichtweg um und ich heulte Rotz und Wasser. Dann wieder musste ich lachen, als wäre ich übergeschnappt.
Die anderen schauten mich kurz an, aber fast jeder aus der Gruppe war irgendwann während des Workshops mal ausgeflippt, also war das OK. Ich beruhigte mich und mein Satori verflüchtigte sich schneller, als es gekommen war. Aber zuvor schrieb ich noch das nachfolgende Lied:

Daoblues    
 Oigen 1981 für Gia Fu Feng

My mindfuck got a diarrhoe
I’m sucking asshole in
I’m tired just like you and me
and nothing for to win
everything is Bullshit, you know what I mean
whats the difference between BHAGWAN and JIM BEAM
it’s the teatime-party, makin‘ me smarty
this is the stuff making me tough:
Ref: But every lift of hand and every step of feet
there’s nothing that’s not DAO, thats the point I bleed
Tears from my eyes, belly shakin‘ free
what was the price to meet – just me.


Gotta pain in my belly, gotta tremblin in my feet
the blood is running ralley, an epileptic beat
a mountain full of anger, suffering abnorm
brain ful1 of mindfuck, feeling like a storm
I lost all hope, I lost all faith,
always in trouble with the Hoochie Coochie maid
Ref: But every Iift of hand . . .


Where fox an deere meet, we have our dinner
and who is eating less, he is the winner
we creep through the mud and stumble through the water
you don ‚t remember if you son or daughter
we walk ten miles in an three hours and twenty
loosing everything and getting plenty
Ref: Cause every Iift of hand . . .


Now I do slow down and have a little tea
and do my work in consciousness of be or not to be
Feng once said: Have shit or not theres nothing in between
I try to have my shit in time, that’s my way to clean
I drive a/ong to Frankfurt then we’re going home
l ‚m happy and l ‚m thankful not anymore alone
Ref: Cause every Iift of hand . .

Peter Wong

Anfang der 1980er Jahre war ich oft in Schriesheim bei Peter Markl zu Gast. Seine Frau Jan Hutchinson, eine Engländerin, kochte uns regelmäßig englische Nationalspeisen. Dazu betranken wir uns und spielten Songs von Credence Clearwater Revival, die mir sonst stets ein Gräuel waren. Wir versuchten uns auch an Soulbrother Clifford von den Equals, Running Bear von Johnny Preston und anderen alten Hits.
Peter, der längst zum Punk mutiert war, spielte hin und wieder Dylan-Songs wie A Hard Rain oder Gates of Eden und zwar in einer Intensität, wie ich sie niemals mehr von einem anderen Dylan-Interpreten gehört habe. Das machte er aber nur so nebenbei, um mich zu ärgern. Musikalisch war er längst woanders, punkte eigene Songs oder spielte geniale Gitarren-Soli a la Hendrix oder Steve Ray Vaughan, was ihm keine besondere Mühe zu bereiten schien.
Den Song ‚Peter Wong‘, den ich im Suff zusammen mit Jan textete, haben wir (mit einem traumhaft gespielten Solo von Peter) mal aufgenommen. Der Text war unsere Art, ihm unsere Liebe zu zeigen, denn bereits zu der Zeit litt er an einer unbekannten Immunschwäche, die nach und nach seinen ganzen Körper ergriff und an der er dann leider viel zu früh verstarb. R.I.P.

Peter Wong Jan Hutchinson / Oigen 1982

His name is Peter Wong
all know he got a gong
he couldn ‚t get it right
every bloody night
but on the guitar he is strong.

But on the guitar he is strong.

He is fucking in de kitchen
He is fuckin‘ with the cat
but the only thing he’s fucking
is his stupid head
but on the guitar he plays mad,

but on the guitar he plays mad.

He’s so rude and rough
an assholism puff
he drinks a lot of rum
that’s why he cannot come
but on the guitar he is tough,

but on the guitar he is tough

He spits into the sink
shampoes his little thing
but when he touch de amp
looking like a vamp
his guitar starts to sing
,
his guitar starts to sing.

Peter Markl life at Altenfelder Hof, Foto: ep

Petra Kelly

Barbie und Ulli von Elster Silberflug hatten eine neue Gruppe mit dem Namen Zeitenwende gestartet. Je nach Größe des Gigs waren auch Jan Friede (Kraan) am Schlagzeug, die Geigerin Dorle Ferber (vormals Cochise) und andere mit dabei. Manche Gigs machten Barbie und Ulli auch zu zweit, so wie der in Singen, zu dem ich sie in meinem Ford Transit hinfuhr. Im Ratsherrensaal sollten sie anlässlich einer Veranstaltung der GRÜNEN zu spielen. Petra Kelly war als Rednerin angekündigt. Von ihrer Rede waren alle tief beeindruckt. Selbst Ulli, der sonst zu Sarkasmus neigt, begann von dieser friedensbewegten Taube als einer Jeanne D’arc zu schwärmen. So wie uns ging es damals Tausenden von Menschen.
Zeitenwende spielte und danach konnten wir mit Petra sprechen, der die Songs sehr gut gefallen hatten. Am nächsten Tag, auf der Rückreise, sprachen wir über diesen Grünen Engel. An einer Tankstelle, bei einer Pinkelpause kaufte Ulli den neuen STERN. Auf dem Cover war Petra Kelly mit Engelsflügeln dargestellt. Da hat uns ziemlich geflippt.

Petra wurde Fan von Zeitenwende und lud die Band zur Tour der Grünen Raupe ein. Deshalb waren sie mit Bernies Autobahn Band und vielen anderen Musikern am 6. März in Bonn, wo die Sinti-Gruppe um Rigoletto Winterstein im Keller der Veranstaltungshalle eine heiße Jam-Session abfeuerte, anstatt sich um die Wahlveranstaltung im Erdgeschoss zu kümmern. Gute Instinkte, könnte man im Nachhinein sagen.

Ich saß damals treu-doof im Saal und hoffte, dass sich die Zeiten wirklich ändern würden. Zeitenwende spielte gerade und alle waren in trüber Stimmung, weil man glaubte, es nicht geschafft zu haben. Aber dann bat der Sprecher um Aufmerksamkeit und plötzlich war klar: Die GRÜNEN sind im Bundestag – und  Zeitenwende legte erneut los, während sich die Weltpresse auf Petra Kelly und Otto Schily stürzten.

Vor der Bühne standen Heinz-Rudolf Kunze, Ulla Meinecke und Konstantin Wecker. Nach Zeitenwende spielte Konstantin Wecker. Es war das erste Mal, dass ich ihn live hörte und war von seiner Performance begeistert. Danach folgte Bernies Autobahnband mit Times are a-changing  von Bob Dylan. Wir standen gemeinsam auf der Bühne, hatten Tränen in den Augen und sangen mit. Der große Moment meiner Generation und wie sehr haben wir es verkackt!

Der ursprüngliche Spirit der Grünen und die Visionäre der Bewegung wichen bald den Realos und Brutalos a la Joschka Fischer. Kadergeschulte linke Wendehälse sahen ihre Chance und schlüpften aus der Lederjacke ins (später maßgeschneiderte)  Öko-Mäntelchen, während Petra Kelly immer blasser wurde.
Einmal besuchte ich sie auf Einladung des grünen Bundestagsabgeordneten Herbert Rusche im „Langen Eugen“ in Bonn. Es war eigentlich eine Schnapsidee, Petra so spät heimzusuchen, denn siie war noch bei der Arbeit und wollte nicht gestört werden. Aber als ich begann meinen Talking Blues zu rappen, den ich ihr geschrieben hatte, rief sie in den Nachbarraum:
„Gerd, Gerd, komm mal rüber, das musst du dir anhören!“
Langsam und offensichtlich sehr müde kam der ehemalige Panzergeneral Gerd Bastian herüber und ich fing noch mal von vorne an:

Friedenstäubchen             Oigen 1982, für Petra Kelly

Ich hab‘ ein Friedenstäubchen getroffen
das war vom Hoffen ganz besoffen
vom Hoffen auf die bessren Tage
wenn wir uns mit Kopf und Kragen
wieder in die Sonne wagen.


Ich sage Täubchen du bist blau
Großmutter war ’ne Natofrau
wenn sich Tauben mit Falken paaren
sollten sie stets Abstand wahren
drum schreib dir hinter deine Ohren
der Krieg hat nie nen Krieg verloren.


Täubchen trägt die Sprüche heiter
ich mach trotzdem friedlich weiter
na schön, sag ich du wirst schon sehn
wenn wir am 10. zur Demo gehn
da werden Falken deine Federn reißen
und du wirst dich in die Hosen scheißen.


In Singen auf dem Ratsherrnstuhl
traf ich Petra die ganz cool
mit sachlich leichtem schnellen Ton
die Trilaterale Kommission
ins rechte Licht des Abends rückt
ich dachte: Frau ich wird‘ verrückt
Spitzen-Mutationsagent
der Bilderberg und Warburg kennt!


Ja, Leute auf, ich geh nach Bonn
sagt sie in einem schmackes Ton
und lächelt müde, Petra Pretty
und verschwindet im Intercity.
Ich gehe leise, sagt die Meise
82 auf die Reise
und singe Euch mein Lied vom Frieden
was habe ich denn mehr zu bieten.


Frau, du hast mich angeturnt
ich habe was von dir gelernt
runter vom Hocker und raus auf die Gasse
da wartet schon ne ganze Masse
Leute die es müde sind
dass die Herrschaft wieder mal spinnt.
Ich habe Hoffnung, dass wir’s schaffen
und immer mehr setzten sich zur Weh
r.

Tja, und dann haben sich Petra und Gerd erschossen, als hätten sie geahnt, was aus den GRÜNEN werden sollte…

Spraydosenblues

Bereits 1976 hatte der Sphinx Verlag in Basel ein kleines Büchlein namens Rotwang von dem Autor Tim Hildebrand veröffentlicht, das mich damals sehr beeindruckte – warum, weiß heute nicht mehr genau. Aber zu der Zeit glaubte ich ja auch (nachdem ich David Bowies Film Der Mann der vom Himmel fiel gesehen hatte), ein Außerirdischer zu sein.
Ähnlich, wie die heutige Bundesregierung in Corona-Fragen, haben wir damals die seltsamsten Dinge geglaubt. Jedenfalls trug ich an der Jacke einen Button mit der Aufschrift: „Mutate now, avoid the rush“ – ein Hinweis auf die kommenden Veränderungen der Menschheit.
Der Sprayer von Zürich war in den Medien, die US-Straßenkünstler wurden Stars und Tim Hildebrands Gedicht Spraycan Blues inspirierte mich zu einer deutschsprachigen Interpretation, die, wie auch bei meinen Dylan-Interpretationen üblich, wenig mit dem ursprünglichen Text zu tun hat.

Meinen „Spraydosenblues“ habe ich oft auf der Straße gespielt, was bei meinen Zuhörern bisweilen für Irritationen sorgte. Bei Sessions mit anderen Mutanten kam das Lied jedoch so gut an. Carl Ludwig Reichert, zum Beispiel, war zu der Zeit mit der Zündfunk Nachtausgabe auf Bayern 2 sehr populär. Er lud mich ein, meine Lieder live zu singen, darunter auch den Spraydosenblues. Motto der Sendung war übrigens: Erstes Interview mit einem Außerirdischen…

SPRAYDOSENBLUES  Oigen 1983, frei nach Tim Hildebrand

Spraydosenblues,
oh, ich hab den Spraydosenblues
Gib mit ne Dose und ich sprüh‘ Dir den Fuß
Ich habe den Spraydosenblues.


Ich bin so müde meine Dose ist leer
die Läden haben zu wo krieg ich Farbe her
da ist ne Brücke auf die bin ich scharf
ich werde erblühn wenn ich die sprühen darf
Ref: Spraydosenblues…


Haste ne Dose dann schreib einen Song
die Worte fliegen am besten auf Beton
wenn die Schriften flimmern und die Dose wird leer
dann bin ich ganz süchtig dann brauche ich mehr
Ref: Spraydosenblues…


Bridge:
Ich laufe durch die Straßen, schaue durch die Massen
sprühe schönen Mädchen auf den Fuß
laufe durch die Straßen, schaue durch die Massen
suche Graffiti mit Vision…


Vater und Mutter die hatten einen Kutter
auf Deck malten sie Graffitiphilosophie
mein Vater ist ein Marsmann, meine Mutter ein Taifun
und wollen sie mutieren dann werden sie es tun
Ref: Ohh Spraydosenblues…


Graffiti an den Wänden Graffiti an den Säulen
Schriften auf den Stränden und auf den Autobeulen
Graffitivisionen in Stadt und Land
die Sprüche der Mutanten an jeder Wand Spraydosenblues
Oh ich hab den Spraydosenblues
gib mir einer mal nen Kuß
ich den Blues in der Nuß.


Bridge: Ich schleiche an der Mauer und leg mich auf die Lauer
und wenn keiner kommt sprühe ich meinen Spruch
die Farbe hat Dauer und wird nicht sauer
die Farbe hat einen Fremdlingsgeruch.


Oh Spraydosenblues – duaa… oh ich hab’ den SDB – duaaa…
Jeder Bus jeder Fuß – kriegt ‘nen Spraydosengruß
Babedua duaaaah

Ein anderes Lied aus meinem SF- Zyklus, das ich ebenfalls auf Bayern 2 live in Mikro jodelte, ist meine sehr persönliche Fassung von Dylans „You ain’t goin’ nowhere“ (Jetzt geht es ab…).

Jetzt geht es ab        Oigen / Dylan 1980

Der Donner grollt und der Regen tretscht
ich bin müde und fühl mich bedetscht
es hat keinen Sinn noch aufzustehn
wohin sollte ich auch gehn

Ouueee noch eine Nacht
dann kommt meine Braut so wars abgemacht
Ahhh dann geht es los – ab in den Himmel hinein.


Ich habe kein Gesicht und bin ein Fliegengewicht
meine Taschen sind leer doch das stört mich nicht sehr
mein Herz schlägt Reggae wenn es draußen kracht
und ich leuchte wie ein Stern wenn meine Liebste lacht
Ouuee jetzt geht es ab Du und ich in den Himmel hinein
Ah, ich komm in Trapp wir sind nicht allein.

Die Herren der Welt, all die großen Männer
sind in Wahrheit auch nur Penner
die bei Gewitter und Regentagen
müde in der Ecke liegen.
Ouuee jetzt geht es ab Du und ich in den Himmel hinein

Ah, ich komm in Trapp wir sind nicht allein.

Da sind die vielen, die mit mir singen
jeder hat ein Lied und läßt es- erklingen
bring mir ne Flöte und ne Trommel herbei
wir spielen zusammen und singen uns frei.
Ouuee jetzt geht es ab Du und ich in den Himmel hinein
Ah, ich komm in Trapp wir sind nicht allein.


Im Himmel wachsen Dinger wie große Tomaten
die muß man kochen die kann man nicht braten
das sind die Blas en von reiner Luft
die haben einen starken Duft
Ref: Ouuueee jetzt geht es ab…


Im Himmel gibt es Sterne und die leuchten uns gerne
doch eine Geschichte darf man nicht übersehn
auch wir müssen wirklich in Liebe erstrahlen
denn sonst können die uns nicht sehn.
Ref: Ouuuueee jetzt geht es ab …


So regnet es also die ganze Nacht

doch meine Liebste kommt so wars abgemacht
sie fliegt acht Lichtjahre in sechzehn Wochen

und morgen werden wir Duftluft kochen.
Meine Braut hat ein Ufo das sieht aus wie ein Hund
innen ist es weich und außen ist es bunt
drinnen kann ich gerade stehn
und am Bildschirm kann ich die Planeten sehn
Ref: Ouuee, jetzt geht es ab…


Ich bin schon oft mit ihr geflogen
im ganzen Kosmos rumgezogen
doch ein Regen auf der Erde
und ein Donner der grollt
tausch ich nicht für eine Galaxis Gold
Ref: Ouueee, jetzt geht es ab…

Timothy Leary 

Dann kam Tim Leary aus dem Knast. Seine erste Auslandsreise führte ihn nach Deutschland. Es war das erste Mal seit fast zehn Jahren, dass er, den Richard Nixon als einen der gefährlichsten Männer Amerikas bezeichnet hatte, die USA verlassen durfte. Hierzulande besaß er noch eine gewisse Popularität, die den ehrenwerten Fritz Rummler vom SPIEGEL veranlasste, zur Berichterstattung anzureisen.

Wir trafen Tim in seinen weißen Turnschuhen in einem Sport Hotel im Sauerland und er brachte kosmopolitischen Stil in die Body-Mind-Spirit-Scene der Tagung, die von etablierten Psychologen dominiert wurde. Bei den Veranstaltungen schaute Tim kurz rein und ging dann aber schnell, wobei er in Richtung des Referenten meist John Lilly zitierte: „Shoot up oder shut up!”

Im Untergeschoss des Hotels gab es einen Entertainment-Raum und Tim versuchte, uns auf die ersten Videospiele anzuturnen, die es damals gab.
Der unermüdliche PR-Mann Leary hatte seine neuen Slogans S M I2LE sowie HANDS ON im Gepäck, womit er die Entwicklung der Computerindustrie zu einer Cyberwelt[17]visionär beschrieb – was uns Steinzeit-Kiffer jedoch wenig interessierte: Wir wollten lieber Tischfußball spielen. Als sein Kurzzeit-Roadie fuhr ich Leary in meinem roten Bus herum, zum Beispiel zu einem Fernsehauftritt in Köln, und er lud mich ein, ihn zu besuchen.

Timothy Leary (Hintergrund E. Pletsch)

Im Herbst 1982 flog ich nach New York. Dort war ich Gast von Wingbow, einer Ex-Hogfarm Chinesin, die Deutschland auf dem Rad Richtung Moskau durchstreift hatte, um der Welt den Frieden zu bringen und nebenbei die Harry Belafante Tour bekochte. Wingbow lebte zusammen mit dem Maler Brand Kingman in dem ehemaligen Flat der Ramones, das in einem der Musikhäuser in Nähe der 43. Straße lag. Die Zeitumstellung machte mir sehr zu schaffen und ich lag bis zu sechzehn Stunden am Tag im Bett. Aber durch die Wände hörte ich Musik aus benachbarten Übungsräumen darunter Patty Smith, Harry Belafonte und die Clash.
Sowie ich mich regeneriert hatte, setzte ich mich ins Flugzeug, um Wingbows makrobiotisch-chinesischer Diäthölle zu entfliehen, deren Höhepunkt in den stinkenden Eiern bestand, die Kotzwinkel in seinem Roman Fanman beschrieben hatte.

Ich landete in Denver und machte mich auf den Weg zu Gia Fu Feng, der eine Gruppe junger Deutscher trainierte. Gia Fu bat mich, einige Hühner zu schlachten, wofür seine Jünger offensichtlich schon zu feinstofflich waren.

Für zehn Tage wohnte ich in einer kleinen Blockhütte und trampte dann weiter zur Hopi-Reservation. Großmutter Carolyn Monongye, die mich nach der Frankfurter Buchmesse bei einem Treffen abends in der Brotfabrik eingeladen hatte, kannte ich bereits vom Russel-Tribunal in Rotterdam. Da stand ich nun –vermutlich der tausendste Besucher in diesem Jahr.
Mit den jungen Freunden, die sich um Großmutter Carolyn kümmerten, fuhr ich die endlos lange Strecke zu den Maisfeldern, ein Weg den die HOPI einst täglich rannten. Nachmittag kamen einige der Elders zum Kaffee trinken und um Schwätzchen halten. Die jungen Leute in Hotevilla hielten wenig von den alten traditionalistischen Indianern, die verhinderten, dass es im Dorf Elektrizität gab. Als ich Carolyn einmal auf die Post begleitete, schlug ihr – die kurz zuvor auf der Buchmesse als Ehrengast neben dem Dalai Lama die HOPI-Nation in einer Rede über die Zukunft der Menschheit repräsentierte – Unmut entgegen.

Nach ein paar Tagen trampte ich weiter, via Las Vegas Richtung Los Angeles.
Dort wartete ich im Alta Cienega Hotel darauf, dass Tim Leary vom Thanksgiving-Essen bei seinen Schwiegereltern zurückkommen würde. Ich verbrachte diese Tage meist in Barnies Beanery, einer Kneipe, vor der Charles Bukowski ausdrücklich gewarnt hatte.

Als Tims Gast schlief ich im Zimmer seiner Frau Barbara Chase. Die beiden erschienen mir wie Hollywoodstars. Barbaras Sohn Zacky, erzählte mir von Woody Allen, David Bowie, Brian Ferry und anderen Besuchern. Auf der Anrichte stand eine Schallplatte von John Lennon mit Yoko Onos handschriftlicher Bitte um ein Feedback. Nachvollziehbar, dass schwer beeindruckt war.

Ich blieb ein paar Tage und fuhr dann nach San Francisco Tom Ruddock, einem Kumpel aus Heidelberger Tagen. Ich hätte Shunryu Suzuki besuchen sollen und mein Leben hätte sich vielleicht voll­kommen verändert, aber ich wusste damals noch nichts von dem Meister, der ZEN in den Westen gebracht hatte. Selbst Baker Roshi[18] habe ich erst Jahre später kennengelernt.
Stattdessen hing ich bald wieder bei Tim Leary in Hollywood herum und übersetzte ihm den SPIEGEL-Artikel von Fritz Rummler. Eines Abends gingen aus und besuchten das neu eröffnete Hard Rock Cafe in Beverly Hills. Wir trafen ein nettes Paar, junge Filmemacher. Tim Leary hatte im Sommer zuvor mit seinem ehemaligen Erzfeind, dem Oberbullen Gordon Liddy, eine missverständliche Tour durch amerikanische Universitäten absolviert und die junge Dame hatte alles gefilmt. Der Film wurde in Cannes vorgestellt, war aber meines Wissens ein Flop. Es war ein schöner Abend, aber als wir zurück kamen in die Wonderland Ave., hatten die zwei großen Hunde, die Barbara hielt, auf den weißen Teppich geschissen.
„Oh Timmiiii“, rief Barbara und Tim, der Commodore einer Generation Sternenreisender, holte Schippchen und Schäufelchen und begann zu putzen. Da wurde mir nochmal klar, dass auch Stars mit Wasser kochen und ihre Hunde Haufen scheißen. Solche Erfahrungen erden und holten die Sterne vom Himmel.

The Commander Oigen 1983

The commander talked to the people
I don’t know if he was right
he talked about the substance
of the evolutionary fight
and he must know, he’s so tight
he said: shoot up or shut up
if you wanna feel allright.

The days up in Star Hotel
Lots of body mind and soul
the commander is at the bar
while we try to hit the goal
and we know how, its so tight
we shoot in or shut up
‚cause we wanna feel allright.

I am a medium of advertisement
he said with a smile
my advertisement means amusement
and you get is once in a while
and I know how, the vision’s tight
so shoot up or shup up
if you wanna feel allright.

A ninetysix year old grandpa
was fucking this young chick
his lady took him to the window
and threw him overhead:
if he can fuck – he can fly
so shoot up or shut up
if you wanna feel al/right.

SMIL2E means Space migration
and intelligence increase
and also life extension
but wh atever SMILE means
You have to SMILE – it’s so tight
so shoot up or shut up
if you wanna feel allright.

So the good old neural system
and the molecular event
of the human body
should be under your command
so hands on – it’s so tight
shoot up or shut up
if you wanna feel allright.

Original aus „Sternenstaub“

Deutschsprachige Interpretationen

Nachdem meine SF-Epoche abgeklungen war, begann ich Songs in deutscher Sprache zu interpretieren. Das mag nicht in jedem Fall gelungen sein, aber auf Partys kamen die gut an. Hier ein Beispiel:

Mädchen im Norden Oigen 1985
Frei nach Bob Dylan: Girl from North Country

Hey wenn Du oben im Norden trampst,
in den Bergen wo der Wind rauh bläst,
dann denk an mich und eine die da lebt

– ich hab sie einst sehr geliebt.

Wenn Du im Schneesturm auf ein Licht zuhältst,
über gefrorene Flüsse und vereiste Seen,
dann schau mal nach, ob sie noch dort lebt

und ob sie es warm hat, im heulenden Wind.

Und erzähl‘, wie trägt sie jetzt ihr Haar?
Einst war es lang und dicht und braun und stark!
Ja, schau mal nach ob sie es noch lang hat,
das habe ich so sehr gemocht.


Ich würde gern wissen, ob sie mich noch kennt?
Wie oft habe ich an sie gedacht,
wenn der Tag die Wand hochrennt
und in so mancher tristen Nacht.


So – wenn Du oben im Norden trampst,
in den Bergen wo der Wind rauh bläst,
dann denk an mich und eine die da lebt
– ich hab sie einst sehr geliebt.

Und dann ließ sich der Satiriker in mir nicht länger im Zaum halten. Hier ein paar Beispiele:

Unten am Wasser  Oigen 1985,  Frei nach: The Drifters „Unter the Boardwalk“

Wenn die Sonne sinkt und der Schweiß den Rücken rinnt
und die Steine sind heiß und wir warten auf den Wind
unten am Wasser, drüben am See
mit meinem Mädchen auf der Decke
ich wär blöd wenn ich jetzt geh.


Ref: Unten am Wasser, wo die Sonne sinkt
unten am Wasser, wo mein Lied erklingt.
unten am Wasser, wo die Mücken sind
unten am Wasser, warten wir auf den Wind
unten am Wasser – Wasser.


Von der Kirmes her hört man den Krach vom Karussel,
und es stinkt nach Pommes und Bratwurscht und Urquell,
unten am Wasser, drüben am See
mit meinem Mädchen auf der Decke
ei was isses so schee.
Ref: Unten am Wasser…


Oder:
Daheim isses schön… frei nach „Home on the Range“

Ach schenk mir ein Haus, an dem kein Kuckuck klebt
Wo ein munteres Bächlein rauscht,
wo am Sonntag kein Nachbar den Rasen mäht,
und kein Laubbläser die Stille zerreißt.


Ja, daheim, daheim isses schön,
wenn der Bock die Ricke bespringt,
wenn der Bussard kreist und die Lerche singt
und ein Bierchen mir freundlich zuwinkt.


Wie oft in der Nacht, habe ich laut gelacht,
wenn am Himmel die Ufos ziehen,
wenn die Sterne leuchten und die Nachtigall singt,
und der Nachbar sein Essen mitbringt.


Ja, daheim, daheim isses schön,
wenn der Bock die Ricke bespringt,
wo das grüne Gras berauscht und der Dorfbulle spinnt
ja da freu‘ ich mich wie ein Kind.


Hinten im Wald, wo die Büchse knallt,
liegt ein Sixpack im Bach versteckt,
eine Decke im Gras, darauf ein Mädel ganz nass,
ja daheim, da haben wir Spaß.


Ja, daheim, daheim isses schön,
wenn der Bock die Ricke bespringt,
wo der Bussard kreist und die Lerche singt
und das Mädel mir fröhlich zuwinkt.


Oder.
Ich hab genug (Frei nach: I’m Going to Leave Old Texas Now)

Ich hab genug mach‘s gut und chiao,
ich geh‘ zu Fuß, denn ich bin blau.
Zahl du für mich, ich hab nichts mehr,
der Kopp ist voll, die Taschen leer.

Die Nacht ist kalt, der Weg ist weit,
wer geht voran, ich bin so breit.
Ich sage: tschüss, mach‘s gut und chiao,
du bist ne wunderbare Frau.


Ich hab die Kneipe vollgekotzt,
und du hast mich voll angemotzt,
wo ist mein Pferd, mein Hut, mein Colt,
ich hab das alles nicht gewollt.
….ich hab das alles nicht gewollt.

…oh nein, wollt ich nicht.
…machts gut.

30 Jahre Auszeit

Von 1985 bis ca. 2015 nahm ich eine musikalische Auszeit. Stattdessen schrieb ich satirische Golfbücher, was in meinem Bekanntenkreis für noch mehr Irritationen sorgte, als meine Idee, von Außerirdischen gekidnappt worden zu sein. Ich besaß stets eine Gitarre, aber ich spielte kaum noch, höchstens mal auf einer Gartenparty, aber auch das wurde immer seltener.

Und dann 2017 passierte Folgends:Ich sah den Film Inside Llewyn Davis von den COEN-Brothers. Durch das PR-Konzert Another Day, Another Time, das anlässlich der Veröffentlichung des Films Inside Llewyn Davis unter der musikalischen Leitung von T-Bone Burnett aufgezeichnet wurde, erfuhr ich von dem weltweiten Revival der Folk-Musik mit alten und neuen Künstlern und neuen und alten Songs.
Mir bis dato vollkommen unbekannte Namen wie Markus Mumford, die Milk Carton Kids, Chris Thile und die Punch Brothers, Rhiannon Giddens, Gillian Welch und Dave Rawlings verzauberten mich, und über deren Musik entdeckte ich wiederum andere geniale Singer/Songwriter wie Towns van Zandt, Guy Clark, John Prine und Blaze Foley, die mich derart faszinierten, dass ich wieder zur Gitarre griff und versuche, deren Lieder zu spielen.

Nachdem mir die VG Wort ein paar Tantiemen überwies, kaufte ich mir eine richtig gute Gitarre, eine Larrivée L09, die mir mit ihrem außerordentlichen Klang wirklich Freude bereitete. Aber dann merkte ich, dass ich den flachen modernen Gitarrenhals nicht mehr ohne Schmerzen greifen konnte. Diagnose: Beidseitige Daumensattelgelenksarthrose.
Ich begann, mich näher mit Gitarren und ihren Halsformen zu befassen. Eine 40 Jahre alte ARIA Parlor-Gitarre verursachte keine Schmerzen. Ich entdeckte, dass mir die alten (dicken) D- und V-Hals-Formen besser lagen und begann, Kleinzeigen und Gitarrenbörsen nach alten Gitarren zu durchforsten. Nach und nach kaufte ich etliche alte Gitarren die ich (mit fachmännischer Unterstützung des Musikhauses Schönau in Gießen) pflegte und zurecht machte, um sie dann wieder in die Freiheit des Kleinanzeigenmarktes zu entlassen.

Bei Open Stage-Veranstaltungen spiele ich derzeit eine vollmundige Hohner Leyanda mit Lackschaden aus den 1980er Jahren (Kaufpreis: EUR 65.-), die es mit mancher Martin aufnehmen kann. Sie wird mich hoffentlich begleiten, sollte ich jemals noch mal irgendwo auf der Straße meine alten Songs spielen – oder die neuen Songs von Towns van Zandt, Guy Clark, Blaze Foley und anderen Alternativ Country-Poeten, die ich in den letzten Jahren zu lernen versuche.

Seit ich meinen Text „Zwischen Sternenstaub und Hühnerdreck“ im Rahmen dieses Projektes überarbeite habe, singe ich manchmal sogar wieder ein paar von meinen alten selbstgebastelten Liedern.

Ob es mir wirklich Spaß machen wird, auf die alte Art und ohne Technik in lauten Innenstädten Folk-Songs zu spielen, während moderne Straßensänger mit optimalem Soundequipment performen, werde ich sehen.
Und vielleicht sehen wir uns dann auch …back on the road!

Streetfighting Man Cartoon: Oigen
Fussnoten

[1] Das ursprüngliche Layout hatte ich aus allem zusammengebastelt, was gerade an Fotos und Bildern herumlag. Im vorliegenden Format konnte ich nur ein paar Seiten im Original abbilden, die keine Bild-Copyrights verletzen.

[2] Wolfgang Klose erzählte mir (2021) wie er und zwei Freunden sich als Erste in dem uralten Hofgut eingemietet hätten, ca. 30 Freaks sollten folgen, bis sich diese Szene irgendwann auflöste. Die Elstern zogen gen Süden, andere gingen nach Berlin.

[3] Siehe auch https://www.welt.de/kultur/kino/plus165841150/Unterdruecktes-Meisterwerk-wird-endlich-rehabilitiert.html

[4] Gerriet Hellwig wurde ein sehr innovativer Modemacher in Düsseldorf und später Farbforscher und mit Wau Holland einer der Ideengeber beim Chaos Computer Club. Geriet machte wirklich verrückte Klamotten und ich fuhr durchs Land und verkaufte sie. Eine Zeitlang lief es sehr gut. In meinem Bus hatte ich meine Gitarre und egal, wo ich in Deutschland hinkam: es gab immer eine Gruppe oder Familie, die einen warmen Platz und eine Mahlzeit für den Barden hatte. Gute alte, irische Tradition: lange Nächte mit Geschichten, die wir uns erzählten, denn die meisten von uns hatten damals ihren Fernseher aus dem Fenster geworfen oder hatten gar keinen, wegen der Kinder. 

[5] Transmittercassetten, Lied 1984, Werner Pieper 6941 Löhrbach

[6] Reimar Lenz: https://www.wikiwand.com/de/Reimar_Lenz_(Publizist)

[7] Siehe auch: Ulli Freise, Das Waldeck Konzil

[8] Aus der Region Weinheim-Heidelberg stammt ein riesiger Pool kreativer Musikern, deren Vielfalt hoffentlich irgendwann in einem entsprechenden Werk gewürdigt wird.

[9] Eines Tages erkannte ein Geschäftsmann, der mich in einer Einkaufsstraße hörte, dass ich der geborene Verkäufer war. Er bot mir einen Job an und so wurde ich dann Vertreter und nachdem ich das Lügen perfekt beherrschte, ging ich später ins Marketing.[9]

[10] Hin und wieder wies ich die Leute darauf hin, dass es Zeit sei einkaufen zu gehen und bat sie dann, mir mein damaliges Lieblingsbier mitzubringen. Das klappte häufig.

[11] Europäisches Medizinrad-Treffen 16. September bis 1 Oktober 1983. Siehe Gugenberger/Schweidlenka, Mutter Erde, Magie und Politik. Zwischen Faschismus und neuer Gesellschaft. Verlag für Gesellschaftskritik, Wien 1987

[12] Bezieht sich auf das Lied vom Kräutelein von Ulli Freise, Zeitenwende.

[13] Laufi ist der vermutlich einzige DJ in Deutschlands, der nur in den Clubs nur Musik von Kassetten abspielt, die er aus seiner Sammlung von ca. 4000 Tapes auswählt.

[14] (Auszug au OIGEN: Zwischen Sternenstaub und Hühnerdreck

[15] Deere, einst der ‚Medizinmann‘ des American Indian Movement (AIM) bei deren Auseinandersetzung am Wounded Knee, war nach Deutschland gereist, weil man ihm ein neues Gebiss versprochen hatte – ein Versprechen, das der weiße Mann auch diesmal brach

[16] Raymond Martin: Verleger und Herausgeber der U-Comix und der Zeitschriften Päng, später Liebe.

[17] Dass diese Cyberwelt durch einst von Leary angeturnte Protagonisten (u. A. Steve Jobs) immer mehr zur ‚schönen neuen Welt‘ nach Aldous Huxley verkommt, hätte sich selbst der Visionär Leary nicht träumen lassen.

[18] Richard Baker Roshi: Amerikanischer ZEN-Meister und Dharma-Nach Nachfolger von Shunryu Suzuki.

Der Traumwanderer

Zur späten Abendstunde surfte ich in die Mongolei. Ich besichtigte das Kloster Gandan und den Palast Bogd Khan sowie den Schildkrötenfelsen im Nationalpark Gorkhi-Terelj, um dann im Orkhon-Tal das Kloster Erdene Zuu zu besuchen. Im Shankh Kloster erfuhr ich etwas von der lebendigen buddhistischen Tradition, um dann via Satellit in der Wüste Gobi nach einer Fata Morgana Ausschau zu halten. Leider sind große Teile der Mongolei, wie auch Teile von Russland und China, für Touristen aus dem Weltraum gesperrt.

Dann versuchte ich, mehr über Ed herauszubekommen. Nachdem ich einiges über die berühmten mongolischen Przewalski-Pferde gelesen hatte, die als Vorfahren unserer heutigen Pferde gelten, recherchierte ich das Lieblingstier der Mongolen, ohne das Dschingis Khan niemals die halbe Welt erobert hätte. Noch heute gibt es mit drei Millionen Tieren mehr Pferde als menschliche Einwohner in diesem Land. Die Nomaden sind sehr stolz auf ihre kleinen Pferde und mögen es nicht, wenn man sie als »Ponys« bezeichnet, las ich.

Aha! Damit war ich mir sicher, dass Ed mir keine Pferdegeschichten erzählt hatte, sondern tatsächlich aus der Mongolei stammte. Die Pferde leben das ganze Jahr stets im Freien, was zwischen 30 Grad Celsius im Sommer und -40 Grad im Winter schwanken kann. Mongolische Pferde sind genügsam, ausdauernd, trittsicher im Gelände und dienen den Nomaden bei der alltäglichen Arbeit. Wenn sich ein Tier an den Reiter gewöhnt hat, lässt es ihn nie im Stich. Meist werden die Pferde frei laufend gehalten, nur die Reittiere werden eingefangen und angebunden. Ihr Futter suchen sie sich selbst. Ich las auch, dass Stutenmilch (Airag) das mongolische Nationalgetränk ist und Pferderennen sehr beliebt sind. Auf einer Internetseite war ein Pferd abgebildet, das Ed tatsächlich sehr ähnlich war. Stockmaß nur 130 bis 145 cm – und trotzdem kein Pony!

Tusche: Klaus Holitzka

In der Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich trug eine bunte Kappe und wanderte ohne Ziel durch eine weite Steppe. Mein Herz war von heiterer Stimmung erfüllt. Ich sang ein mongolisches Hirtenlied und begleitete mich dabei auf einer quietschenden, quäkenden Mondlaute, indem ich mit einem Fiedelbogen über die Seiten strich.

Eine Herde wilder Pferde galoppierte auf mich zu. Der Hengst, der die Gruppe anführte, sagte: »Traumwanderer, wohin gehst du?«

»Ich bin, wo ich bin«, sagte ich. »Ich suche keine Antwort und habe kein Ziel.«

Der Hengst erwiderte: »Wann immer du willst, reite ich mit dir in die Dunkel­heit, um das Licht zu finden.«

Ich dankte ihm und versprach, ihn in der Traumzeit aufzusu­chen, wenn ich ihn brauchen würde. Dann ging ich weiter und quietschte fröhlich auf meiner Mondlaute, bis ich einen Mann sah, der mir schon aus der Ferne bekannt vorkam.

Nein, nicht schon wieder! Es war Ho Lin Wan, mein Gefährte aus meinem früheren Leben in Tibet[1]. Er war in die wilde, wirre, bunte, schmuddelige Pracht eines mongolischen Schamanen gekleidet. In einer Hand trug er eine Gebetsmühle, in der anderen ein Seil. Ho Lin Wan! Nirgendwo war man vor ihm sicher. Seltsamerweise schien er mich nicht zu sehen. Er wollte gerade an mir vorübergehen, als ich ihn ansprach. Da blieb er stehen und schaute mich lange an, als würde er mich nicht erkennen.

»Ho Lin Wan«, sagte ich, »wohin gehst du?«

»Ich suche mein Pferd. Hast du es gesehen?«

Ich nickte. »Eben traf ich eine Herde wilder Pferde.«

Ho Lin Wan sagte: »Nein, die kenne ich. Da ist mein Pferd nicht bei. Hast du sonst etwas zu meiner Erleuchtung beizutragen?«

Ich quietschte ein paar Bogenstriche auf meiner Laute und sang mein Mantra: »Ich lebe, ich glaube, ich vertraue, ich bin dankbar, ich bin mutig …«

Ho Lin Wan grummelte. »Grässliches Geräusch. Wann wirst du endlich deinen Ton finden?«

»Wozu muss ich meinen Ton finden?«

»Damit du deine Zuhörer zur Aufmerksamkeit führst und auch sie ihren Ton finden.«

»Und was bewirkt dieser Ton, den ich suchen soll?«

»Er schafft dir eine Verbindung zur Quelle deiner Kraft.«

»Wie finde ich diesen Ton?«

»Indem du still bist! Denk über die Stille nach, wenn du schon denken musst!«

Ho Lin Wan schien ziemlich schlecht gelaunt zu sein. Früher hätte ich mich mies gefühlt. Wenn man zu einer mongolischen Laute schräge Lieder singt, klingt es nun mal ziemlich schaurig, aber für mich hörte es sich gut an. Es machte mir Spaß. Also würde ich mir die Laune nicht vermiesen lassen. Trotzdem dankte ich dem alten Schlauberger für seine weisen Worte und versprach ihm, an meinem Ton zu arbeiten.

»Sehr gut«, sagte Ho Lin Wan, »dieser Ort ist die totale Leere, ein guter Platz, um seinen Ton zu finden. Du bist nichts geworden, hast nichts erreicht und das ist gut so. Was immer auftaucht, sind ohnehin nur Formen deines Ich-Bewusstseins.«

»Bin ich hier, weil ich träume, ich wäre in der Mongolei? Oder lebe ich hier und träume, ich würde Golf spielen und merkwürdige Bücher schreiben?«, fragte ich ihn.

»Frage dich: Wer ist es, der nichts versteht?«

»Ho Lin Wan, ich bin froh, dich getroffen zu haben. Ich frage mich nur, warum ich nichts verstehe.«

»Erinnere dich des Bardo Thödol[2]«, sagte er ernst. »Befreiung durch Hören im Zwischenzustand. Finde deinen Ton, dann wirst du hören können.«

Bei früheren Begegnungen hätte ich mich mit solchen Sprüchen abspeisen lassen, aber diesmal war es anders. Ich fühlte mich wohl mit meinen quietschenden Geräuschen und falschen Tönen. War diese Steppe nicht groß genug für uns beide? Trotzdem fragte ich, als er weitergehen wollte: »Und was ist mit dem Pferd?«

»Das Pferd ist weg. Hat sich davongemacht, schon vor seiner Geburt, vermutlich weil es die totale Leere leid war.«

»Vor seiner Geburt?«

»Ja, ich kenne mein Pferd aus früheren Leben. Tibet, China, wo immer es zu trocken, zu heiß, zu kalt oder zu nass war, sind wir zusammen gewandert. Zuletzt hatte es die Steinwüsten und steilen, engen Bergpfade satt. Das Pferd träumte von satten, grünen Weiden und einem geruhsamen Leben ohne Kletterei.«

»Dann ahne ich, wo dein Pferd steht.«

»Wo?«

»Ach, es ist nur eine Vermutung meines verblendeten, falsch tönenden Ich-Bewusstseins.«

»Sag! Wo?«

Mit einem dämonischen Grinsen schaute ich ihn an und stöhnte:

»Schuhu, Schuhu,

sieh selber zu,

dein Pferd steht

in der Waldesruh!«

Lachend rannte ich davon. Ho Lin Wan lief hinter mir her und versuchte, einen Stein nach mir zu werfen, aber ich ritt bereits auf dem monotonen Summen meiner magischen Laute durch die Lüfte davon. Ich flog über gelbe Täler, dann durch graue Wolken, bis sich das Summen zu einem durchdringenden Brummen verstärkte, von dem ich schließlich erwachte. Frau Pfeiffers Staubsauger dröhnte durch die Waldesruh – ich sah auf die Uhr: Halb zehn! Komplett verpennt.


[1] › Vgl. Eugen Pletsch: Der Weg der weißen Kugel

[2] › Vgl. Evan Wentz: Das tibetanische Totenbuch

Auszug aus: Achtung Golfer- Schlägertypen in Wald und Flur

Die grüne Minna

LeserInnen, die den „Weg der weißen Kugel“ aufmerksam gelesen haben möchten bisweilen mehr über die wirbelnden Golfderwischen von Tao Yin wissen.  Anlässlich der komplett überarbeiteten und erweiterten Neuausgabe meines Buches  „Weg der weißen Kugel“ möchte ich den fortgeschrittene Adepten des Golfweges deshalb zuerst von Bodhidharma erzählen, der sowohl als Begründer der Chan (ZEN)-Tradition, sowie als Gründer des TAO Yin Klosters im Königreich Shambhala geehrt wird.
Bodhidharma war der 1. Patriarch des ZEN-Buddhismus, der auf der wortlosen Übermittlung der Lehre (Sunflower-Sutra) basiert. Wie man heute weiß, blieb ihm verwehrt, eines gewaltsamen Todes zu sterben, den so viele große Meister (Buddha, Jesus..) aus karmischen Gründen wählten. Was die Grüne Minna damit zu tun hat und wie die kleinen grünen Männchen auf den Mars kommen, erfahrt Ihr in dieser Geschichte. (ep)

Der Tag an dem Bodhidharma nach langen Wanderungen endlich zur chinesischen Grenze kam war für den tibetischen Grenzwächter ein Tag wie jeder andere. Der Himmel leuchtete in dunklem Blau. Ein leiser Wind strich von den Bergen herüber zum Pass auf dem eine kleine Hütte neben der Grenzmarkierung stand. Der Pass war eine mehrere hundert Fuß breite Hochgebirgsebene von ewigweißen Riesen umschlossen.

„Von wegen leiser Wind“, grummelte Bodhidharma, der sich an die Affenkälte der tibetischen Hochplateaus nie gewöhnen würde. Der Wind pfiff ihm durch die weiten Armöffnungen seiner schweren verfilzten wollenen Überkleidung. Die Jahre, die er auf seinem Weg nach Norden von Indien durch Tibet verbracht hatte, begannen an seiner Substanz zu zehren. Er erinnerte sich an die Zeit, als er sein Boddhisattva-Gelübde abgelegt hatte. Es war so heiß, dass er zuerst für alle Wesen betete, die ein Fell trugen. Überhaupt: Damals war es in jeder Hinsicht eine heiße Zeit in Nordindien: Es gab jede Menge verrückter Yogis und Asketen, die sich als direkte Nachfolger des erhabenen Gautama Buddha ansahen und dies jeden wissen ließen, der bereit war, dafür etwas springen zu lassen. Dicke Chapatti-Swamis, in ihren roten Roben kreisend, verkündeten in endlosen Chants die Neuerung der Religion, während die ehrwürdigen Brahmanen-Priester stocksauer über den Unfug waren, den dieser vermeintliche Thatagatha unter die Leute gebracht hatte. Sie nannten ihn verächtlich Siddharta Who? und droschen ihre jungen Priesterschüler bis ihnen Krishnas Flötentöne wie Funken vor den Augen standen. Bildhübsche ascheverschmierte Dakinis strolchten jede Scham verachtend kichernd über die Märkte und erzählten von all den Ehrwürdigen und weisen Saddhus, die oben in den Bergen beim Anblick ihrer nackten Weiberärsche alle Gelübde vergaßen.

In diesem Sommer als Bodhidharma erwachte war es grässlich heiß und die Mücken nagten an dem letzten bisschen Hirn, das den Menschen geblieben war. Die schwüle Nachmonsunzeit erschien vielen unerträglich, die gelben Mönchgewänder waren nass und verstunken und juckten auf der Haut. Doch für Bodhidharma war es eine wunderbare Zeit. Der Duft der Erleuchtung erfüllte ihn wie die Blüten des Waldes. Nachts spiegelte sich Shivas Mond silbern auf dem Wasser der Flüsse und  tagsüber schien die goldene Sonne auf Wüsten, Dschungel, Ebenen und Tempel, kleine Städte, und Dörfer. Seit seinem wunderbaren Moment des Erwachens spürte Bodhidharma seine Liebe zu allen Wesen und Dingen zu Hunden, Affen, Kindern und ihre geduldigen Mütter. Selbst die verrückten indischen Väter, korrupte Brahmanen und nervige „Suchende“ schloss er in sein Gebet ein und sprach das Bodhisattva-Gelübde, welches besagt, dass er solange nicht ins Nirwana eintreten würde, bis alle fühlenden Wesen befreit wären – von Hunger, Gefangenschaft, Unterdrückung, Not und Verblendung, von Ruhelosigkeit, verlogenen Politiker, räuberischen Banken, sowie GEZ-Gebühren für miserable Fernsehprogramme, die er, mit dem Buddha-Auge die unendliche Kette der Kausalitäten vorauseilend, kommen sah.

Kurz darauf passierte dann die Geschichte mit der Grünen Minna. Sie war eines jener hübschen Shiva-Groupies, die in der Spiritual-Szene rumhing und auf große Typen stand. Eines Tages kam sie von einer Tempelorgie ermattet zum dem Bambushain, in dem Bodhidharma zu predigen pflegte. Sie machte einen passablen Eindruck, zeigte sich sehr interessiert und wurde mit der Zeit zu einer glühenden Verehrerin des Buddhismus im Allgemeinen und von Bodhidharma im Besonderen.

Nachdem sie die Lehre des Erhabenen Buddha in ihren Grundzügen begriffen hatte, wurde ihr klar, dass der spezielle ZEN-Schlenker der wortlosen Übertragung des Geistes, den Bodhidharma drauf hatte, ein – wie man heute im Marketing sagen würde – Alleinstellungsmerkmal darstellte, das vernünftig vermarket, ordentliche Gewinne versprach. Während die Mönche über die perfekten Rundungen der hübschen Minna meditierten oder sich Mückenstiche aufkratzen, machte sie sich mit großer Begeisterung daran, das verlotterte Häufchen von Anhängern aufzumöbeln, das Bodhidharma zur damaligen Zeit umgab. Sie fütterte sie mit leckeren Chapatti-Fladen, sorgte dafür, dass sich die jüngeren Mönche auch unter der Vorhaut wuschen, flickte die mit Palmwedeln bedeckten Dächer der Hütten in denen sich die Jünger zur Ruhe betteten und konzentrierte sich ansonsten auf das Management der Gemeinde (Sangha).

Irgendwann eines Morgens, gerade als sie Bodhidharma die Glatze rasierte, spiegelte sich ihr Bewusstsein im Rasierschaum und in einer blitzartigen Satori wurde ihr Folgendes bewusst:
Erleuchtung gibt es nicht. Buddhismus, Befreiung, Rettung – alles Hokuspokus. Da ist nichts, was nicht ist, was nicht schon war oder sein wird, nichts was nicht wäre oder irgendwie sein könnte, wenn es nicht anders wäre, als es ist, weshalb so nicht sein kann und darum auch nichts wird.

Sie schabte den Rasierschaum von Bodhidharmas Haupt, wobei sie so zitterte, dass sie ihm einen ordentlichen Schmiss verpasste, was der Meister, der um seine Buddha-Ohren fürchtete, in stoischer Ruhe aussaß.  Minna rubbelte ihm das erleuchtete Haupt und stürzte dann in die Küche, wo es bald darauf zu einem zweiten Erleuchtungsschub kam: Während sie einen Stapel mit 23 Schalen trug und dabei in die Hände klatschte, wurde ihr vollkommen, absolut und für immer klar wie Kloßbrühe, dass Bodhidharma ein großer Heiliger war, der wie alle großen Heiligen das karmische Recht genoss, durch einen kleinen Anschlag, einen Terrorakt, Giftpfeile oder wenigstens durch eine makrobiotische Diät ums Leben zu kommen. Und ihr, Minna, war die Gnade zuteil geworden, den großen Bodhidharma abzumurksen, damit er in den sieben Himmeln als gerechter und würdiger Weisheitslehrer seinen Platz fände.

Minna hatte in ihrer Zeit unter Shiva-Saddhus vielseitige Diät-Experimente durchgeführt, war aber, seit sie unter den Jüngern des Erhabenen weilte, zur ajurvedischen FDH-Kost übergegangen (Bettelschale voller Reis und Gemüse einmal am Tag).  Mittlerweile war sie jedoch so mit ihren Aufgaben in der kleinen Gemeinde ausgefüllt, dass ihr die Zeit fehlte, um sich ihr Essen zusammenzubetteln. So begann sie, sich einen Trunk aus eingelegten Brennnesseln zu brauen. Das Zeug setzte an und sie wurde immer grüner im Gesicht, weshalb sie bald die Grüne Minna genannt wurde (die später in Tibet als die Grüne Tara verehrt wurde).

Tja – und nachdem sie ihre Bestimmung erkannt hatte, ging sie dem Bodhidharma ans Leder. Bald gab es keine Hütte mehr, die nicht in Flammen aufging, wenn er sie betrat; keinen Elefanten, der nicht von wilden Bienen gestochen lostrampelte, sowie ER zum Verrichten seiner Notdurft im Dschungel verschwand. Wenn ein Ast brach, ein Damm, ein Fels ins Tal kollerte oder Giftpfeile aus dem Wirrwarr des Dschungels zischten, dann war die Grüne Minna nicht weit, Bodhidharma auf jeden Fall ganz in der Nähe.

„Hey, lass das“, sagte er eines Tages zu ihr, als er merkte, wie der Hase lief. „Ich bin kein vollkommen Erwachter. Ich habe noch eine Illusion an der ich hafte, nämlich die, alle Wesen retten zu müssen. Jetzt komme ich zu gar nichts, weil ich ständig damit beschäftigt bin, mich selbst zu retten.“

Für eine Weile ließen die Anschläge etwas nach.  Dafür verschlechterte sich die Ernährungslage drastisch. Die Grüne Minna forcierte ihren grünen Brennessel-Trunk als allein selig machende Sangha-Sangria, wodurch Bodhidharmas Schüler schnell zu einer kleinen Gruppe grüner Hardliner zusammenschrumpfte, die  schon zu viel mitgemacht hatten, um noch einmal das Lager zu wechseln. Außerdem glaubten sie der Grünen Minna, die ernsthaft behauptete mit diesem Brennesel-Trunk unsterblich werden zu können. Nach einer schier endlosen Gruppenmediation beschlossen alle gemeinsam zum Mars zu fliegen, wo ihnen Minna ewiggrüne Brennnessel-Felder versprach, die zwei Vorteile hätten: Erstens würden diese Brennnesseln nicht brennen und zweitens würden sie wie Pizza schmecken. Das klang für die kleinen grünen Männchen so verlockend, dass sie eine Astralreise zum Mars buchten. Eines Tages waren alle grünen Männchen Richtung Mars verschwunden und der Buddhismus galt in Indien für lange Zeit als ausgestorben.  Die Grüne Minna, der es bisher nicht gelungen war, einen Jahrhundertheiligen zu vergiften und die deshalb nicht mitgereist war, schmollte. Schließlich war eine so dicke Luft zwischen den beiden, dass sich Bodhidharma die Faxen dicke hatte und sich entschloss nach Norden zu gehen. In einem geheimnisvollen Seitental fand er das Königreich Shambhala und dort begründete er die Schule der wirbelnden Golf-Derwische von Tao Yin. Schließlich brachte er den Buddhismus, einer letzten Illusion folgend, über Tibet nach China und dann nach Japan, also in jene Länder, in denen der grüne Tee bis heute ein beliebtes Getränk ist.

Doch das kam alles erst später. Jetzt stand Bodhidharma auf diesem kalten Pass im eisigen Wind und der kleine chinesische Zöllner tibetischer Abstammung fragte ihn: Haben Sie etwas zu verzollen?

(c) by Eugen Pletsch

Auf den Hund gekommen…

Einen Spitz kannte ich nur aus Wilhelm Buschs „Max und Moritz“ bis mich so ein kleiner, weißer Giftzahn eines Tages auf meinem Schulweg angriff und ins Bein biss. Ich war in der 2. Klasse und nicht der Typ, der Bisswunden mal so eben wegsteckt oder zurück beißt.

Kurz gesagt: Dieser schmerzhafte Überfall inkl. Tetanus-Spritze hatte mich derart traumatisiert, dass ich ein Leben lang die Straßenseite wechselte, wenn mir ein Hund entgegen kam. Selbst winzige Wuschel auf Trippelbeinchen, die sich vor Mäusen und Kanarienvögeln fürchten, genossen meine Angst-Pheromone und rissen an der Leine in der Hoffnung meine 90 kg bis auf den Knochen abzunagen.

Ende der 1970er Jahre, als Aussteiger mit meiner jungen Familie auf dem Land lebend, bekamen wir einen jungen Berg-Afghanen geschenkt. Die sind kleiner und kurzhaarig, perfekte Hütehunde und gute Begleiter, wenn man zu Pferd unterwegs ist. Ich hatte aber kein Pferd (vor denen habe ich noch mehr Angst als vor kleinen Hunden) und weil sich Linka, wie sie hieß, auf unserem Grundstück fürchterlich langweilte, büchste sie täglich aus und trieb Kühe über die Weiden, was die Bauern der Gegend überhaupt nicht mochten.

Also kaufte ich ein Buch über Erziehung von Jagd- und Schäferhunden, aber Linka war mindestens so störrisch, wie das afghanische Volk unter ausländischer Besatzung. Nachdem wir zwei Kinder hatten und unsere Lebensweise änderten, wurde es meiner damaligen Frau zu viel und sie verschenkte den Hund an einen Tankwart, den Linka sehr mochte. Ich war erleichtert, zumal ich weder den Geruch von nassem Fell mag, noch den Geruch von Trockenfutter-Blähungen.

Jetzt, im Alter, auf meinen Waldspaziergängen, bleibt es nicht aus, immer wieder Hunden zu begegnen. Der Befehl: „Rambo! Monster! Hierher! … Keine Sorge, die wollen nur spielen“ … ist für Hunde-Phobiker wie mich wenig hilfreich, wenn Rambo und Monster mit MIR spielen wollen. Das führt Angstzuständen, die Hundebesitzer erst verstehen werden, wenn ihr eigener Liebling eines Tages Opfer einer Attacke wird.

Wie schlimm das werden kann beschreibt die Inhaberin der Gießener Büchergilde, Dagmar Tenten, in ihrem Buch „Timmy Schatze-Tatze“: Ihr Hund Timmy wurde von einem größeren Hund angefallen und so schwer verletzt, dass Timmy zu der Zeit, als ich Dagmar kennenlernte, noch im Kinderwagen durch die Stadt gefahren werden musste. Sie pflegte ihn jahrelang liebevoll und aufopfernd. Wenn ich bis dahin keinen Draht zu Hunden hatte, so änderte sich das nach der Lektüre ihres wunderbaren Buches und jenem Tag, an dem ich die „Büchergilde“ besuchte: Mir ging seelisch nicht gut und wollte mich etwas ausruhen. Da kam Timmy zu mir und setzte sich zwischen meine Beine. Ich dachte, er wollte gekrault werden, aber nach einer Weile spürte ich, dass es mir Beistand leisten wollte. Jedenfalls empfand ich das so, denn danach ging es mir besser.

Um meine innere Einstellung Hunden gegenüber zu verändern versuche ich mittlerweile, Ihnen freundliche Gedanken zuzusenden. Verblüffend ist, dass die meisten „Frauchen“ und Herrchen“ ihre Hunde seitdem an der Leine haben oder bei Fuß halten, wenn sie mir begegnen.

Im Sommer 2020 begann ich eine Art Hunde-Therapie. Eine ehemalige Tierheilpraktikerin, Mitte 80, versorgt mit ihrer Tochter in einer alten Mühle ca. 20 Tiere (Hunde, Katzen, Waschbären, Gänse, Hühner und Pferde).

Die drei Hunde sehen aus, als wären sie meinen schlimmsten Albträumen entsprungen: Da ist der dicke Seppel, ein Hütehund, der kleinen Kindern wie der Hund von Baskerville vorkommen muss, Lisa, seine Schwester, etwas kleiner, höchst wachsam und zu jedem Kampf bereit, sowie Babette, eine traumatisierte griechische Flokati-Hündin, die vertrottelt wirkt, sich aber wild aufführen kann, wenn sie kleineren Hunden begegnet.

Die Meute muss täglich bewegt werden und da jeder entgegenkommende Hund kräftig verbellt und bedroht wird, gehen wir meist zu dritt, von einer Freundin mit Taschen voller Leckerli begleitet, die ein besonders Verhältnis zu Lisa pflegt.

Mitglied der berüchtigten „Mühlenhunde-Gang“ zu sein verschafft mir eine späte Genugtuung. Ich war nie bei den Hells Angels, aber so ähnlich muss sich das anfühlen: Das Gefühl wilder Macht und Stärke! Aus der Ferne sehen wir ziemlich gefährlich aus, denn die Hunde sind bei Begegnungen meist giftig am Bellen.

Dass Seppi taub ist, Lisa krank, Babette kaum unter ihren Flusen hervorschauen kann (siehe Bild) und alle drei Leckerli-süchtige verschmuste Bettelhunde sind, können die anderen ja nicht ahnen. 

© Eugen Pletsch 2021