Werde ich ein chinesischer Bauer?

Langsam wird mir bewusst, was es bedeutet, dass ich kein Golf mehr spiele: Ich fühle mich großartig, bin mental gefestigt, habe mich seit Wochen nicht mehr über mein Spiel geärgert, keinen Ball verloren, keine Zeit mit Warten vertrödelt, mich nicht mehr über irgendwen oder irgendwas geärgert. „Einfach häärlisch“, wie Frau Oelmann rufen würde.

Mein alter Freund Tim hat einmal gesagt, der beste Golftipp wäre „zwei Wochen nicht zu spielen, um dann nie wieder anzufangen“. Da ist was dran. Erst durch das Nichtspiel habe ich das Golfsein erfahren dürfen. Das erinnert an den Begriff des „Nichtseins“ im ZEN, den man erst versteht, wenn man die Nichtexistenz des Nichts im Sein erfahren hat, wobei das „Nicht Sein“ keinesfalls mit „nichts sein“ zu verwechseln ist, was wiederum etwas anderes bedeutet, als das buddhistische „Nichts“ und das hat überhaupt gar nichts mit „nichts“, geschweige mit dem „Nichts“ zu tun. Das nur am Rande.

Ich entdecke, dass es ein Leben außer dem Golfspiel gibt. Erstaunlich, wie viel Zeit es jetzt in (m)einem golffreien Universum gibt. Wenn ich mein sommerliches Arbeitspensum rückblickend betrachte, also zum Beispiel den „WEG“ anstatt einer Woche drei Monate lang überarbeiten, nebenher endlos viele Mails schreiben, stundenlange Telefonate, Korrespondenzen, Lesungen und nebenher das Cybergolf-Relaunch und andere offenen Baustellen, dann wundere ich mich, wie ich es geschafft habe, auch noch meinen Job zu machen, abgesehen von den Stunden, die ich täglich auf dem Golfplatz verbrachte.

Das erinnert mich an manchen rasenden Rentner, der sich fragt, wie er früher die Zeit fand, einer geregelten Arbeit nachzugehen. Schwerwiegende orthopädische Probleme sind übrigens ein deutlicher Indikator dafür, dass ich immer mehr zum etablierten Golf-Schreiberling mutiere. Früher, als ich noch jung und böse war, dachte ich, diese Brüder in den Golfredaktionen hätten alle was am Kopf. Heute weiß ich: Sie haben es eher am Fuß. Oder am Rücken. Auf alle Fälle kommen sie kaum zum spielen und dann ist es verständlicherweise wenig reizvoll, sich durch die durchgeknallten Schriften exzessiver Golfer zu quälen.

Je mehr ich selbst schrieb, umso mehr verstand ich, warum Golfjournalisten, besonders wenn sie selbst Bücher publizieren, keine Rezensionen mehr schreiben. Das ist kein Konkurrenzdenken, sondern eher ein Zeichen von Kollegialität, wenn man nichts schreibt. Und so halte ich es auch. Mittlerweile bekomme ich fast alle Golfbuch-Neuerscheinungen zugeschickt, aber bespreche ich die noch? 

Wenn ein saturierter, selbstgefälliger Autor den üblichen chauvinistischen, hundertmal gehörten „Golferhumor“ widerkäut, der alle gängigen Vorurteile gegen Golfer nur bestätigt, dann hätte ich das früher vielleicht in diesem Blog vielleicht zum Thema gemacht. Aber heute? Soll ich meine überflüssige Meinung auf Amazon posten und einen Krieg vom Zaun brechen? Nein. Stattdessen ducke ich mich in meinem Glashaus und hoffe, dass keine Steine fliegen.

Oder nehmen wir diese hübsch gelayoutete Geschenkbücher für Golfer, die alle Zahlen, dummen Witzen und „Golfinfos“ enthalten, die zwei Praktikantinnen in vier Wochen auf der Casting Couch zusammengoogeln können: Das ist für mich keine kreative Arbeit, was ich aber so nie schreiben würde. Zumal es immer noch genug Neugolfer gibt, die solche Bücher einfach köstlich finden. Warum sollte ich denen ihren Spaß verderben?

Sagen wir wie es ist: Um meine Lesergemeinde in diesem Blog wenigstens hin und wieder anzufüttern, habe ich (damals, als ich noch Golf spielte) aus Zeitmangel sogar ältere Texte recycelt, wobei mir und anderen auffiel, dass die allemal besser sind, als das seichte Gefasel, das mir heutzutage immer öfter entgleitet und das, wie der kranke Fuß, ein Indikator dafür ist, dass ich als „Golfautor“ versande. Das alles gibt mir zu denken und ich frage mich wiedermal, ob ich mein Leben nicht generell verändern sollte. Warum nicht? Heuler hat es auch geschafft! Aber ist der Schützenverein für mich wirklich eine Alternative? Sollte ich wieder Straßensänger werden und Bankern auf dem Weg zur Frankfurter U-Bahn Golftipps geben?

Darüber grübelte ich tagelang, bis gestern die Oktoberausgabe des Golfjournals im Kasten lag. Im Golfjournal lese ich am liebsten die „Zahl des Monats“, die mich total fasziniert und die ich manchmal auswendig lerne. Im Oktoberheft (auf Seite 12) war es die stolze Zahl von immerhin 398000 (Yuan). Soviel kostet eine Mitgliedschaft in einem exklusiven Golfclub in der Provinz Zheijang in der Volksdiktatur China. Umgerechnet wären das „circa 44.000 Euro“, ein Betrag, der laut Golfjournal in etwa dem durchschnittlichen Jahreseinkommen  eines chinesischen Bauern entspräche. Ein chinesischer Bauer verdient circa 44.000 Euro im Jahr?

JA, ICH WERDE EIN CHNESISCHER BAUER! Cartoon: Peter Ruge


Jetzt wusste ich, was ich schon immer werden wollte: Chinesischer Bauer! Im Regal fand ich meine MAO-Bibel, die ich 1967 im Hyde-Park in London von Roten Garden bekommen hatte. Reisbauer in China! Bis zu den Knien im Wasserhindernis stehen und Kohle scheffeln. Wieder googelte ich das Thema. 398000 Yuan entsprachen mittlerweile einem Betrag von 45388 Euro. Das wird ja immer besser, dachte ich, bis ich dummerweise einen Artikel im Hamburger Abendblatt fand, nach dem Landarbeiter angeblich nur 3255 Yuan (330 Euro) im Jahr verdienen. Das ist etwas weniger als 45tausend Euro.
„Aha,  mal wieder typisch, die Zahlenakrobaten vom Golfjournal“, dachte ich.
Die Sache ist jedoch noch nicht ganz vom Tisch, denn 330 Euro im Jahr sind immerhin 330 Euro mehr, als ich pro Jahr als Blogger verdiene. Aber gut: Jetzt koche ich erst mal einen Topf Reis, dann sehen wir weiter.

(c) by Eugen Pletsch (ca. 2008)

Grötschmanns Katze

An einem windigen, regennassen Tag trug Grötschmann seine Katze zu Grabe.
Grötschmann – Ihr erinnert Euch? In den ersten Jahren waren wir keine engen Freunde gewesen, höchstens Fairway-Gefährten. Heinz Grötschmann hatte damals eine besondere Stellung inne. Er war der einzige offiziell bestallte Zuhörer in einem deutschen Golfclub. Lange bevor wir mit ihm im GC Bauernburg den „Golftherapeutischen Pflegedienst“ gründeten, sammelte er bereits Erfahrungen in der Kunst des Zuhörens.

Golfer-Geschwätz ertragen ist die höchste Form der Vipassana-Meditation. Kaum einer weiß, was Heinz Grötschmann in seiner Zeit als aktiver Zuhörer für seinen Club – und die Menschheit – geleistet hat.

Jesus mag für unsere Sünden gestorben sein, aber Heinz Grötschmann hat alle unsere Sünden mit uns erlitten, egal ob verschlagene Drives oder 15 cm-Putts, die unaufmerksam und leichtfertig am Loch vorbeigeschoben der Mannschaft den Klassenerhalt kosteten. Selbst die lautstarken Siegertypen und Brüllochsen mit Bierschaum vor dem Mund ertrug er gelassen.

Üblicherweise ist es doch so:  Kommt jemand nach einem Turnier und fragt, wie man gespielt hat, will der das doch gar nicht wissen. Sie wollen doch nur selbst erzählen, wie toll oder grauslig sie gespielt haben. Hören kaum einen Moment zu, nicken kurz und fallen dir dann ins Wort. Hat jemand grottenschlecht gespielt, hebt das vielleicht noch die eigene Stimmung, aber sonst – wozu dieses endlose Gesülze? – nein danke. Könnte man sagen.

Aber Grötschmann hat sich alles angehört, hat die Leidenden aufgerichtet und mit einem Wort der Aufmunterung gestreichelt, hat die wirre Verzweiflung der Schwung-Gläubigen zum Weg der Erkenntnis geführt und war stets bereit, auch Gästen zuzuhören, die im Club niemanden kannten, der bereit gewesen wäre, ihren Tragödien und Triumphen zu lauschen.
Zum Ausgleich für diese unsägliche Geduld erhielt Heinz, der es nach seiner Scheidung nicht mehr so Dicke hatte, die Möglichkeit, seinem geliebten Golfsport in diesem Club kostenfrei nachzugehen, so wie dann später bei uns in Bauernburg. Wie ich bereits in ‚Golf Gaga‘ schrieb:

„Für den herzensguten Grötschmann war Golf eine kultische Handlung und er selbst sah sich als Diener einer launischen Göttin, die ohne Unterschied auf Rang und Ansehen belohnte und strafte, was seinem Verständnis von Gerechtigkeit entsprach.“

Ein Geheimnis, das kaum jemand kennt (und das ich auch in den Geschichten vom Golfclub Bauernburg in Achtung Golfer! geflissentlich zu erzählen vermied, betrifft die Existenz von Grötschmanns Katze. Die Katze hieß ‚Semikolon‘, er rief sie Sem. (Nicht Sam!)

Wer länger Golf spielt weiß, dass unser Spiel ein Paradoxon ist.

So wie Schrödingers Katze. Das Paradoxon von Schrödingers Katze besteht darin, „dass dem Gedankenexperiment nach eine Katze mit den Regeln der Quantenmechanik in einen Zustand gebracht werden könnte, in dem sie gleichzeitig „lebendig“ und „tot“ ist, und in diesem Zustand verbleibt, bis die Experimentieranordnung untersucht wird. Die gleichzeitig tote und lebendige Katze würde erst dann eindeutig auf „lebendig“ oder „tot“ festgelegt, wenn man sie beobachtete, also eine Messung durchführte. Das widerspricht der Anschauung und Alltagserfahrung mit makroskopischen Systemen.“ (Wiki)

Meines Wissens wurde das Paradoxon von ‚Schrödingers Katze‘ wissenschaftlich nie geklärt, aber Grötschmanns Katze hat dieses Paradoxon auf wundersame Weise gelebt. ‚Semikolon‘ war da und war nicht da, weshalb sie in „Achtung Golfer!“ auch nicht erwähnt wird – obwohl sie da war. ‚Semikolon‘ hatte eine rotbraune Farbe. Im Film „Inside Llewyn Davis“ spielt sie in einer Nebenrolle die zweite (falsche) Katze, die der Protagonist des Films, gespielt durch Oscar Isaac, irrtümlich eingefangen hatte, um sie den Besitzern zurückzugeben.

(Die erste Katze im Film war eine Katze, die zweite ein Kater, den ‚Semikolon‘ so überzeugend darstellte, dass alle am Set klatschten. ‚Semikolon‘ wurde übrigens zum Casting zusammen mit Marcus Mumford über London eingeflogen, was gewisse Komplikationen mit sich brachte, weil Mumford eine Katzenallergie hat.

Gitarren-Freaks sollten den Film allein schon wegen der 1925er Gibson L1, einer ‚Robert Johnson-Gitarre‘ unbedingt anschauen, die die Coen-Brüder (Produzenten) in ‚Norman’s Rare Guitar‘ gekauft hatten. Für Golfer ist der Film weniger interessant, es sei denn, sie sehen im Golfsport einen Weg der Bewusstseinserweiterung an. Dann könnten sie (Stichwort Ballverluste vermeiden durch ‚Vipassana‘) lernen, wie man Fenster und Türen bewusst im Auge behält, um Katzen am Davonlaufen zu hindern.

Grötschmann hielt es jedoch anders mit ‚Semikolon‘. Sie war eine freie Katze. Sie kam und ging. Man wusste nie, ob sie da war oder nicht. Golfplatzbetreiber erlauben Hunde auf ihrem Platz, aber einen Hinweis, dass Katzen willkommen wären, habe ich noch nie gesehen. Habe ich überhaupt jemals eine Katze auf einem Golfplatz gesehen? Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht sah ich einst eine Katze auf Mäusejagd, da wo sich das Fairway an einem Dorfrand entlang schlängelt, zum Beispiel auf der 12. Bahn des Golfclubs Attighof. Da könnte ich einer Katze begegnet sein, aber der Fuchs, der auf einem Nordhessischen Platz wohnt oder die Waschbären in Lich sind mit präsenter.

Von ‚Semikolon‘ wusste ich, dass sie oft mit Grötschmann auf dem Platz unterwegs war. Oder auch nicht, denn ‚Semikolon‘ war da und nicht da. Kaum eine Sekunde zu sehen, höchstens ein sandbraunes Huschen im Augenwinkel, wenn man sich sicher war, dass sie diesmal NICHT mitgegangen war. Aber habe ich ‚Semikolon‘ jemals gesehen?

„Da oder nicht da, wer soll das wissen?“ antwortete Grötschmann irgendwann auf meine Frage nach der Katze.

„Ist nicht alles, was wir wahrnehmen ohnehin nur ein Gedankenexperiment?“

Und nun ist sie tot. Grötschmann weigerte sich, Semikolon‘ dem Abdecker zu überlassen. Er grub ein Loch, dort auf dem Platz, wo ihr Grab keinen Golfer stören würde. ‚Schrödingers Katze‘ mochte tot oder nicht tot sein, Grötschmanns Katze verstarb an einem windigen, regennassen Tag. Eindeutig, sie war mausetot.

Am Abend saß Heinz Grötschmann im Clubhaus am Kaminfeuer und trauerte. Dann stand er auf um sein Leben zu verändern. Ich ging mit ihm, keine Ahnung wohin.

 (c) by Eugen Pletsch

Wie es bei mir begann..

Mein Weg in die Golfsucht…

Es war an einem Sonntag in Luxemburg vor mehr als 30 Jahren. Kurz nach 12 Uhr muss es gewesen sein, denn wir tranken bereits einen Malt. Jim, mein schottischer beinah-Schwiegervater, stellte sein Glas auf den Gartentisch, nahm einen Golfschläger, setzte einen Ball auf einen kleinen Stift und schlug einen Golfball in Richtung der Wiese hinter dem Haus.
Da war niemand außer ein paar Kühen. Die Kühe schauten nicht mal auf, als Jim den Ball schlug. Offensichtlich wussten sie bereits, dass Jim sie nie treffen würde. Der Ball flog nur ein paar Meter, dann verschwand er im dichten Gras. Jim ärgerte sich und schlug noch einen Ball. Der flog dann etwas weiter und Jim lächelte listig.
Irgendetwas faszinierte mich an dem, was er da machte. Deshalb wollte ich es auch mal probieren. Er gab mir seinen Schläger, zeigte mir wie man ihn hielt und so versuchte ich nach dem Ball zu schlagen. Ich traf ihn nicht. Vermutlich um mir Mut zu machen, sagte Jim, er wäre Linkshänder. Die Schläger wären also für mich falsch rum. Das war mir egal. Es war wirklich egal, denn als ich später Schläger für Rechtshänder bekam, traf ich zunächst auch keinen Ball.

Das ist nun mal so. Zumindest bei den besonders talentierten Spielern. Ein weniger talentierter Spieler trifft den Ball meist gleich zu Anfang. Dann denkt er – oder sie – das Spiel wäre ganz einfach, verliert den Respekt und entwickelt sich kaum mehr weiter. Alle guten Spieler haben großen Respekt vor dem Golfspiel, aber auch sie kommen nie wirklich weiter. So geht das bis in die Weltklasse. Irgendwo hapert es immer. Da triffst du endlich deine Eisen, prompt fliegen die Drives ins Aus. Und kriegst du die Drives auf die Bahn, dann verlässt dich dein Putter. Man sagt, das Golfspiel sei unbesiegbar. Niemand hat das Spiel jemals gemeistert. Höchstens Bernhard Langer! Der spielt nach wie vor wie von einem anderen Stern, was mich vermuten lässt, dass er tatsächlich von einem anderen Stern ist. Aber darauf komme ich an anderer Stelle noch zurück.

Dass ich mittlerweile seit mehr als 30 Jahren Golf spiele, wundert mich selbst am meisten, denn eigentlich bin ich ein keltischer Barde. Ich erzähle gerne Geschichten, zumindest so lange, bis man mich an den Baum bindet. Bevor ich Jim traf, war ich Straßensänger. Dass ich weder singen noch besonders gut Gitarre spielen konnte, war kein Problem. Ich hatte trotzdem Geld im Gitarrenkoffer, weil ich den Leuten Geschichten erzählte. Ich begann irgendeinen Song, zum Beispiel einen Talking Blues von Bob Dylan, aber dann quasselte ich über dies und das, über Gott und die Welt. Die Leute schauten, blieben stehen und warfen Geld in meinen Koffer.

Jahre später, als ich das Golfspiel kennenlernte und danach süchtig wurde, reiste ich als Handelsvertreter durch Deutschland. Jeden Abend war ich an einem anderen Golfplatz und lernte so die deutsche Golf-Szene kennen. Zu dieser Zeit waren Golfer meist sportlich ambitionierte Menschen aus gesellschaftlichen Schichten, die als „Establishment“ bezeichnet wurden. Fremde Gäste im Club wurden noch mit Handschlag und einem „Gestatten, Dr. Soundso…“ begrüßt – um in meinem Fall sofort zu erkennen, dass ich weder den Stallgeruch noch das Einkommen hatte, um mir mehr als ein paar Stunden Übungszeit auf der Driving Range zu erkaufen – und selbst für diese Gunst musste ich mit der Clubsekretärin noch heftige Sträuße ausfechten. Die einstigen Gentlemen des deutschen Golfsports, die mich zu mancher Satire anregten, haben mein (mittlerweile etwas abgestandenes) Bild vom deutschen Golfer geprägt – wobei ich den weitgehend niveauvollen Umgang dieser Zeit bisweilen etwas vermisse.

Aber ich trauere dem nicht nach, denn ich war damals ein vogelfreier Barfußgolfer, ein Außenseiter, der um Spielmöglichkeiten betteln musste. Die Erkenntnis, dass ich selbst der Prototyp des neuen Golfers war, wurde mir erst Jahre später bewusst.
GOLF! Ich wollte nur spielen! Intellektuell unbelastet wie eine Tontaube und vollkommen golfverrückt taumelte ich – tatsächlich häufig barfuß – über die Fairways, so man mich ließ.

Schließlich begann ich, über meine Zeit als clubfreier Golfer zu schreiben.
Mein erstes Buch „Der Weg der weißen Kugel“, eine Mischung aus Fakten und Fiktionen, wurde signifikant für meine Art des Schreibens.
‚Surreale Golf-Satire‘ oder wie man das bezeichnen möchte, war eine neue und bis dahin unbekannte Stil-Form im Golf-Genre. Zum Glück wurde „Der Weg der weißen Kugel“ sehr erfolgreich und entwickelte sich im Lauf der Jahre (ähnlich wie Bernhard Langer) zum Klassiker.

Ende der 1990er Jahre ging es dann auch bei mir mit dem Internet los. Auf meiner Website Cybergolf.de veröffentlichte ich regelmäßig eine Kolumne, die zuerst ‚Golf Gaga‘, dann ‚Golfnotizen‘, und später nur noch als ‚Notizen von Eugen Pletsch‘ in der Golf-Szene bekannt wurde.
Es folgten Kolumnen in Golf-Zeitschriften. Ich machte das, was man heutzutage bloggen nennt und war vermutlich Deutschlands erster Golf-Blogger. (…)

Soweit ich aus Zuschriften weiß, sind meine Leser meist Menschen, die von diesem Spiel wirklich fasziniert sind, aber einen anderen als nur technischen Zugang zum Golf suchen. Für diejenigen schreibe ich am liebsten, denn wer sich wirklich mit Golf beschäftigt, entwickelt allein schon als Überlebensstrategie jene Art von Humor, die man braucht, um an meinen Texten Gefallen zu finden.

PS: Der Begriff Barfußgolfer bezieht sich auf den Satz „Wir brauchen viel mehr Barfußgolfer!“ mit dem Jan Brügelmann, 1982 bis 1994 Präsident des Deutschen Golfverbandes (DGV), den Golf-Kommentator Carlo Knauss zitierte. Barfußgolfer im Sinne von volksnah, öffentlich zugänglich, nicht länger elitär. Mittlerweile gibt es viele, auch preiswerte Optionen, dieses sonderbare Spiel zu erlernen.

(c) by Eugen Pletsch

Dieser Text erschien in meinem Buch „Notizen eines Barfußgolfers„, das neben einer Auswahl Golf-philosophischer Betrachtungen und praktischen Tipps auch stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels enthält.

Der Weg der weißen Kugel (Tao Yin)

Zur Erinnerung, warum wir auf dem Golf-Weg tun, was wir tun…

Golf ist eine Wanderung, alleine oder mit Freunden, ein Weg zur Wahrnehmung dessen, was hinter den 1000 Dingen liegt. 

Golf ist nichts Besonderes.
Aber wir können etwas Besonderes daraus machen, bis wir merken,
dass wir nichts Besonderes brauchen.
Golf ist ein Geschicklichkeitsspiel an der frischen Luft.
Gut für die Gesundheit.

Zielspiel
Der Golfball wird mit einem Schläger zu einem Ziel geschlagen.
Dabei fliegt der Ball nicht immer so, wie er sollte.
Doch selbst Anfänger können höchste Freuden erfahren,
wenn ihnen das Glück einen Treffer gewährt.

Anfangen
Es ist nicht die Kraft, die den Ball fliegen lässt.
Das Geheimnis liegt im Rhythmus und der Leichtigkeit.
Um das zu verinnerlichen können Monate vergehen. Oder Jahre.
In dieser Zeit fliegt der Ball selten und häufig nicht an die gewünschten Stelle.
Aber bereits ein Zufallstreffer genügt und die Seele jubelt in stolzer Herrlichkeit.

Lernen
Wen das Spiel will, den holt es sich.
Wer das Spiel achtet, den ehrt es.
Golfspieler darf sich nennen,
wer die Wiederholbarkeit eines Schlages in die gewünschte Richtung
mehrfach unter Beweis gestellt hat.
Den Golfschwung vermittelt ein Golflehrer.
Wenn der gut ist, vermittelt er auch das Golfspiel.
Es gibt auch sehr gute Golflehrerinnen!

Demut
Der Ritt auf dem schäumenden Wellenkamm des Glücks
ist meist nur von kurzer Dauer.
Bereits der nächste Schlag kann den Ball in den Abgrund
und den Spieler zur Verzweiflung treiben.
Deshalb meinen nicht nur Philosophen, Golf erziehe zur Demut.

Rhythmus
Ein gelungener Golfschlag ist eine fließende Bewegung.
Sie nährt den Spieler erfüllt sie/ihn mit Energie.
Doch eine Golfrunde kann nicht immer fließen.
Gehen, stehen, schlagen, bewegen, warten.
Manchmal lange warten.
Es ist, wie es ist. Entspannung hilft, wenn der nächste Schlag gelingen soll.
Alles hat seinen Rhythmus, auch wenn es nicht so scheint.

Die Etikette
Es gibt eine Golf-Etikette.
Sie regelt das Verhalten der Spieler auf dem Platz.
Die Etikette gilt für alle.
Sie erfordert Disziplin und Aufmerksamkeit.
Eine gute Konzentrationsübung.

Regeln
Es gibt Regeln, die definieren, wie man das Spiel spielen kann.
Kann, nicht muss.
Faustregel: Wer im Alltag alles geregelt hat,
sollte es aus „Privatrunden“ mal ohne Regeln probieren.
Wer nichts geregelt bekommt, dem bieten Golfregeln eine Struktur.

Die Ausrüstung
Jeder tut, was er tun muss:
Der Jäger ölt seine Büchse,
der Fischer ordnet die Schnüre,
der Reiter bürstet sein Pferd.
Der Golfer putzt seine Schuhe
und reinigt seine Schläger.

Nerven
Gelingt es schließlich, den Ball häufiger zu treffen,
melden sich prompt die wirren Stimmen des Geistes.
Das Spiel wird dann zu einer Frage der Nervenkraft.
Es reift die Erkenntnis, dass Golf „zwischen den Ohren“ gespielt wird.
Wer diese Hürde nimmt, begreift, dass Golf ein Strategiespiel ist.

Rasenschach
Die Bahnen auf dem großen Freilandschachbrett
sind mit möglichst wenigen Zügen zu meistern.
Den Finten und Fallen der Golfplatzarchitekten auszuweichen
erfordert Mut, Glück und spielerisches Geschick.
Wer Schach nicht mag, treibt seinen Ball einfach nur vor sich her
und freut sich, wenn er ihn wieder findet.
Wer sucht, lässt andere durchspielen.

Annehmen
Das Spiel macht, was es will. Es lässt sich nicht besiegen.
Manchmal gelingen Golfschläge, meist gelingen sie nicht.
Die Natur sorgt für zusätzliche Dramen.
Die Annahme dessen was passiert,
ist der Schlüssel zur Freude am Spiel.
Wer sich lieber ärgert,
darf den Tag trotzdem genießen.
Golf hat für alle eine Überraschung parat.

Drei Chancen
Die Chance zu scheitern ist groß, sich zu ärgern noch größer.
Wer dennoch bereit ist, „den Ball zu spielen, wie er liegt“,
bekommt eine Ahnungvon dem,
was die alten Schotten den „Spirit of the Game“ nannten.
Das ist die dritte Chance!

Aufmerksamkeit!
Eine von Respekt geprägte Wahrnehmung des Spiels
und der Mitspieler (Etikette),
sowie das „Schnuppern der Blumen am Wegesrand“
sind essenzielle Bestandteile des Golfspiels.

Die Kunst des Scheiterns
Wem die Golfgöttin einen perfekten Treffer gewährt,
der erfährt höchste Wonnen.
Doch nur selten ist uns mehr als ein solcher Schlag pro Runde vergönnt.
Auch tausendfach geübte Schläge werden immer wieder misslingen.
Dann ist das Ergebnis zu akzeptieren.
Mit dem Scheitern zu wachsen,
daran geht kein Weg vorbei,
wenn er weiter gehen soll.

Klarheit
Golf braucht klare Gedanken und Entscheidungen.
Die innere Unruhe des Spielers besänftigt sich im Ritual des „Ballansprechens“.
Rechts der Wald, links das Wasser, vor uns die Bahn.
Wie liegt der Ball?
Von welcher Stelle lässt sich das Grün optimal anspielen?
Mit welchem Schlag, mit welchem Schläger und wohin genau?
Für Fortgeschrittene wird das Spiel zum stillen Präzisionshandwerk.

Loslassen
Der Spieler nimmt den Stand ein,
greift den Schläger und richtet sich auf das Ziel aus.
Alle äußeren Einflüsse werden ausgeschaltet,
„wenn und aber“ sind vergessen.
Aus der Ruhe fließt der Schwung, fliegt der Ball.
In einer flüssigen Bewegung „geschieht“ der Schlag
und manchmal ist es der richtige.

Selbstvertrauen
Golf „passiert“, wenn unser Wünschen und Wollen verebbt.
Wer sich zurücknimmt und seinem Schwung vertraut, kann zulassen.
Echtes Selbstvertrauen erwächst, indem wir unserem Selbst vertrauen.
Dadurch entstehen Fragen:
Wer bin ich, warum stehe ich hier
und was ist mein Ziel?

Jetzt
Das Fairway ist der Weg, das Grün Ziel,
das Golfspiel eine Erfahrung des Seins.
Doch sein wahres Wesen ist kein Mythos.
Es ist und bleibt ein Geschicklichkeitsspiel an der frischen Luft,
gut für die Gesundheit.

Nachwort
Nicht jede/r sieht im Golf einen Erkenntnisweg.
Wer nur Spaß will, oder sich ärgern will
oder beides will, kann auch ALLES haben!

Unser Mantra:

Bunker rechen,

Pitchmarken ausbessern,

Divots zurücklegen,

flüssiges Spiel

– das ist der Weg der weißen Kugel

Grafik: Klaus Holitzka

(c) By Eugen Pletsch

Der Traumwanderer

Zur späten Abendstunde surfte ich in die Mongolei. Ich besichtigte das Kloster Gandan und den Palast Bogd Khan sowie den Schildkrötenfelsen im Nationalpark Gorkhi-Terelj, um dann im Orkhon-Tal das Kloster Erdene Zuu zu besuchen. Im Shankh Kloster erfuhr ich etwas von der lebendigen buddhistischen Tradition, um dann via Satellit in der Wüste Gobi nach einer Fata Morgana Ausschau zu halten. Leider sind große Teile der Mongolei, wie auch Teile von Russland und China, für Touristen aus dem Weltraum gesperrt.

Dann versuchte ich, mehr über Ed herauszubekommen. Nachdem ich einiges über die berühmten mongolischen Przewalski-Pferde gelesen hatte, die als Vorfahren unserer heutigen Pferde gelten, recherchierte ich das Lieblingstier der Mongolen, ohne das Dschingis Khan niemals die halbe Welt erobert hätte. Noch heute gibt es mit drei Millionen Tieren mehr Pferde als menschliche Einwohner in diesem Land. Die Nomaden sind sehr stolz auf ihre kleinen Pferde und mögen es nicht, wenn man sie als »Ponys« bezeichnet, las ich.

Aha! Damit war ich mir sicher, dass Ed mir keine Pferdegeschichten erzählt hatte, sondern tatsächlich aus der Mongolei stammte. Die Pferde leben das ganze Jahr stets im Freien, was zwischen 30 Grad Celsius im Sommer und -40 Grad im Winter schwanken kann. Mongolische Pferde sind genügsam, ausdauernd, trittsicher im Gelände und dienen den Nomaden bei der alltäglichen Arbeit. Wenn sich ein Tier an den Reiter gewöhnt hat, lässt es ihn nie im Stich. Meist werden die Pferde frei laufend gehalten, nur die Reittiere werden eingefangen und angebunden. Ihr Futter suchen sie sich selbst. Ich las auch, dass Stutenmilch (Airag) das mongolische Nationalgetränk ist und Pferderennen sehr beliebt sind. Auf einer Internetseite war ein Pferd abgebildet, das Ed tatsächlich sehr ähnlich war. Stockmaß nur 130 bis 145 cm – und trotzdem kein Pony!

Tusche: Klaus Holitzka

In der Nacht hatte ich einen merkwürdigen Traum. Ich trug eine bunte Kappe und wanderte ohne Ziel durch eine weite Steppe. Mein Herz war von heiterer Stimmung erfüllt. Ich sang ein mongolisches Hirtenlied und begleitete mich dabei auf einer quietschenden, quäkenden Mondlaute, indem ich mit einem Fiedelbogen über die Seiten strich.

Eine Herde wilder Pferde galoppierte auf mich zu. Der Hengst, der die Gruppe anführte, sagte: »Traumwanderer, wohin gehst du?«

»Ich bin, wo ich bin«, sagte ich. »Ich suche keine Antwort und habe kein Ziel.«

Der Hengst erwiderte: »Wann immer du willst, reite ich mit dir in die Dunkel­heit, um das Licht zu finden.«

Ich dankte ihm und versprach, ihn in der Traumzeit aufzusu­chen, wenn ich ihn brauchen würde. Dann ging ich weiter und quietschte fröhlich auf meiner Mondlaute, bis ich einen Mann sah, der mir schon aus der Ferne bekannt vorkam.

Nein, nicht schon wieder! Es war Ho Lin Wan, mein Gefährte aus meinem früheren Leben in Tibet[1]. Er war in die wilde, wirre, bunte, schmuddelige Pracht eines mongolischen Schamanen gekleidet. In einer Hand trug er eine Gebetsmühle, in der anderen ein Seil. Ho Lin Wan! Nirgendwo war man vor ihm sicher. Seltsamerweise schien er mich nicht zu sehen. Er wollte gerade an mir vorübergehen, als ich ihn ansprach. Da blieb er stehen und schaute mich lange an, als würde er mich nicht erkennen.

»Ho Lin Wan«, sagte ich, »wohin gehst du?«

»Ich suche mein Pferd. Hast du es gesehen?«

Ich nickte. »Eben traf ich eine Herde wilder Pferde.«

Ho Lin Wan sagte: »Nein, die kenne ich. Da ist mein Pferd nicht bei. Hast du sonst etwas zu meiner Erleuchtung beizutragen?«

Ich quietschte ein paar Bogenstriche auf meiner Laute und sang mein Mantra: »Ich lebe, ich glaube, ich vertraue, ich bin dankbar, ich bin mutig …«

Ho Lin Wan grummelte. »Grässliches Geräusch. Wann wirst du endlich deinen Ton finden?«

»Wozu muss ich meinen Ton finden?«

»Damit du deine Zuhörer zur Aufmerksamkeit führst und auch sie ihren Ton finden.«

»Und was bewirkt dieser Ton, den ich suchen soll?«

»Er schafft dir eine Verbindung zur Quelle deiner Kraft.«

»Wie finde ich diesen Ton?«

»Indem du still bist! Denk über die Stille nach, wenn du schon denken musst!«

Ho Lin Wan schien ziemlich schlecht gelaunt zu sein. Früher hätte ich mich mies gefühlt. Wenn man zu einer mongolischen Laute schräge Lieder singt, klingt es nun mal ziemlich schaurig, aber für mich hörte es sich gut an. Es machte mir Spaß. Also würde ich mir die Laune nicht vermiesen lassen. Trotzdem dankte ich dem alten Schlauberger für seine weisen Worte und versprach ihm, an meinem Ton zu arbeiten.

»Sehr gut«, sagte Ho Lin Wan, »dieser Ort ist die totale Leere, ein guter Platz, um seinen Ton zu finden. Du bist nichts geworden, hast nichts erreicht und das ist gut so. Was immer auftaucht, sind ohnehin nur Formen deines Ich-Bewusstseins.«

»Bin ich hier, weil ich träume, ich wäre in der Mongolei? Oder lebe ich hier und träume, ich würde Golf spielen und merkwürdige Bücher schreiben?«, fragte ich ihn.

»Frage dich: Wer ist es, der nichts versteht?«

»Ho Lin Wan, ich bin froh, dich getroffen zu haben. Ich frage mich nur, warum ich nichts verstehe.«

»Erinnere dich des Bardo Thödol[2]«, sagte er ernst. »Befreiung durch Hören im Zwischenzustand. Finde deinen Ton, dann wirst du hören können.«

Bei früheren Begegnungen hätte ich mich mit solchen Sprüchen abspeisen lassen, aber diesmal war es anders. Ich fühlte mich wohl mit meinen quietschenden Geräuschen und falschen Tönen. War diese Steppe nicht groß genug für uns beide? Trotzdem fragte ich, als er weitergehen wollte: »Und was ist mit dem Pferd?«

»Das Pferd ist weg. Hat sich davongemacht, schon vor seiner Geburt, vermutlich weil es die totale Leere leid war.«

»Vor seiner Geburt?«

»Ja, ich kenne mein Pferd aus früheren Leben. Tibet, China, wo immer es zu trocken, zu heiß, zu kalt oder zu nass war, sind wir zusammen gewandert. Zuletzt hatte es die Steinwüsten und steilen, engen Bergpfade satt. Das Pferd träumte von satten, grünen Weiden und einem geruhsamen Leben ohne Kletterei.«

»Dann ahne ich, wo dein Pferd steht.«

»Wo?«

»Ach, es ist nur eine Vermutung meines verblendeten, falsch tönenden Ich-Bewusstseins.«

»Sag! Wo?«

Mit einem dämonischen Grinsen schaute ich ihn an und stöhnte:

»Schuhu, Schuhu,

sieh selber zu,

dein Pferd steht

in der Waldesruh!«

Lachend rannte ich davon. Ho Lin Wan lief hinter mir her und versuchte, einen Stein nach mir zu werfen, aber ich ritt bereits auf dem monotonen Summen meiner magischen Laute durch die Lüfte davon. Ich flog über gelbe Täler, dann durch graue Wolken, bis sich das Summen zu einem durchdringenden Brummen verstärkte, von dem ich schließlich erwachte. Frau Pfeiffers Staubsauger dröhnte durch die Waldesruh – ich sah auf die Uhr: Halb zehn! Komplett verpennt.


[1] › Vgl. Eugen Pletsch: Der Weg der weißen Kugel

[2] › Vgl. Evan Wentz: Das tibetanische Totenbuch

Auszug aus: Achtung Golfer- Schlägertypen in Wald und Flur

Golf als Übungsweg

Wir praktizieren den Weg und das heißt, wir üben, die Begierde loszulassen. Erst dann kann Sport auch mehr werden als einfach nur Sport, nämlich Weg-Übung, Weg-Praxis.
Dieser Satz stammt aus Fumon S. Nakagawas Buch „ZEN, weil wir Menschen sind“, das 1997 im Theseus-Verlag erschienen ist.

Was heißt: Golf als Übungsweg? Demut und so…? Ja, auch, aber eigentlich geht es um viel mehr: Jeder Golfschlag ist eine unwiderrufliche Handlung, die im Idealfall etwas Vollkommenes ausdrückt. Der Putt nimmt dabei eine besondere Rolle ein, weil er sozusagen als Klimax die Folge der vorherigen Schläge auf der Bahn abschließt und, wie kurz er auch sein mag, als voller Schlag gezählt wird.
Ein Golfschlag erfordert Mut, Entschlusskraft und die Fähigkeit, den Schlag so auszuführen, wie man ihn beabsichtigt. Rainer Mund nennt das ‚Den Schlag zum Ball bringen‘.
Golfen heißt in diesem Kontext, körperliche Fähigkeiten mit Übungen zu verbinden, die den Geist stärken.

Das ‚Hagakure‘ bezeichnet dies als entschlossenes Handeln am Rande des Wahnsinns, was der Golfrunde eines Tour-Spielers entsprechen könnte, während der Alltag eines Amateur-Golfers doch eher vom unentschlossenen Handeln in Mitten des Wahnsinns geprägt ist.

Mancher Adept des Golf-Weges macht aus seiner Faszination gegenüber japanischen Kampfkünsten kein Geheimnis. Ähnlich dem Manager, der „Die Kunst des Krieges“ von Sunzi unter dem Kopfkissen bewahrt, erhofft er sich aus den martialischen Texten der Samurai-Tradition, den Mut zum eigenen Biss anzulesen.

Zur Frage, wie ein Golfer mit Emotionen, Gedanken und Ängsten umgehen soll rät Zen-Autor Jan Willem van de Wetering:
Mach weiter, tu dein Allerbestes. Und mach dir klar, dass es keine Garantie dafür gibt, dass du es jemals schaffst.“
Das ist ein Satz der Mastery-Orientierung ausdrückt und mit diesem Satz, der wenig Mut macht, müssen besonders die Golfprofis leben, die jede Woche neu versuchen, ihr Bestes zu geben.
In dem Zusammenhang fällt mir „Fearless Golf“ von Dr. Gio Valiante ein. Valiante empfiehlt dem Golfer ‚Mastery-Orientierung‘, was im Gegensatz zur ‚EGO-Orientierung‘ bedeutet, dass der Spaß im Lernen und der damit verbundenen Verbesserung (Kaizen) steckt. Die Motivation, sich zu verbessern, bedarf keiner externen Belohnung (Preise). Hindernisse werden als Herausforderung betrachtet, sie stellen keine Bedrohung dar. Überhaupt liegt der Focus darauf, den Platz zu spielen, anstatt andere Golfer im Wettbewerb zu schlagen. Wettbewerb wäre höchstens die Gelegenheit erworbene Fähigkeiten zu testen und zu perfektionieren, aber die Motivationen des Ego-Golfers sind ansonsten ohne Bedeutung.

Ein Ego-Golfer spielt, um der Erwartung anderer gerecht zu werden. Sein Selbstwertgefühl hängt von seiner Leistung im Vergleich mit anderen ab oder wie Vagliante sagt: „Ein guter Score ist (dem Ego-Golfer) wichtiger, als gut zu spielen.“
Ego-Golfer gieren nach Preisen, Auszeichnungen, Anerkennung und einem besseres Handicap. Deshalb ist ihr Spiel weniger von Freude, sondern mehr von Versagensangst bestimmt.

Ist der Spieler ‚in the zone‘, ist seine unmittelbare Handlung ohne Anhaften an Gedanken des Vorhin und Nachher. Sind die technischen und mentalen Hausaufgaben tausendfach geübt, passiert ES – sofern man ES zulassen (loslassen) kann.
Ob ES dann wirklich passiert, ist Gnade oder Glück, oder wie immer man dieses absichtslose Wirken jenseits des Wollens bezeichnen möchte.

Ein Putt-Coach empfahl mir, zum Loch zu sehen und dann zu putten. ZEN-Leute empfehlen, eins mit dem Ziel zu werden und mein Freund Timbo, ein englischer Autoverkäufer, sagt stets: „Don’t think. Just hit the fucking ball.“

Welches Konzept Euch am meisten hilft, müsst Ihr selbst rausfinden.

Eugen Pletsch

*Jan Willem van de Wetering: ‚Ein Blick ins Nichts‘, Rowohlt.

…ein paar Anmerkungen…

Aus dem Schlusswort eines Vortrags

Gestatten Sie mir zum Abschluss noch ein paar golfphilosophische Anmerkungen:
Manche Leute meinen ernsthaft, Golf wäre gar kein »Sport«, sondern eine Methode der Bewusstseins- und Charakterbildung.
Das ist insofern richtig, als das Golfspiel auf einem Codex beruht, nach dem ein Spieler sich bisweilen selbst Strafschläge notiert, wenn er meint, gegen eine der Regeln verstoßen zu haben.
Doch diese Ehrenhaftigkeit, die man Spirit of Golf nennt, gilt mittlerweile in manchen Kreisen als verstaubte Tradition.
Der »Geist des Golfspiels« ist vielerorts flüchtig geworden, gerät immer mehr in Vergessenheit oder hat sich in einen Poltergeist verwandelt.

Deshalb hoffe ich, dass die Tradition unseres Spiels nicht gänzlich verloren geht, wenn die Mitgliedergewinnung um jeden Preis vielfältige Blüten treibt, von denen nicht alle nach Golf duften.
Sich auf die geistigen Grundlagen unseres Spiels zu besinnen, heißt auch, Golfanfängern deutlich zu sagen, worauf sie sich einlassen.
Ja: Golf ist ein Spiel, aber »Golf spielen« ist kein leichtes Unterfangen und wer nicht bereit ist, das Spiel so weit zu erlernen, wie es seine motorischen und geistigen Fähigkeiten zulassen, wird mit all den Problemen konfrontiert werden, die ich als bekennender Golfdilettant in meinem Büchern ausführlich karikiert habe.
Meine Botschaft ist, dass Humor und die Fähigkeit, sich selbst zu betrachten, ohne sich dabei allzu ernst zu nehmen, wichtige Elemente dieses Spiels sind. Aber Golf ist auch eine Kunst, die mit Können zusammenhängt und mit Glück und der Fähigkeit loszulassen, um das Spiel zuzulassen, das in uns steckt.
Das klappt meist nicht so, wie es soll, aber Wunder geschehen immer wieder…und manchmal passiert dann jener magische Moment, in dem uns die Golfgöttin ihre Gunst schenkt und in dem alles möglich wird, weshalb wir nie von unserem Spiel lassen werden…

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit

(c) by Eugen Pletsch

Die Golfgöttin von Klaus Holitzka

Lesen führt zum Träumen (2015)

Letzte Woche spielten wir in gesitteter Gesellschaft neun Loch auf Sommergrüns, wobei ich meine mäßigen Drives durch mein kurzes Spiel einigermaßen ausgleichen konnte.

Nach der Runde versuchte ich im Clubrestaurant, eine Kiste Golfbücher zu verschenken. Obwohl ich nicht nur anspruchsvolle Bücher dabei hatte, sondern auch belletristische Titel wie die von John Daly oder Michelle Wie stieß ich auf wenig Interesse. Nur ein Buch mit dem Titel „Wie Pferde denken“ bin ich schließlich losgeworden. Das war‘s. Offensichtlich wollen Golfer nur noch Videos kucken.

Einst gab es in der tristen, kalten Jahreszeit nichts Schöneres, als sich mit einem lehrreichen oder lustigen Golfbuch oder Bildband in den Sessel zu setzen. Wie eine Tulpenzwiebel keimte dann in uns die Hoffnung auf, dass sich unser Spiel durch ein kleines Wunder in der kommenden Saison entscheidend verbessern könnte. Selbst wenn unser Spiel im Kompost unauslöschlicher böser Erinnerungen vor sich hin rottete, brachte uns das Lesen von Golfbüchern den Glauben an die blaue Tulpe zurück, die sich eines Tages öffnen würde, um in aller Schönheit zu erblühen.
Solange der Platz geschlossen war, träumten und summten wir in stillem Glück, während wir unsere Schläger polierten, die Griffe erneuerten und das Bag ausmisteten. Wir checkten Lofts und Lies, trugen uns mit dem Gedanken ein langes Eisen durch ein Hybrid zu ersetzen und versuchten bei unseren Schwungübungen im Trockendock herauszufinden, wie sich der Schlag in der kommenden Saison anfühlen würde.

Mit der Gewissheit, dass es immer wieder Menschen geben wird, die den ursprünglichen Geist unseres Spiels suchen und die Tradition des Spiels bewahren und weitergeben werden, warteten wir auf den Geruch von Frühling und Erde und sehnten den Tag herbei, an dem wir die erste Runde bei frühlingshafter Witterung spielen könnten. Bis dahin lasen wir Golfbücher wie Ben Hogans „Golfschwung“ und Illusionen von langen, geraden Drives und gelochten Putts wärmten unsere Golfer-Seelen. Mir ging es zumindest so und, soweit ich weiß, auch anderen Golfern.
Lesen – darauf will ich hinaus – führt zum Träumen. Vor sich hinträumen führt zu einer inneren Landschaft, die wir ausgestalten können. Heute weiß man aus der Wissenschaft, dass eine genaue Vorstellung tatsächlich Berge versetzen kann. Alle großen Golfer haben sich auf diese Weise ihr Spiel, Ihre Karriere, ihre Zauberschläge erträumt bzw. visualisiert.
Ich weiß: Mit meinen Ansichten stehe ich auf so einsamem Posten wie dieser japanische Soldat, den man auf einer philippinischen Insel vergessen hatte und der mehr als 20 Jahre ausharrte, bis man ihm sagte, dass der Krieg längst zu Ende wäre.
Erinnerungen, Träume – so antiquiert wie die Idee, sein Persimmon-Holz zum Saisonstart abzuschmirgeln, um es neu zu lackieren. Aber mancher Pro und mancher ältere Spieler weiß, wovon ich rede. Für Neugolfer gäbe es jedenfalls noch viel zu entdecken, aber statt zu träumen und zu visualisieren gieren sie nach den Fakten. Die bringt das Video-System des Golflehrers und mit den Bildern kommen die Informationen, was alles falsch gemacht wird. Und wenn man nur dran denkt, was man falsch macht, bleibt kein Raum um den nächsten Schlag zu visualisieren.

Die Frage ist, ob alle Golflehrer tatsächlich etwas mit Analyse-Systemen wie Scope anzufangen wissen oder ob manche nur Verwirrung stiften?

Professional Nigel Elder meint dazu: „Die PGAs bringen immer mehr Golfprofessionals hervor, die ihren Kunden immer mehr technische Ratschläge geben, die es einfach so schwierig machen, sich zu verbessern. Wenn man klugen Leuten wirklich zuhört, weiß man, dass jede Unterrichtsstunde, die sie nehmen, es nur noch schlimmer macht. Niemand sagt ihnen, dass sie sehr lange üben müssen, um ihren Schwung zu ändern oder diese neue Position zu lernen. Es ist ein Schneeballsystem.“

Mein Kommentar dazu (damals auf Facebook): „Wahre Worte“, worauf mir ein renommierter Golflehrer sofort schrieb: „Vielleicht hat Herr Elder da was nicht ganz richtig gemacht…. Meine Schüler würden meinen Plan nicht füllen, wenn sie keine nachweisliche Verbesserung sähen.“

Bei diesem Pro bin ich sicher, dass dem so ist, denn er gehört noch zur alten Schule. Aber wie oft hört man, dass viele Pros ausgebucht sind, obwohl man bei ihren Schülern keine „nachweisliche Verbesserung“ erkennen könnte. Wie auch, solange nicht das Spiel und das Ziel, sondern der „Schwung“ im Mittelpunkt der Bemühungen steht?

Die These, dass nur der optimale Schwung optimalen Spielerfolg ermöglicht, möchte ich zumindest im Amateurgolf in den Handicap-Klassen B, C, D, und F mal ganz vorsichtig hinterfragt haben. Es ist wie mit meinem Lieblingsthema, den Ärzten: Die Praxen sind voll, aber die Leute werden immer kränker. Ist doch so, oder? Die meisten Golfschüler (und Patienten) reden doch von nichts anderem. Das hängt aber – und da hat Nigel recht – damit zusammen, dass man uns „Golfpatienten“ nicht klar macht, wie lange wir für eine echte Veränderung sprich Gesundung arbeiten müssten.

Wenn mir jemand auf dem Platz erzählt, er habe in drei Trainingsstunden seinen „Schwung umgestellt“, dann kann ich nur lächeln. Rainer Mund spricht von ca. 6000 optimal (!) getroffenen Bällen, bis eine Schwungänderung wirklich im Körper angekommen ist. Nicht 6000 Schläge, sondern 6000 optimal (!) getroffenen Bälle!

Wer kann das heutzutage leisten? Wer kann das auch nur von sich verlangen? Vielleicht sollten manche Pros deshalb nicht so viel am Schwung schrauben, sondern den Leuten stattdessen zeigen, wie sie mit möglichst wenigen Schlägen von A nach B kommen.

Wir brauchen Golflehrer, aber bitte solche, die uns nicht mit Pseudo-Platzreifekursen, Fake-Fitting und ‚Paralysis by analysis‘ verarschen!

Ein Golflehrer sollte die Basics lehren, also Stand, Griff und Ausrichtung und das immer wieder bis zum St. Nimmerleinstag. Außerdem sollte er/sie hin und wieder mit uns über den Platz gehen um zu sehen, wo es hakt, wenn es nicht fließt. Es ist nicht immer der Schwung und auch nicht immer der Kopf.
(Neuerdings ist zu vermuten, dass manche Leute nicht allein deshalb schlecht spielen, weil sie vom Disput zwischen Self 1 und Self 2 zermürbt werden, sondern weil die GPS-Angaben nicht mit ihrem inneren Entfernungsgefühl übereinstimmen!)

Ergo ist es kein Wunder, wenn leise Kritik an der „modernen“ Golflehre flüsternd durch die Foren-Flure sickert und „mündige Patienten“ beginnen, sich über Methoden wie ‚Self Coaching‘, ‚Inner Game‘ und ‚differenzielles Lernen‘ zu informieren.

Golf lernen hat mit Selbstverantwortung zu tun. Punkt. Wenn wir die Verantwortung für unser Spiel an einen Golflehrer abgeben (oder die Verantwortung für unsere Gesundheit an einen Arzt), dann bekommen wir langfristig Probleme.

Noch mal: Wir sind für uns selbst verantwortlich! Wir können Fachleute um Hilfe bitten, aber wir sind es, die am Abschlag stehen und den Ball treffen müssen. Egal ob Pro oder Arzt: Beide können uns viel Blödsinn erzählen, so lange wir unser Hirn ausschalten, anstatt kritisch zu betrachten, ob es uns nach der Behandlung besser geht oder nicht.

Ist der Ball auf der Bahn oder im Rough? Da liegt die Latte.

(c) 2015 by Eugen Pletsch

Empfehlung:

Der Weg der wei­ßen Ku­gel

Pletsch, Eugen
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Von der Warteliste zum Golfführerschein

Als ich 1985 mit dem Golfspiel begann, lernte ich als Erstes die Wartelisten der Golfclubs kennen. Aber dann wurden immer mehr – meist sehr exklusive – Golfanlagen gebaut, die leider das negative Image verfestigten, das dem Golfsport nach wie vor anhängt.

Ende des 19. Jahrhunderts waren deutsche Kurorte bei Reichen und Adligen aus aller Welt äußerst beliebt. Die englischen Eliten, die während der Kur nicht auf ihren Lieblingszeitvertreib verzichten wollten, brachten den Golfsport nach Deutschland.

Zuerst wurde in Kurorten wie Bad Homburg und Baden-Baden gespielt, wo auch die ersten Golfvereine gegründet wurden. Aus diesem Grund hat der Golfsport hierzulande, im Gegensatz zu Schottland und England, keine proletarische Tradition.[1]

Diese ersten Golfclubs in Kurparks bzw. in der Nähe von Kurorten waren den Angehörigen gehobener Gesellschaftsschichten vorbehalten, denn um Land zu kaufen, um das Clubhaus zu bauen und um die Unterhaltskosten zu finanzieren, musste viel Geld in die Hand genommen werden. Sofern kein wohlhabender Gönner die Golfanlage finanzierte, war ein Club auf Spenden, Umlagen und Aufnahmegebühren angewiesen, die wiederum nur von gut situierten Bürgern aufgebracht werden konnten.

Die Golfclubs organisierten sich in Landesverbänden, die gemeinsam den Deutschen Golfverband bilden. In diesem Sinne war der DGV ursprünglich die Vertretung aller cluborganisierten Golfer hierzulande.

In den 1980er Jahren wurde Golf spielen in gewissen Kreisen modern. Wer als Unternehmer, Freiberufler, Banker, Erbe, Mafiosi oder wie auch immer zu Geld gekommen war, versuchte einen Platz in einem der renommierten Golfclubs zu bekommen. Weil die Nachfrage weitaus größer als das Angebot war, mussten Bewerber jahrelang auf ihre Aufnahme warten – eine Situation, von der die Clubs heute nur noch träumen können.

Betreibergesellschaften, die einen Markt witterten, begannen deshalb, supertolle, superteure Plätze zu bauen. Sie hofften auf die Schönen, Reichen und Erfolgreichen, die noch keinen Platz in den privaten Clubs gefunden hatten. Auch der DGV hatte Blut geleckt, verließ seine Kernkompetenzen und versuchte sein Verbands-Gewese zu „professionalisieren“. In dieser Zeit mutierte der DGV von einer Vertretung aller Golfer zu einer Lobby der Golfclubs und Golfplatzbetreiber – die häufig andere Interessen als wir Golfspieler hegt.

Die Clubvorgabe (54 bis 37) wurde eingeführt, um dem »Breitensport Golf« den Weg mit einem Bulldozer zu bahnen, aber mit der Rezession änderte sich die Wetterlage. Geld wurde knapp. Unternehmer, Freiberufler, Banker, Erben und Mafiosi brachten ihr Geld dahin, wo es nicht vom Staat verplempert werden konnte und bald herrschte eine Dürre, die etliche Betreibergesellschaften an den Tropf der Banken führte. Selbst private Golfvereine bekamen Probleme, weil die Platzpflegekosten explodierten. Zu allem Überfluss offenbarte eine DGV-Studie, dass der Golfsport in Deutschland nach wie vor ein schlechtes Image hat. Weite Kreise unserer Gesellschaft haben Ressentiments gegenüber ‚privilegierten Selbstbedienern‘ oder was auch immer mit Golf assoziiert wird.

Planerischer Größenwahn und ausufernde Nachfolgekosten brachten viele Golfclubs in finanzielle Schwierigkeiten, weshalb mittlerweile Hunderte von Golfclubs um neue Mitglieder und Greenfee-Spieler buhlen.

Den Golflehrern erging es dabei nicht besser: Nachdem das Handicap 54 beschlossene Sache war, brach bei vielen die Panik aus und der Umsatz zusammen. Bislang mussten Anfänger Stunden nehmen bis Handicap 36 erspielt wurde, doch nun glaubten viele Neugolfer, dass der „Golfführerschein“ ausreichen würde, um in das Spielgeschehen eingreifen zu können.

Um zu überleben, begannen manche Golflehrer, den Golfschwung in filigranen Einzelpaketen zu vermitteln (um damit komplette Verwirrung zu stiften, die sich bezahlt macht) und andere mussten sich (je nach Club) mit windigen Platzreifekursen durchschlagen. Die Fähigkeit des zügigen Golfspiels auf dem Platz ging dadurch immer mehr verloren. Damit Geld in die Kasse kommt, bemühen sich die meisten Clubs und Golflehrer seitdem in diversen Marketing-Aktionen um »Frischfleisch«, wie der Neugolfer in der Golflehrersprache liebevoll genannt wird. Angeblich, um den Qualitätsstandard unter den Golfanfängern zu vereinheitlichen, wurde die »DGV-Platzreifeprüfung«, mit der man anfänglich nur die VcG-Wilden traktierte, in allen Clubs eingeführt. Nach der DGV-Platzreifeprüfung, auch »Golfführerschein« genannt, sollten Golfanfänger in der Lage sein,»sicher, zügig und unter Berücksichtigung der traditionellen Regeln« Golf zu spielen. Sie wären dann »auf beinahe allen Golfanlagen in Deutschland gern gesehene Golfspieler«.[2]

Die Realität zeigt, dass das ein Witz ist. Immer mehr schlecht ausgebildete Golfer tapern über die Heide und das, was man früher als »flüssiges Spiel« bezeichnete, ist auf vielen Plätzen nicht mehr realisierbar. Je verzweifelter manche Clubs Mitglieder suchen, umso laxer wird die Berechtigung zum Spiel auf dem Platz gehandhabt. Klamme Clubs locken mit fragwürdigen Platzreife-Angeboten und da wo man nach Greenfee-Spielern lechzt, zählt nur das liebe Geld. Wegen des wirtschaftlichen Drucks darf heute jeder ziemlich schnell auf den Platz. Das ist eigentlich schön, aber auch gefährlich und für sportliche Golfer (und manche Golflehrer) ein Alptraum, denn das Fortkommen auf dem Platz ist nur so schnell, wie es der langsamste Hacker zulässt.

Nach wie vor ist Deutschland ein Golfzwerg und das spielerische Niveau wird von schlechten Spielern, bestenfalls von Mittelmaß bestimmt. Etwa zwei Drittel der deutschen Golfer spielen (laut Statistik des DGV) im Handicap-Bereich 36–54 und wären damit in vielen Ländern weltweit überhaupt nicht als Spieler zugelassen, es sei denn auf Public Courses via „Pay & Play“. Zumindest in den Metropolen sind mittlerweile so viele »Platzreife«-Hacker unterwegs, dass sie höchstens noch jenen Golfern auffallen, die ihr Handwerk im Laufe mühseliger Jahre erlernten. Aber diese Saurier, denen es zumindest manchmal gelingt, Spielfluss mit Spielfähigkeit zu verbinden, werden bald ausgestorben sein, wenn das so weitergeht, denn das allgemeine spielerische Niveau hat – wie erfahrene Spieler berichten – stark abgenommen. Selbst ein Mindeststandard an Etikette ist vielerorts zum Novum geworden; regelfeste Spieler werden mittlerweile als Erbsenzähler und Spaßbremsen diffamiert. Dazu kommt, dass Golf gefährlich wird, wenn motorische Chaoten ohne Sinn und Ziel über den Platz ballern.

Mittlerweile hat sich der Golfsport „diversifiziert“, wie der DGV das nennt. Verbands-Golfer, Turnier-Golfer, Handicap-Fetischisten, Netzwerk,- und Afterwork-Golfer, Business-Golfer, Promi-Golfer, Charity-Golfer, Public Course Hacker, Cross-Golfer, Party-Golfer, Senioren,- Urlaubs,- und Freizeit-Spieler sowie etliche andere Gruppieren spielen sich gegenseitig die Bälle in die Hacken, während Betreibergesellschaften und Golfclubs von ihrem Verband erwarten, dass er das ‚Produkt Golf‘ optimal an diese Zielgruppen vermarktet. Aber ist Golf ein Produkt? 9-Loch Turniere, 6-Loch-Runden, größere Golflöcher und eine Vereinfachung der Regeln sollen das Spiel jetzt schneller, einfacher und interessanter machen. Aber wird dieses altehrwürdige Spiel, wenn es aus kommerziellen Gründen dramatisch verändert wird, seinen ‚Spirit‘ bewahren können? Wir werden sehen.

Mit „Spirit of the Game“ ist nicht nur das Golfspiel gemeint, sondern auch eine innere Haltung, die von Sportsgeist, Anerkennung des Reglements, Humor und Kameradschaft geprägt sein sollte. Manche glauben sogar, dass in diesem Spiel die Möglichkeit der Selbsterkenntnis steckt!
Wer Golf auf seiner Metaebene verstehen will, sollte deshalb auch auf Verhaltensweisen achten, die von vielen Neugolfern und manchem älteren Golf-Autisten offensichtlich nie als essentielle Bestandteile des Spiels verstanden wurden. Damit meine ich Etikette, Ehrlichkeit, soziales Verhalten und Eigenverantwortung. Das bedeutet auch, dass versucht wird, das Spiel zu erlernen, soweit es die eigenen körperlichen und geistigen Fähigkeiten zulassen.

Das Schöne ist, dass man bei allen Irritationen, die der moderne Golfsport mit sich bringt, immer wieder Golfer trifft, die nicht dem Klischee des Golfers entsprechen und nichts mit den Standesdünkeln gewisser „Eliten“ zu tun haben. Sie wandern unter dem weiten Himmel, treiben ihren Ball vor sich her und sind bereit, sich Schlag für Schlag mit ihren inneren Dämonen auseinanderzusetzen – egal, ob sie auf Golfplätzen oder auf Brachen spielen oder zwischen den Dünen am Meer.


[1] Das ist insofern von Bedeutung, weil es erklärt, warum Deutschland nur wenige Spitzengolfer hervorgebracht hat. Es mag etliche hervorragende Amateure geben, aber nur wenige Profigolfer von internationalem Rang. Spieler wie Langer, Cejka und Siem haben einen anderen sozialen Hintergrund. Für sie ist Erfolg im Golf mit sozialem Aufstieg verbunden, während eine Laufbahn als Profigolfer für die meisten Sprösslinge unserer „Golfer-Familien“ einen sozialen Abstieg bedeuten würde. [2] laut DGV-Webseite auf golf.de

Textauszug aus: „Der Weg der weißen Kugel“  von Eugen Pletsch  (Weitere Infos: siehe »Platzreife«.)

Alte Liebschaften

An nassen, kalten Tagen wandern die Gedanken zurück in die Vergangenheit. Mancher Schwerenöter erinnert sich dann der einen oder anderen Liebschaft, die in seinem Leben eine besondere Rolle gespielt hat.

Auch ich versuchte, mich heute Morgen besonderer Liebschaften zu erinnern, muss jedoch gestehen, dass ich den Überblick verloren habe. Die ersten Erlebnisse sind unvergesslich, aber dann zieht sich ein gnädiger Schleier über die Jahre meiner Irrwege, bis die Farben und Formen schließlich wieder deutlicher werden. Früher gab es viel mehr monogame Spieler, die, sei es durch Glück oder durch Zufall, bereits zu Beginn ihrer Spielerkarriere jenem Schlägersatz begegnen durften, dem sie bis ans Ende ihrer Tage treu bleiben konnten. Es war die Zeit, als Golflehrer noch als echte Berater fungierten und die empfohlenen Produkte von Handwerkern stammten, die höchste Qualität als Mindeststandard ansahen. Wie maßgefertigte Schuhe aus London konnte solch ein Schlägersatz bei richtiger Handhabung und Pflege nicht nur ein Leben lang gespielt, sondern darüber hinaus an die nächste Generation vererbt werden.

Zu jener Zeit, als ich mit dem Spiel begann, wurde der heutige Golfmarkt gerade erst entwickelt. Da in meinem Fall kein Golfschlägerset als Erbschaft in Aussicht stand, ergriff ich selbst die Initiative und wurde zum Material-Fetischisten. Oft lag ich mit klopfendem Herzen und ratternden Gedanken nächtelang wach und dachte über die Vor- und Nachteile verschiedener Schläger-Modelle nach, von denen ich hoffte, dass sie meine spielerische Unfähigkeit ausgleichen könnten.

An der Lausward und in Schotten traf sich der damalige Golf-Underground, die geächteten Barfußgolfer, für die es im Weltbild des DGV keinen Platz gab.“

Bei meinem schottischen beinah-Schwiegervater Jim hatte ich meine ersten Übungsschläge mit einem Linkshänder-Set absolviert. Nach einer Inkubationszeit von zwei Jahren brach schließlich der Golfvirus in mir aus und ich kaufte mir in einem Kaufhaus in Reutlingen aus der Deko der ‚Schottischen Woche‘ zwei Hickory-Eisen sowie einen Hickory-Blade-Putter[2]. Damit stand ich auf der Driving Range und weil ich mich dafür schämte, dass ich keinen Ball traf, übte ich meist nachts. Dann half ich am Abend, die Range-Bälle aufzusammeln, wodurch ich die frei schwingende Zentrifugalebene entdeckte, die ich im „Weg der Weißen Kugel“ beschrieben habe.

Irgendwann in meiner zweiten Golfsaison habe ich aus der Grabsch-Kiste eines Pro-Shops im Schwäbischen ein modernes Eisen 7 sowie ein Holz 4 (Laminat von RAM) jeweils für 10 Mark ergattert. In Donaueschingen fand ich ein Eisen 3. Auch SEVE, so erzählt die Legende, hatte mit einem Eisen 3 angefangen. Im Gegensatz zu SEVE traf ich dieses Eisen 3 allerdings niemals.

Als Nächstes träumte ich von einem moderneren Putter mit größerem Sweetspot. Neue Eisen und Putter mit Cavity Back begannen gerade, den Markt zu erobern und alle Firmen versuchten, mit neuen Produkten auf diesen Zug aufzuspringen.

Auf meinen Fahrten zur Lausward besuchte ich regelmäßig einen Golfdiscount-Outlet Store, der sich ebenfalls im Hafen von Düsseldorf angesiedelt hatte. Darin standen in großen Kartons Bündel von ausgemusterten Laminat- und Persimmon-Hölzern sowie kistenweise Einzelschläger von RAM, John Letters oder Lynx – Marken, die hierzulande kaum noch jemand kennt. Golfschuhe aus Fernost waren für 30 Mark zu haben und Regenanzüge waren entweder schwer wie Ölzeug oder so schlecht, dass sie sich im Regen beinah auflösten. Trotzdem war der Golfdiscount für mich ein Paradies. Nach wochenlanger Marktbeobachtung und einer schlaflosen Nacht genehmigte ich mir den ersten neuen Putter, ein Beryllium Kupfer-Modell namens ‚Smoothy‘ von McGregor, natürlich ein Sonderangebot. Und als Highlight gönnte ich mir kurz darauf dann auch noch meinen ersten vollen Schlägersatz zum halben Preis und hoffte, damit endlich ein richtiger Golfer werden zu können, was sich bald als Irrtum herausstellen sollte.

Den besseren Laden, eine Golfhouse-Filiale in der Düsseldorfer Innenstadt, besuchte ich ebenfalls, aber das war eine andere Welt. Dort gingen Golfer ein und aus, die sich richtige Clubmitgliedschaften leisten konnten. Im Golfhouse fand ich zwar manches Schnäppchen, aber für uns Barfußgolfer von der Lausward war der Discounter am Hafen die angesagte Adresse.
Jedes Mal, wenn ich nach Düsseldorf kam, spukte mir eine neue Theorie im Kopf herum, welche Schläger meine Ausrüstung komplettieren könnten. Trotzdem hatte ich immer das Gefühl, das mir etwas fehlte und ich begann, mich mit allem möglichen Firlefanz zu befassen, den der Golfmarkt im Laufe der Zeit hervorbrachte.

Schließlich kam der Tag, an dem ich im Düsseldorfer Immermann-Viertel einen japanischen Golf-Shop entdeckte, dessen Schaufenster mit geschmiedeten Blades dekoriert war, die in zeitloser Schönheit erstrahlten. Meine gegossenen, bleischweren Ping-Nachbauten, für die ich mich nach endlosen Überlegungen entschieden hatte, erschienen mir dagegen wie tölpelhafte Bauerntrampel. Dieser japanische Golf-Shop, der heute längst verschwunden ist, vermittelte mir etwas von der Grazie und Schönheit des Materials. Es folgten Jahre der Suche nach jenen besonderen Golfschlägern, die meinem Spiel die angemessene Ästhetik, Würde und Effizienz verleihen könnten. Ein Irrweg, wie mir heute scheint, denn auf schmerzhafte Weise habe ich lernen müssen, dass selbst der ästhetisch ansprechendste Schläger bei fehlerhaftem Schwung und mangelhaftem Ballkontakt wenig Effizienz bietet und jede Würde schnell verloren geht, wenn der Schock einer hart getroffenen Klinge durch den Arm zuckt und den Musikanten-Knochen zum Singen bringt.

Nur hin und wieder, wenn mich der Hafer sticht, nehme ich meine alten Apex II-Eisen mit auf den Platz. Gebeutelt von Hochmut und Größenwahn hoffe ich dann auf den perfekten, satten Schlag, den Hogan-Eisen mit etwas Glück einmal pro Runde gewähren. Was letztlich aber nicht immer der Fall ist! Viel öfter erinnern mich Hogan-Blades auf äußerst schroffe Weise daran, dass die Golfgöttin ihre Gunst nur jenen gewährt, die in Demut und Bescheidenheit verharren. Woraufhin ich mich nach kurzer Zeit dann doch lieber wieder meinem modernen Golfbesteck zuwende, das leichter den irrsinnigen Glauben nährt, man habe etwas vom Geheimnis des Spiels entdeckt.

(c) by Eugen Pletsch

Aus Notizen eines Barfußgolfers
Softcover,  erhältlich in allen Fach-und Online-Buchhandlungen.

Notizen eines Barfußgolfers ist eine für die Buchfassung überarbeitete Auswahl an Texten, die dich auf meinem Blog (cybergolf.de) zwischen 2006 und 2018 veröffentlicht habe. Kommentare zu aktuellen Golf-Themen, Szene-sezierende Glossen, Golf-philosophische Betrachtungen, praktische Tipps und stille Hinweise auf das mystische Geheimnis dieses eigenartigen Spiels, dem der Autor in seiner mittlerweile 30jährigen Wanderung (…) ZUM epubli SHOP

Erinnerungen

Sechseinhalb Golfbücher habe ich mittlerweile veröffentlicht, endlose Schachtelsätze über das Golfspiel verfasst, Sätze, die wie Katzen schnurren, wie Mantras summen und manchmal wie Motorsägen Nerv tötend aufkreischen. Ich habe meine Leser zu betören versucht, habe mich eingeschleimt, war manchmal barsch, trotzig, sarkastisch, zynisch und bisweilen sogar witzig – aber es war umsonst.

Als ich zu schreiben begann, waren Golfer meist golfsportlich ambitionierte Menschen, die neue Gäste im Club noch mit Handschlag und einem „Gestatten, Soundso…“ begrüßten – um in meinem Fall sofort zu erkennen, dass ich weder den Stallgeruch noch das Einkommen hatte, um mir mehr als ein paar Stunden Übungszeit auf der Driving Range zu erkaufen (und selbst für die Gunst musste ich mit mancher Clubsekretärin noch heftige Sträuße ausfechten). 

Ich trauere dieser Zeit nicht nach, im Gegenteil, denn ich war damals ein vogelfreier Golfer, ein Außenseiter, der um Spielmöglichkeiten betteln musste. Diese einstigen „Gentlemen“ des deutschen Golfsports, die mich zu mancher Satire anregten, hatten mein mittlerweile etwas abgestandenes Bild vom deutschen Golfer geprägt (wobei ich dem damals weitgehend üblichen, niveauvollen Umgang miteinander mittlerweile bisweilen etwas nachtrauere).

Hätte ich damals erkannt, dass ich selbst der Prototyp des neuen Golfers war, hätte alles anders kommen können.

Intellektuell unbelastet wie eine Tontaube und vollkommen golfverrückt taumelte ich über die Fairways, so man mich ließ. Und was habe ich in dieser Zeit gelesen? Fast nichts! Ein Buch hatte ich, das „Das Golf-Handbuch“ von Alex Hay. Sonst nur Magazine mit möglichst vielen Bildern. Bilder vom Golfschwung, Bilder von den neusten Schlägermodellen, Bilder von den schönsten Golfplätzen der Welt  – Bilder, Bilder, Bilder – mit ein paar erklärenden Sätzen und dazwischen die üblichen PR-Artikel. Das hatte ausgereicht um mich träumen lassen, ich wäre ein Golfer. Internet gab es noch nicht.
Was zum Teufel war also in mich gefahren, dass ich irgendwann damit begann, eigene Bücher mit viel Text und wenigen Bildern zu veröffentlichen? Und all diese Notizen, Blogs, Kommentare und Glossen?

Leider konnte ich nicht anders. Wie gerne hätte ich lehrreiche Golf-Cartoons gezeichnet, mit deren Hilfe sich jeder Vollhorst mit DGV-Jagdschein auf feuchten Pfötchen in den Golf-Dschungel hätte wagen können, dahin wo Tiger brüllen, Geier fallen und Giftschlangen hausen. 
Cartoon: Peter Ruge

Aber ich konnte es nicht. Bisweilen halfen mir Peter Ruge und Klaus Holitzka meine Idee vom Golfspiel zu skizzieren. Also schrieb ich meine Schachtelsätze und hoffte, meinen Lesern damit dennoch eine Freude zu bereiten.

Es gibt viele Golf-Welten über die man schreiben kann: Club-Golfer, Mannschafts-Golfer, Liga-Spieler, Netzwerk-Golfer, Business-Golfer, Vereinsmeier, Verbands-Granden und jene Wohlstandsverwahrlosten, die leider das Image vom Golf in Deutschland geprägt haben.

Ich habe keine Ahnung was die alle machen und denken. Deshalb schrieb ich jahrelang in meinen ‚Notizen‘ und Kommentaren, was mir gerade einfiel. Online entdeckten mich überraschend viele Leser und manche kauften sogar meine Bücher. So wurden „Der Weg der weißen Kugel“, „Golf Gaga“ und „Endlich einstellig!“ Sparten-Bestseller, später folgten „Achtung Golfer!“ und „Anmerkungen für Golfreisende“.

Soweit ich das aus Zuschriften weiß, sind meine Leser meist Menschen, die von diesem Spiel wirklich fasziniert sind, die aber einen anderen Zugang zum Golf suchen. Für diese Leute schreibe ich am liebsten, denn wer sich wirklich mit Golf beschäftigt, entwickelt allein schon als Überlebensstrategie jene Art von Humor, die man braucht, um an meinen Geschichten Gefallen zu finden. Manche der Figuren, die ich beschreibe, sind sehr skurril und viele haben offensichtlich einen Sockenschuss, aber sie sind liebenswert, auch wenn das in meinen Erzählungen nicht immer deutlich wird.

Besonders in meinem Buch „Achtung Golfer!“ meinem – wie ich im Nachhinein sagen muss –schwierigsten und unverstandensten Werk – nahm ich kein Blatt vor den Mund. Ein Leser schrieb mal, es wäre meine Tragödie als Autor, dass die, für die ich schreibe, nicht lesen geschweige denn mich verstehen und die, die lesen und mich ggf. verstehen würden, nie ein Buch anfassen würden, das mit GOLF zu tun hat.

Tja, damit muss ich leben, so, wie der Kosmos-Verlag mit der Restauflage von „Achtung Golfer“ und Ihr mit Eurem Golfspiel…

Ihr / Euer

Eugen Pletsch

Wie es bei mir begann

Eine kurze autobiografische Zusammenfassung meiner „Golf-Laufbahn“

Es war an einem Sonntag in Luxemburg vor mehr als 30 Jahren. Kurz nach 12 Uhr muss es gewesen sein, denn wir tranken bereits einen Malt. Jim, mein schottischer beinah-Schwiegervater, stellte sein Glas auf den Gartentisch, nahm einen Golfschläger, setzte einen Ball auf einen kleinen Stift und schlug einen Golfball in Richtung der Wiese hinter dem Haus. Da war niemand außer ein paar Kühen. Die Kühe schauten nicht mal auf, als Jim den Ball schlug. Offensichtlich wussten sie bereits, dass Jim sie nie treffen würde. Der Ball flog nur ein paar Meter, dann verschwand er im dichten Gras. Jim ärgerte sich und schlug noch einen Ball. Der flog dann etwas weiter und Jim lächelte listig.
Irgendetwas faszinierte mich an dem, was er da machte. Deshalb wollte ich es auch mal probieren. Er gab mir seinen Schläger, zeigte mir wie man ihn hielt und ich versuchte nach dem Ball zu schlagen. Ich traf ihn nicht. Vermutlich um mir Mut zu machen, sagte Jim, er wäre Linkshänder. Die Schläger wären also für mich falsch rum. Das war mir egal. Es war wirklich egal, denn als ich später Schläger für Rechtshänder bekam, traf ich zunächst auch keinen Ball.
Das ist nun mal so. Zumindest bei besonders talentierten Spielern wie mir. Ein weniger talentierter Spieler trifft den Ball meist gleich zu Anfang. Dann denkt er – oder sie – das Spiel wäre ganz einfach, verliert den Respekt und entwickelt sich kaum mehr weiter. Alle guten Spieler haben großen Respekt vor dem Golfspiel, aber auch sie kommen nie wirklich weiter. So geht das bis in die Weltklasse. Irgendwo hapert es immer. Da triffst du endlich deine Eisen, prompt fliegen die Drives ins Aus. Und kriegst du die Drives auf die Bahn, dann verlässt dich dein Putter. Man sagt, das Golfspiel sei unbesiegbar. Niemand hat das Spiel jemals gemeistert. Höchstens Bernhard Langer! Der spielt nach wie vor wie von einem anderen Stern, was mich vermuten lässt, dass er tatsächlich von einem anderen Stern ist.

Dass ich mittlerweile seit mehr als 30 Jahren Golf spiele, wundert mich selbst am meisten, denn eigentlich bin ich ein keltischer Barde. Ich erzähle gerne Geschichten, zumindest so lange, bis man mich an den Baum bindet. Bevor ich Jim traf, war ich Straßensänger. Dass ich weder singen noch besonders gut Gitarre spielen konnte, war kein Problem. Ich hatte trotzdem Geld im Gitarrenkoffer, weil ich den Leuten Geschichten erzählte. Ich begann irgendeinen Song, zum Beispiel einen Talking Blues von Bob Dylan, aber dann quasselte ich über dies und das, über Gott und die Welt. Die Leute schauten, blieben stehen und warfen Geld in meinen Koffer.

Jahre später, als ich das Golfspiel kennenlernte und schnell süchtig danach wurde, reiste ich beruflich durch Deutschland. Jeden Abend war ich an einem anderen Golfplatz und lernte so die deutsche Golf-Szene kennen. Zu dieser Zeit waren Golfer meist sportlich ambitionierte Menschen aus gesellschaftlichen Schichten, die in meinem sozio-kulturellen Hintergrund als Establishment bezeichnet wurden. Fremde Gäste im Club wurden noch mit Handschlag und einem „Gestatten, Dr. Soundso…“ begrüßt – um in meinem Fall sofort zu erkennen, dass ich weder den Stallgeruch noch das Einkommen hatte, um mir mehr als ein paar Stunden Übungszeit auf der Driving Range zu erkaufen. Und selbst für diese Gunst musste ich mit der Clubsekretärin noch heftige Sträuße ausfechten. Die einstigen Gentlemen des deutschen Golfsports, die mich zu mancher Satire anregten, prägten mein mittlerweile etwas abgestandenes Bild vom deutschen Golfer – wobei ich den weitgehend niveauvollen Umgang dieser Zeit bisweilen vermisse. Aber ich trauere dem nicht nach, denn ich war damals ein vogelfreier Barfußgolfer*, ein Außenseiter, der um Spielmöglichkeiten betteln musste. Die Erkenntnis, dass ich selbst der Prototyp des neuen Golfers war, wurde mir erst Jahre später bewusst.

GOLF! Ich wollte nur spielen! Intellektuell unbelastet wie eine Tontaube und vollkommen golfverrückt taumelte ich – tatsächlich häufig barfuß – über die Fairways, so man mich ließ. Schließlich begann ich, über meine Zeit als clubfreier Golfer zu schreiben.
Mein erstes Buch „Der Weg der weißen Kugel“, eine Mischung aus Fakten und Fiktionen, wurde signifikant für meine Art des Schreibens. ‚Surreale Golf-Satire‘ – wie es der Verlag bezeichnete – galt als ein neuer Stil im Golf-Genre, obwohl Golfer (wie Jäger und Angler) seit Jahrhunderten Lügengeschichten erzählen. Zum Glück wurde „Der Weg der weißen Kugel“ sehr erfolgreich und entwickelte sich im Laufe der Jahre (ähnlich wie Bernhard Langer) zum Klassiker.

Mit B. Langer

Ende der 1990er Jahre ging es dann auch bei mir mit dem Internet los. Auf meiner Website Cybergolf.de veröffentlichte ich regelmäßig eine Kolumne, die zuerst ‚Golf Gaga‘, dann ‚Golfnotizen‘ und später nur noch als ‚Notizen von Eugen Pletsch‘ in der Golf-Szene bekannt wurde.
Es folgten Kolumnen in Golf-Zeitschriften. Ich machte das, was man heutzutage bloggen nennt und war vermutlich Deutschlands erster Golf-Blogger. (…)
Soweit ich das aus Zuschriften weiß, sind meine Leser meist Menschen, die von diesem Spiel wirklich fasziniert sind, aber einen anderen als nur technischen Zugang zum Golf suchen. Für diejenigen schreibe ich am liebsten, denn wer sich wirklich mit Golf beschäftigt, entwickelt allein schon als Überlebensstrategie jene Art von Humor, die man braucht, um an meinen Texten Gefallen zu finden.
In diesem Sinne hoffe ich, dass Ihnen meine Auswahl gefällt und dabei hilft, auf dem Golfplatz zu überleben.

Eugen Pletsch

PS: *Der Begriff Barfußgolfer bezieht sich auf den Satz „Wir brauchen viel mehr Barfußgolfer!“ mit dem Jan Brügelmann, 1982 bis 1994 Präsident des Deutschen Golf Verbandes (DGV) den Golf-Kommentator Carlo Knauss zitierte. Barfußgolfer im Sinne von volksnah, öffentlich zugänglich, nicht länger elitär. Mittlerweile gibt es viele, auch preiswerte Optionen, dieses sonderbare Spiel zu erlernen.

Quelle: Auszug aus „Notizen eines Barfußgolfers“ (Texte 2008-2018)
erschienen bei epubli 2019 (c) by Eugen Pletsch

Anmerkungen zum Yips

Golfer aller Länder fürchten das unkontrollierbare Zucken in den Händen, das besonders die kurzen, »sicheren« Putts zum Drama werden lässt. Handicapgolfer aller Spielklassen und einige der besten Golfer ihrer Zeit verzweifeln am Yips.

Yips haben Sie, wenn Sie Ihren Ball wieder vom Grün runterputten, weil Sie die Hände im Treffmoment nicht kontrollieren können, oder wenn Sie Ihre Chips tot an die Fahne legen müssen, da der Gedanke an einen Rückputt über 15 Zentimeter Höllenqualen verursacht.
Ebenso, wenn sich Ihre Arme anfühlen, als wären sie mit einem Betäubungsmittel gespritzt, Ihre Hände beim Putten zittern und/oder von kleinen Stromstößen drangsaliert werden.
Yips bringt Verzweiflung und Depression. Wenig hilfreich sind in diesem Moment Hinweise gewisser Klugscheißer, die erklären, dass sich »alles nur im Kopf abspielt«, »alles nur eine Frage des Selbstvertrauens ist«, man da »am besten nicht drüber nachdenkt« oder »einfach locker bleiben soll« – was gleichzeitig der schmerzhafteste und doch treffendste Rat ist, den man bekommen kann.

Cartoon: Peter Rug

Von diesen Zeitgenossen wird das Golfspiel gerne in einem philosophischen Rundumschlag als mikrokosmische Abbildung der eigenen Lebenserfahrung dargestellt und Yipser sind jene Schwachstellen der Evolution, psychophile Memmen, neuronaler Abschaum, Warmduscher und Weicheier, die es auch sonst zu nichts bringen.
Stimmt das? Männer wie Tommy Armour, Bobby Locke, Henry Cotton, Arnold Palmer, Tony Jacklin, Ben Hogan, Ben Crenshaw, Tom Watson und Bernhard Langer – wie viele Turniere haben die zusammen gewonnen? Alles Yipser!
Die internationale Reputation, dieBernhard Langer genießt, ist nicht zuletzt darauf zurückzuführen, dass er den Yips als erster international erfolgreicher Golfer mehrfach besiegen konnte.
Was passiert beim Yips?
Der Spannungszustand, den der letzte Putt zum Monatsbecher oder zum Masters-Sieg – da ist der Level egal – mit sich bringt, lässt die bislang brav miteinander kommunizierenden Synapsen in traumatische Blackouts verfallen. Verängstigt bis verzweifelt jagen sie Adrenalinbotschaften durchs vegetative Nervensystem und ein atavistischer Überlebensimpuls befiehlt den zittrigen Händen, die gerade versuchen, einen geraden 15-Zentimeter-Putt ohne Break sanft durchzuziehen: »Hau das Ding weg, irgendwie!«, was ausreicht, um den Ball, der sanft zum Loch gleiten sollte, fünf Meter übers Grün zu schicken.

Die schwitzende Verzweiflung, mit der sich solche Spieler einem Turnier nähern, würden Sie auch Ihrem ärgsten Feind nicht wünschen. Während Amateure auf das Zählspiel verzichten können, hat der Profi ein echtes Problem mit seinem Brotberuf. Berufsunfähigkeitsversicherungen werden – wie üblich – jede Zahlung verweigern, weil so ein Nervenkasper wissenschaftlich nicht erforscht ist.
Manfred Hauser, Autor von »Befreit golfen«, meint: »Negative Emotionen, in deren Mittelpunkt wohl die Versagensängste stehen, führen über das limbische System (Amygdala) immer zu Körperreaktionen. Hiervon machen dem Golfer am meisten Muskelverspannungen und Muskelkrämpfe (Yips) zu schaffen. Die Muskelverspannungen bewirken eine Störung der im Muskelgedächtnis gespeicherten automatischen Abläufe des Golfschwungs, woraus Fehlschläge
verschiedenster Art resultieren. Neue Forschungsergebnisse beweisen
ganz eindeutig, dass negative Emotionen oft unabhängig vom Denken und bedingt durch Furchtkonditionierungen häufig sogar unbewusst entstehen. So kommt es immer wieder für den Golfer zu unverständlichen Fehlschlägen.«

Ich habe aber auch noch ein paar eigene Erklärungen, warum die kurzen Putts nicht reingehen. Beim »Urmuttersyndrom« entsteht das für einen Mann schwer verdauliche Gefühl, im Spiel zu versagen, was Parallelen mit dem Phänomen der psychisch bedingten Impotenz erkennen lässt. Der Unwille, kleine, weiße Rundkörper aus kurzer Entfernung in große, schwarze Löcher zu schubsen, legt nahe, dass wir uns bei C. G. Jung schlau machen. Rät kollektives Unterbewusstsein sensiblen Männern bisweilen davon ab, sich in Form von genetischem Material oder teuren Golfbällen im ewig Erdweiblichen zu
verlieren?
Yips ist meines Wissens nicht genügend erforscht. Es ist also nicht bekannt, ob ein Yips-Kandidat ein sexuelles Problem vor sich herschiebt und ob ein von latenter Impotenz belasteter männlicher Zweibeiner seine Putts häufiger vorbeischiebt als andere. Die Ängste sind auf alle Fälle denen ähnlich, die eine junge, sinnliche, selbstbewusste Frau bei einem Mann auslösen kann, der müde und betrunken nur das Eine will: einschlafen!
Ich habe übrigens noch von keiner Frau gehört, die an Yips leidet. Dafür haben viele Frauen anscheinend beim Abschlag ein großes Problem damit, im Treffmoment loszulassen. Ich werde mich aber nicht selbstmörderisch auf das Glatteis begeben und in diesem Zusammenhang die Diskussion über den weiblichen Orgasmus aufwärmen.

Als weiteres Erklärungsmodell wäre die psychomotorische Crash-Theorie von Timothy Gallwey zu nennen. Hier meine persönliche Zusammenfassung:
Vor einem Schlag trägt Ihr Kopf einen Kampf rechte gegen linke Hirnhälfte aus. Dieser innere Dialog artet derart aus, dass sich Bewusstsein A und Bewusstsein B anbrüllen. A heult los, weil ein kurzer Putt so beängstigend ist. B sagt, dass ihm das blöde Turnier sowieso egal ist. A will zu seiner Mutter zurück und B sagt: Geh doch! A und B übernehmen jeweils eine Hand (die eigentlich gerade putten wollte).
Die rechte Hand versucht, den Putter ins rechte Auge zu stechen (linke Hirnhälfte), während die linke Hand (rechte Hirnhälfte) versucht, sich den Putter vors rechte Schienbein zu knallen. Das kann in einem vorgabewirksamen Turnier böse enden!
Dann hätte ich noch meine »einheitliche planetare Wackeltheorie« auf Lager. Ein kurzer Erdstoß, ein Tsunami oder ein Beben an der Börse wären auch eine Erklärung.

Wie geht man mit Yips um?
Die traditionellen Methoden, um das Yipsen zu beenden, sind:
› der Kopfschuss
› Alkohol, bis nichts mehr wehtut
› Aufgabe des Golfspiels
› ein Glaube, der neue Kraft gibt

Fachleute empfehlen, das Putten von einem guten Pro analysieren zu lassen, damit Fehler und ihre Kompensationen ausgeschlossen werden. Dann wäre neues Selbstvertrauen zu entwickeln. Stabile, wiederholbare, positive Erfahrungen werden im Bewusstsein verankert.
Der Golfer erfährt Erleichterung, Entspannung, neue Hoffnung und tritt aus dem Kreislauf der nervlichen Überanspannung aus. Putter-Modelle mit extralangem Schaft bringen manchen Spielern laut Statistik erhebliche Vorteile bei kurzen Putts. Auch Mantras, Pre-Shot-Rituale, Hypnose, zielorientiertes Spiel, eine Veränderung des Griffs oder des Putters haben manchem geholfen, andere erfahren durch diese Methoden wiederum zusätzlichen Stress. Mir haben nach fast 15 Jahren Yips eine neue, gleichbleibende Putt-Routine sowie jene innere Ruhe und heitere Gelassenheit geholfen, die sich mit steigenden Buchverkäufen automatisch einstellt.

Auszug aus „Der Weg der weißen Kugel
EUR 19,99
Bei BOD portofrei kaufen.

Die Werkstattgeburt

Eine Weihnachtsgeschichte

Josek hatte sich geweigert, für eine der Bürgerkriegsparteien zu kämpfen und musste aus seiner Heimat fliehen. Freunde halfen ihm bei der Flucht. Nach langen, harten Wegen erreichte er Deutschland. Marthe blieb zurück. Josek betete, dass Marthe würde nachkommen können. Ohne Papiere war es schwer, Arbeit zu finden, aber als gelernter Zimmermann konnte er in einer illegalen Leiharbeiterkolonne auf dem Hochgerüst malochen. Er hauste mit sechzehn Kollegen in einem Container, der höchstens acht Leuten Platz bot. Josek sollte vier Euro die Stunde bekommen. Den Rest bekam der Vermittler. Aber am ersten Zahltag wurde ihm noch mal die Hälfte seines Lohns für die Unterkunft abgezogen. Nach einer Razzia musste er verschwinden. Endlose Stunden lief er aus der Stadt. Er wollte nur weg von diesem schmutzigen, lauten Ort. Irgendwann in der Nacht versteckte er sich in einem Schuppen und schlief ein.

Als er am nächsten Morgen vor die Tür trat, war alles so schön und grün, wie er es noch nie zuvor gesehen hatte. Das sei ein Golfplatz, sagte ihm ein Mann, dem er begegnete. Dieser Mann, Besnik, war aus dem Kosovo geflohen. Sie konnten sich verständigen.

Besnik redete mit dem Clubmanager. Josek durfte im Schuppen schlafen und helfen. Er sammelte Bälle, flickte Zäune, grub Löcher. Er war fleißig. Der Manager war zufrieden. Nur durch diese Besniks und Joseks konnte er den Betrieb aufrechterhalten. Auch Josek war zufrieden. Er lernte deutsch. Aber er durfte keinen Kontakt mit den Mitgliedern und Gästen haben.

»Nur grüßen«, sagte der Manager. »Nix reden – du arbeiten!«

Josek verstand. So hatte er seinen Platz gefunden. Manchmal beobachtete er die Golfer aus seinem Versteck unter dem Schuppendach, von dem aus er über den Platz schauen konnte. Was waren das nur für Leute? Was taten sie? Und weshalb schauten sie oft so unglücklich aus?

Im Herbst musste der Clubmanager die meisten seiner Arbeiter wegschicken. Manche konnten sich arbeitslos melden, alle anderen mussten sehen, wo sie blieben. Josek durfte bleiben. Er sollte den Dachboden über dem Geräteschuppen ausbauen. Im Geräteschuppen war eine Werkstatt. Josek hatte alles, was er brauchte. Er hatte ein Dach über dem Kopf und bekam gutes Essen, aber er sehnte sich nach Marthe.

Eines Abends gelang es ihm, Marthe bei Freunden in der Heimat zu erreichen. Marthe weinte. Ob sie noch kommen solle? Er bejahte, wenngleich er nicht wusste, ob sie es schaffen würde. Geld konnte er ihr keins schicken.

»Ich werde auf dich warten«, sagte er.

»Josek«, sagte sie, »ich muss hier weg, ich bin schwanger.«

Er schluckte. »Wer?«

»Josek«, sagte Marthe, »das macht mir einen Kopf. Es gab keinen Mann bei mir, seit du weg bist.«

»Keinen Mann?«

»Josek, ich schwör’s!«

»Komm«, sagte er zu ihr. »Es wird sich alles finden.«

Dann wurde die Leitung unterbrochen.

Wochen später kam die Nachricht, Marthe würde Mitte Dezember auf dem Parkplatz eines Supermarktes in der Stadt eintreffen. Als es so weit war, sagte Josek zu Besnik:

»Ich muss weg, Kollege. Frau kommt. Ich komme zurück.«

Besnik nickte. Mit dem dicken Zimmermannsbleistift malte er eine Skizze auf einen Zettel.

»Hier ist die Stadt, Jo«, sagte er. »Und hier fährt der Bus, hier ist der Golfplatz.«

Ein Lieferant, der Baumaterial brachte, nahm Josek mit in die Stadt.

Drei Tage lang wartete Josek am vereinbarten Treffpunkt auf dem Parkplatz hinter dem Supermarkt. Er schlief auf dem Lüftungsschacht am Hintereingang, auf dem es erträglich warm war. Am Nachmittag des vierten Tages stand Josek an einem Imbiss. Der Mann am Tresen las in einer Zeitung. »Jesus wurde nicht in einem Stall geboren, sondern in einer Werkstatt«, sagte er laut und schien erstaunt. Josek nickte, aber er wusste nicht, was das bedeutete.

Wieder wurde es Abend, der Parkplatz leerte sich. Josek wollte gerade seinen Schlafplatz aufsuchen, als ein Transporter an der dunklen Seite des Parkplatzes hielt. Es blieb eine Weile still, dann öffneten sich die Fahrertüren und zwei Männer stiegen aus. Sie entriegelten die Hintertür. Langsam krochen gebückte Gestalten aus der Dunkelheit des Wagens und streckten sich. Dann sah er Marthe. Sie stieg langsam aus dem Wagen. Josek umarmte sie. Marthe verabschiedete sich von den anderen. Sie war dick und konnte nur langsam gehen. Sie brauchten eine Weile bis zur Bushaltestelle. Josek hatte den Zettel von Besnik in der Hand. Damit würden sie zum Club zurückfinden.

Der Clubmanager war in den Winterurlaub gereist. Die letzte Veranstaltung des Jahres würde von einer Event-Agentur und der Clubsekretärin betreut werden. Das traditionelle Weihnachtsturnier über 9 Loch mit Charity-Gala war die Idee dreier kooperierender Software-Firmen. Die vielen Singles und geschiedenen Mitarbeiter hatten dadurch die Möglichkeit, den Abend in fröhlicher Gesellschaft zu verbringen. Das hob die Produktivität, senkte die Selbstmordrate und optimierte die Vernetzung der drei Firmen untereinander.

Am 24. Dezember erwachten Josek und Marthe auf dem Dachboden über der Werkstatt. Er schaute aus dem Fenster. Es war überraschend viel Betrieb. Im Hof traf er auf Besnik.

»Was iss heute los? Viele Leute!«

»Se haben Ewänd.«

»Was iss Ewänd?«

»Schärrety Ewänd! Weiss nicht genau. Rennen durch de kalte Wind und kloppen de Bälle, um zu helfen arme Leute.«

»Wie uns?«

»Ah, nix wie uns. Uns geht’s gutt. Haben Arbeit und Bett!«

»Sind gute Mänsche, de Golfer«, sagte Josek bedächtig.

»Ja, sind gute Mänsche, etwas verrickt, aber gute Mänsche«, stimmte Besnik zu. »Und se haben drei Keenig dabei!«

»Haben Keenig? Yessas!«

»Yo, hab ich so verstanden. Sachte mir Etbin, de Kellner. Drei Branchen-Keenige von de Softwähr!«

»Yessas!« Josek machte sich auf, um Marthe von den seltsamen Königen zu berichten.

Weil es auf dem Dachboden zu kalt war, bettete Josek seine Marthe auf das alte Sofa, das in der Werkstatt neben dem Bullerofen stand. Er hielt ihre Hand und schaute sie liebevoll an.

»Du bist nicht böse?«

»Warum?«

»Wegen dem Kind.«

»Ich bin froh, dass du bei mir bist. Es wird unser Kind sein.«

Besnik kam mit seiner Frau. Sie begrüßten Marthe und brachten Essen.

»Wann ist es so weit?«

»Bald«, sagte Marthe.

»Was wird Manager sagen?«

»Wer ist Manager?«

»Is Scheffe«, sagte Josek. »Wird schimpfen.«

»Scheffe iss nich da«, sagte Besnik, »nur de gute Mänsche vom Schärrety Ewänd.«

Am Abend setzten die Wehen ein. Zwischen Traktor, Mähbalken, Aerifizierer und Vertikutiergerät gebar Marthe ihren Sohn. Besniks Frau half. Alles ging gut. Josek weinte.

Und so geschah es, dass Besnik es dem Etbin erzählte und Etbin erzählte es dem Sommelier Franco und der erzählte es dem Koch und der schickte ein großes Tablett mit guten Speisen. Der Koch erzählte es dem Barkeeper und der erzählte es der Eventmanagerin und sie erzählte es einem der drei Software-Könige, der gerade mit der Siegerehrung beginnen wollte, und so sprach er: »Ver­ehrte Gäste, liebe Freunde, soeben ward uns in der Werkstatt ein Kind geboren!«

Die drei Software-Könige machten sich auf, die Werkstatt zu suchen, und Etbin, der Kellner, wies ihnen den Weg.

»Hinten am Geräteschuppen leuchtet hell wie ein Stern die große Flutlichtlampe. Sie können es nicht verfehlen.«

Die drei Software-Könige fanden Marthe mit ihrem neugeborenen Kind und überreichten ihr Geschenke: Eine Flasche Dom Pérignon von 1998 (Edition Karl Lagerfeld), Angel-Parfüm von Thierry Mugler, einen Pashmina-Schal von Anita Pavani und ein hübsches Sümmchen, das die Golfer gesammelt hatten. Es wurde ein schöner Weihnachtsabend. Sogar die Golfer lächelten und waren glücklich.

Tage später gab es Gerüchte. Plötzlich stand die Ausländerbehörde vor der Tür. Sie erwischten Besnik und seine Frau, die keine Aufenthaltserlaubnis hatten. Marthe, Josek und das Kind hielten sich den ganzen Tag auf dem Dachboden versteckt.

»Wir müssen fliehen«, sagte Marthe am Abend, als Josek gerade in den Werbebeilagen einer Zeitung die Windelpreise verglich.

»Fliehen?« Josek schaute in die Zeitung. »Hier! Wie wäre es mit Ägypten? Zehn Tage, alles inklusive, mit Silvester-Gala und Kamelreiten zum Superferien-Sparpreis!«

Marthe nickte und gab dem Jungen die Brust: »Klingt gut, auf nach Ägypten.«

Goldstaub auf der Currywurst

Im Kontext der Diskussion um die Modernisierung des Golfsports sagte Martin Kaymer, dass er sich in den Golfclubs mehr Burger und Currywurst wünschen würde. „Der Weg nach vorne wäre jedenfalls: Neun-Loch-Golfplätze mit einer entspannten Atmosphäre, wo du Currywurst-Pommes und Burger am letzten Loch mit etwas Musik serviert bekommst„, zitiert ihn die „Rheinische Post“. Der Artikel ist in der Süddeutschen zu finden. 

Sogleich beteuerten die Protagonisten eines „zeitgemäßen Golf-Marketings“, dass auch sie die Currywurst längst als eine entscheidende Bereicherung zur Entwicklung des modernen Golfsports ansehen. Aber ist die Currywurst wirklich die Rettung jener Clubs, denen das Geld ausgeht?
Ich weiß es nicht. Ich weiß auch nicht, was Kaymer angesichts der weltweiten Diskussion über Klimaschutz und Brandrodung geritten hat, Burger und Bratwurst auf die Agenda zu setzen. Vielleicht hat der rheinische Jung‘ die Buffets der VIP-Zelte satt und sehnt sich nach dem bodenständigen Futter seiner Heimat, aber dass er Jugendliche, die immer häufiger unter Zuckerkrankheit und Übergewicht leiden, mit Junk-Food auf die Golfplätze locken will, halte ich für etwas unüberlegt.

Ich ahne, wie er es meint. So ähnlich wie damals, als er von Jeans auf dem Golfplatz schwärmte: Golf sollte etwas lockerer werden, nicht so steif und förmlich – aber ist es das nicht längst? Bis auf jene Clubs, die es noch nicht nötig haben, ihr elitäres Getue aufzugeben, sind sie doch alle bereits derart locker geworden, dass Golf-Etikette bereits als Schrulle einer aussterbenden Gattung seniler Golf-Fundamentalisten gilt.

Aber: Was ist denn neu an Kaymers Currywurst-Vorschlag? Diese Frage stellte ich in dem Golfmentoren-Thread:
Auf dem öffentlichen Golfplatz ‚An der Lausward‘ in Düsseldorf war dieses Konzept bereits vor 30 Jahren erfolgreich. Da gab es im Büdchen leckere Schnittchen, aber bestimmt kein Junk-Food und schon gar keinen Akustik-Smog! Golf ist Rasen-Schach. Wie bei einem Schachturnier braucht Golf Ruhe und Konzentration. Wer Gaudi will, sollte einen Rummelplatz besuchen.“

Cartoon: Peter Ruge


Umgehend wurde ich vom Rheinischen Golf-Impresario Michael Jacoby zusammengefaltet:
„Schnittchen SIND Junk-Food. Das Büdchen gibt es nicht mehr und wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit, lieber Eugen. ich überlege gerade ob wir nicht mal ein „Heavy metal Fu..ing 9-hole“-Turnier machen und den Platz mal so richtig beschallen…..Preise: Tickets für Wacken. Es gibt für alles eine Klientel, Eugen und natürlich auch für Rasenschach.“

„Wer nicht mit der Zeit geht, der geht mit der Zeit, lieber Eugen.“  
Das hatte gesessen und verdeutlicht, wie überholt meine Ansichten zum Golfsport sind.

Mir wurde klar: Es macht keinen Sinn, Trends der Zeit, die meist seichte PR-Gags sind, zu diskutieren und Jacobys Statement hat mir noch mal verdeutlicht, warum mir zum Golfsport nicht mehr einfällt. Wenn ich Golfturniere im Fernsehen und den Profi-Golfsport mit seinen perversen Preisgeldern und fragwürdigen Sponsoren betrachte, wird mir bewusst: Meine Zeit ist vorbei, der Spirit of the Game ist längst ein Gespinst, das spätestens dann zu Staub zerfallen wird, wenn die Wacken-Golfer das Spiel übernehmen und die Jacobyner „den Platz mal so richtig beschallen“.
Wie auch immer: Kaum hatten sie ihre Currywutz durchs Dorf getrieben, folgte ein neuer Post von Carsten Moritz, der auf einen Artikel der Golfpost hinwies. Darin geht es um „Verknappung als Erfolgskomponente“, also genau das Gegenteil von Kaymers Vorschlag. Mehr Exklusivität in den Clubs, um Formel1-Golfer anzulocken, indem man sie sozusagen mit Goldstaub auf der Currywurst pudert.

Günter Rottensteiner, Director of Golf bei Golfresort Haugschlag schreibt: „Grundsätzlich: Wichtiger als alles andere, ist es, den Golfern begreiflich zu machen, dass jede Golfrunde einen Wert hat. Das Verramschen der Golfrunden ist schädlich für alle. Wenn ich in die Oper gehe und dafür 500 Euro hinlege, dann ist es mir als Kunde bewusst, dass ich das nicht für den Sessel bezahle auf dem ich 3 Stunden sitzen darf, sondern für das Gesamterlebnis. Ist die Aufführung gut, dann sind mir dies die 500 Euro wert. War die Aufführung mies, dann wären mir 100 Euro zu viel gewesen. War die Aufführung/das Erlebnis Weltklasse, dann hätte ich gerne noch 200 euro draufgelegt und teile dieses Erlebnis meinen Freunden mit.“

Ich finde, der Vergleich hinkt, denn wenn ich auf einem bekannten, vielfach beworbenen Platz EUR 150.- Greenfee zahle, dann habe ich zumindest hierzulande keine Garantie, dass das angestrebte Gesamterlebnis einer flüssigen Golfrunde von drei Stunden stimmt, weil kein Club garantieren kann, dass nicht drei Dussel im Flight vor mir ihr Gesamterlebnis lieber sechs Stunden lang zelebrieren möchten – mal abgesehen von allen anderen Faktoren, die das Wetter und die Natur ins Spiel bringen.

Dass die Exklusivität einer Golfanlage weder mit einer Marmor-Lobby im Clubhaus noch mit sozialverwahrlosten Zicken auf der Club-Terrasse zu tun hat –  sondern vielmehr mit engagierten Greenkeepern und einer Anlage, die sportliche wie ökologische Intelligenz beweist – hat sich in manchen Opernhäusern offensichtlich noch nicht rumgesprochen.

(Mal ganz abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass ein Clubmanager 500.- Euro für einen Opernbesuch ausgibt, wo doch die Mehrzahl der Golfclubs nicht mal in der Lage ist, 500.- Euro zusammenzulegen, um mich zu einer Lesung einzuladen…)

Zu besagtem Golfpost-Artikel gab es einen Leserbrief von Daniel Schneider. Auszug: „Der Vergleich zur Formel 1 ist vollkommen unpassend. Die Formel 1 lebt von den Fanmassen, den man Brot und Spiele vor Ort bzw. vor dem Fernseher bietet. (…) Im Golfsport wahrscheinlich nur vergleichbar mit Loch 16 der Phoenix Open. Dies ist das Gegenteil von Glamour.“

Richtig, Daniel, danke!

Teure Greenfees und versnobtes Getue machen Golf noch lange nicht exklusiv und die Formel 1, deren Vermarktung man sich hier als Beispiel heranzieht, ist nicht nur NICHT exklusiv, sondern in der heutigen Zeit geradezu obszön.

Aber versteht das jemand, der sich beim AUDI-Kauf betrügen lässt und jetzt eine Dreckschleuder fährt, die eigentlich gar keine Zulassung habe dürfte? Vermutlich nicht.

Nun denn: Probiert es mit Wacken-Golf und Heavy Metal-Krach am Clubhaus, um neue ‚Consumer‘ für exklusiven Golfsport zu interessieren. Vielleicht klappt es. Übrigens: Eine Shisha-Bar im Halfway-House (oder auf der Rheingolf) dürfte auch eine zahlungskräftige Klientel im schwarzen Mercedes oder BMW mit getönten Scheiben anlocken.

Doch, wirklich, macht mal – und habt Spaß – aber nennt es bitte nicht GOLF!

(c) 2019 by Eugen Pletsch

Die Slevoyre-Thermal-Kur auf den Azoren

Die wohltuende Wirkung der Slevoyre-Thermal-Kur durfte ich im Herbst 2011 auf Sao Miguel, der Hauptinsel der Azoren, in dem Örtchen Furnas kennenlernen. 

Auf Sao Miguel kann man Hunderte von warmen und kalten Heilquellen finden. Allein im Dörfchen Furnas sind es 42 Quellen völlig unterschiedlicher Zusammensetzung! In der „Casa do Parque”, einer elegante Villa über dem Thermalbecken führt das Ehepaar Petersen ihre Slevoyre-Thermal-Kur durch, mit der nicht nur eine Revitalisierung von Gestressten und Erschöpften, sondern auch eine Besserung vieler Leiden möglich ist.

Das Dorf Furnas, das den riesigen botanischen Park „Terra Nostra Garden“ umschließt, wirkt gemessen an deutschen Kurorten nicht besonders attraktiv, da die eng beieinander stehenden Häuser schlicht und die Fenster zur Straße oft durch Blendläden verschlossen sind. Auch wünschte man sich etwas mehr farbliche Abwechslung bei den Hausanstrichen, denn das weiße Einerlei wirkt etwas monoton. Doch mit dieser Sicht wird man dem Dorf nicht gerecht. Wenn man zum Beispiel durch eine offenstehende Haustür schaut, geht der Blick meist direkt durch den kurzen Hausflur in den Garten – und eröffnet ein Paradies. Hinter den schlichten Häusern verbergen sich üppige Gärten mit oft herrlichem Pflanzenbestand, allen möglichen Obstsorten, und überall rankt und blüht es. Die Azoreaner verbringen bei diesen milden klimatischen Verhältnissen gut neun Monate im Garten, und dieser wird dadurch ein fester Teil des Wohn- und Lebensraumes.

Der „Terra Nostra Garden“ wurde um 1800 von dem damaligen amerikanischen Vizekonsul Thomas Hickling angelegt, der erkannte, dass im Tal von Furnas, das in einem erloschenen Vulkan liegt, ganz besondere klimatische Verhältnisse bestehen. Hier schaffen die warmen und kalten Quellen sowie ein warmer Fluss ein für den Pflanzenwuchs ideales Mikroklima, und es gedeihen Pflanzen aus aller Welt. Inmitten dieses Parks liegt mit über 70 m Durchmesser das größte Thermalbecken der Welt, das zu allen Jahreszeiten von einem grünlich-braunen Wasser von 37-38 °C durchströmt wird. Kleine Badehäuschen mit Marmorwannen zeugen von der damaligen Blüte des Heilbades. Doch im 21. Jahrhundert verordnet kein „moderner” azoreanischer Arzt mehr Wasser-Anwendungen zur Linderung eines Leidens, und die Thermalquellen werden von den Touristen lediglich als eine Möglichkeit genutzt, die müden Glieder nach Wanderungen oder ausgedehntem Golfspiel auf angenehme Weise zu wärmen und vom Muskelkater zu befreien. Völlig vergessen ist heute die Heilkraft der Quellen jedoch nicht.

Die Slevoyre-Thermal-Kur
In herrschaftlicher Position über dem Thermalbecken steht die „Casa do Parque”, eine elegante Villa, die der spätere Inhaber des Parks, der Viscomte da Praia, in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert bauen ließ. In dieser Villa führt nun das Ehepaar Petersen seit 1998 ihre Slevoyre-Thermal-Kur durch, mit der – jetzt erweitert um das Heilungspotenzial von Thermen und Quellen – nicht nur eine Revitalisierung von Gestressten und Erschöpften, sondern auch eine Besserung vieler Leiden möglich ist. Auch Pharmazietechnikerin und Chiropraktikerin Barbara Petersen setzt alles daran, ihre internationalen Patienten und gestressten Kurgäste in nur zehn Tagen von allen möglichen Leiden zu befreien, um sie wieder topfit zu machen.
Schon 1997 erfuhren Dirk und Barbara Petersen von der Heilwirkung der Wässer in Furnas. Die Petersens führten zu diesem Zeitpunkt seit Jahren sehr erfolgreich Regenerationskuren für gestresste und erschöpfte Manager in dem irischen Schloss Slevoyre durch. Die Slevoyre-Kur wurde damals von Magazinen wie Capital, Wirtschaftswoche, Impulse, Stern und anderen wegen ihrer tiefgreifenden Regenerationswirkung einhellig gelobt. Sie basiert auf Dirk Petersens ungewöhnlicher Ausbildung, welche die Schulmedizin, Naturheilkunde und Chinesische Medizin umfasst (er wurde der erste ausländische „Doctor of Chinese Medicine” mit Approbation der „Republik of China”).

Bei der Slevoyre-Kur wird größter Wert auf medizinische Effizienz gelegt und ein deutliches Absetzen von modischen Wellness-Kuren angestrebt. „Mich hat immer die Kombination von westlicher und traditioneller chinesischer Medizin fasziniert”, beschreibt er seinen heilkundlichen Ansatz. „Deshalb habe ich zusammen mit meiner Frau seit 1991 die „Slevoyre-Kur” entwickelt, die als eines der kürzesten, intensivsten und umfassendsten Regenerationssysteme im manchmal etwas unübersichtlichen Markt der Kur- und Wellnessangebote gilt.”

Begeistert von der Idee, die irische Kur um weitere Heilungschancen erweitern zu können, verlegten Dirk und Barbara Petersen kurzerhand ihr Kurangebot auf die Azoren und begannen, sich mit den Heilwässern und deren Geschichte zu befassen. Alte Ärzte wurden befragt, antiquarische Literatur ausgegraben, Unterlagen der Universität Ponta Delgada eingesehen, und immer wenn die Petersens einen Insulaner aus einer der Heilquellen trinken sahen, fragten sie ihn nach seinen Erfahrungen. So häuften sie inzwischen ein Wissen über dieses Gebiet an, das sie heute zu den besten Kennern der Behandlungsmöglichkeiten durch die Heilquellen von Furnas macht. Bereichert um Thermalanwendungen und die Möglichkeit, für fast jedes Leiden ein Heilwasser als Gesundheitsgetränk anbieten zu können, wurde die ursprüngliche Regenerationskur nun Slevoyre-Thermal-Kur genannt, die jetzt in einem der schönsten Parks Europas, dem Terra Nostra Park, durchgeführt wird.

Dirk Petersen schreibt dazu: „Die Slevoyre-Thermal-Kur verbessert die „Lebensumstände” Jeder einzelnen der knapp 70 Billionen Körperzellen. So ergibt sich eine wesentlich breitere Indikationsliste für die Slevoyre-Thermal-Kur als für andere Kuren (lediglich Krebserkrankungen und Depressionen werden nicht behandelt). Jede Zelle des Körpers ist auf ausreichende Versorgung durch Aufbau- und Funktionsstoffe sowie Sauerstoff angewiesen. Jede Zelle muss von Ausscheidungsprodukten des Stoffwechsels gereinigt werden. Anlieferung und Abtransport werden durch die beiden fließenden Systeme von Blut und Lymphe vorgenommen.

Dies berücksichtigt die Slevoyre-Thermal-Kur über ihre Auswirkung auf drei Funktionsbereiche, welche unmittelbar das Leben einer jeden Körperzelle verbessern:

1.  Nach gründlicher Darmreinigung wird eine ungewöhnlich umfassende Sanierung der Darmflora vorgenommen (82 der wichtigsten Bakterienstämme des Darmes werden regeneriert). Nun kann im Darm wieder das gesamte Spektrum von Vitaminen, Spurenelementen, Mineralien usw. aus der Nahrung gewonnen und an das Blut abgeben werden.

2.  Das Blut wird durch die Slevoyre-Thermal-Kur fließfähiger (die Viskosität verbessert sich). Es strömt nun dynamischer durch die Lungen und den Körper, die Umlaufgeschwindigkeit des Blutes erhöht sich. Das hat eine wichtige Konsequenz für die Zellen: pro Zeiteinheit wird mehr Sauerstoff von den Lungen, mehr Lebensspendendes (Vitamine, Spurenelemente usw.) vom Darm zu den Zellen transportiert. Die beiden sauerstoffabhängigsten Organe, Herz und Hirn, profitieren besonders hiervon, „atmen auf”.

3.  Die Kur wirkt auf das Gefäßsystem wie ein moderner Rohrreiniger. Ablagerungen, die im Alterungsprozess die Blutgefäße auskleiden, werden abgebaut, die Gefäßwände werden elastischer. Durch diese Wirkungen erhöht sich wiederum die Umlaufgeschwindigkeit des Blutes, und das Herz muß weniger Kraft aufwenden, da das Blut einen geringeren Widerstand zu überwinden hat – eine ideale Situation für eine Normalisierung des Blutdrucks.

Diese drei Hauptwirkungen der Kur erfährt jeder Kurteilnehmer. Neue körperliche und mentale Energie wird spürbar, die Augen sehen schärfer, der Geist wird wach. Zusätzlich (und im Kurpreis enthalten) erfolgen bei jedem Patienten individuelle Behandlungen seiner Gesundheitsprobleme. Als Therapien stehen westliche und chinesische (überwiegend naturheilkundliche) Behandlungsmethoden zur Verfügung.
Besonderen Wert legt Petersen auf schmerzarme und nebenwirkungsfreie Behandlungen. Durch die äußerst subtile Diagnosetechnik der asiatischen Medizin werden auch solche Erkrankungen erfasst und mitbehandelt, die sich in den ersten Entwicklungsstadien befinden und oft von der westlichen Apparatemedizin noch nicht erkannt werden können.
Aber auch die Hintergründe und wahren Ursachen eines bekannten Krankheitsbildes werden durch die sensible, chinesische Diagnostik oft erst offenbar. Somit wird eine ursächliche (und nicht nur symptomatische) Behandlung möglich. Während der Kur erhält der Teilnehmer / Patient laufend gut verständliche Informationen über gesunde Ernährung und Lebensweise. Es werden praktikable, logische und gut in den Alltag integrierbare Bewegungstechniken und Verhaltensweisen gelehrt, welche helfen, die neu gewonnene Vitalität lange zu erhalten.

Erstaunlich ist es, dass sich anscheinend bisher niemand mit der sehr interessanten Geschichte der Therapie mit azoreanischen Heilwässern auseinandergesetzt hat. Dieser Verdienst kann den Petersens zugeschrieben werden. Durch die heilsamen Thermalquellen erfährt nicht zuletzt die bereits sehr erfolgreiche Slevoyre-Kur noch eine besondere Aufwertung. Ein Besuch der Azoren verspricht in vielerlei Hinsicht einen nachhaltig wirksamen Eindruck.
 
Die Slevoyre-Thermal-Kur hilft besonders bei:
•   nachlassender körperlicher und geistiger Leistungsfähigkeit,  
•   erhöhtem Schlaganfall- und Herzinfarktrisiko,
•   Erkrankungen von Herz und Kreislauf, Durchblutungsstörungen,
•   Arthrose (Hüfte, Knie, Finger),
•   den meisten Rückenleiden,
•   Erkrankungen des Verdauungssystems (Magen, Leber, Darm),
•   geschwächtem Abwehrsystem (Infektanfälligkeit),
•   vielen Hauterkrankungen
 

Allgemeine Informationen: 
Azoren.at (Ausführliche Informationsseite mit Schwerpunkt Golf)
Azoren-Online (Das Portal der Azoren)
Azoren-Links (Reiseberichte, Tipps und Links)
Stern-Bericht über die Heilwasser-Therapie in Furnas 


Credits: Vielen Dank an Dirk Petersen für seine Hintergrundinformationen und Textbeiträge! Dieser Text wurde bereits in der CO’MED, dem Fachmagazin für Naturheilkunde veröffentlicht. Siehe: https://eugenpletsch.de/wp-content/uploads/2022/01/pletsch_azoren_2010-10.pdf