Der golferische Offenbarungseid

Nach Corona hat auch die Inflation die Golfclubs erreicht. In den Hungerküchen der Clubrestaurants stehen die Spieler nach dem Turnier Schlange. Jugendliche im Titleist-Styling spielen statt einem ProV1x immer öfter gebrauchte ALDI-Bälle; der Greenkeeper wurde durch ein Schaf namens „Emma“ ersetzt.

Auf dem Bild sehen wir Ex-Banker Dr. Ernst Rombacher, der sich im brutalen Wettbewerb der Vermögensvernichtungsorganisationen verschlissen hatte und Opfer einer „Umstrukturierung“ wurde.

Cartoon: Peter Ruge

Als freier Finanzberater lag er mit seinen Empfehlungen so daneben, wie mit dem Lesen seiner Puttlinien, weshalb er sich entschloss, am Morgen der Clubmeisterschaft öffentlich den golferischen Offenbarungseid zu leisten.

Sein Scotty-Cameron-Putter, sein Cobra-Driver, seine Ping-Eisen und sogar seine Brille stehen zum Verkauf: „Ich kann auch ohne Brille sehen, wo das alles enden wird“, meinte er lakonisch zu seinem Freund Joachim (ehemaliger Ex-Deutsche Bank, Ex-Dresdner Bank, Ex-Commerzbank-Vorstand), als der ihm „um der alten Zeiten willen“ für einen Euro und fünfzig Cent ein paar Tees und einen fast neuen Ball abkaufte.

Frau Luise Rombacher, der schon vor Jahren die Villa, die Limousine, der Porsche, die Wohnung in Marbella und nicht unbeträchtliche Vermögenswerte überschrieben wurde, sieht die Weltlage positiver. Sie hat sich just in dem Moment dem Golfsport zugewandt, als ihr Mann die Waffen streckte.

Zugang zu den Freuden dieser Randgruppensportart verschaffte ihr der südafrikanische Golflehrer Joost Van Deen, der jahrelang alles gevögelt hatte, was nicht schnell genug auf den Bäumen war und der es jetzt etwas ruhiger angehen möchte.

„Luise isse coole Schnecke. Se hat Kohle, große Hütte un ihr Kerl war so ne Golfspinner wo jez Pleite is und abtaucht. Is wie ne große Loos für ne Pro in Deutschland“, wird Joost VanDeen von seinen Freunden zitiert.

Na dann, Luise und Joost, viel Glück, ihr beiden!

© by Eugen Pletsch
 

Lustreise in einen Proshop

Nachdem Finanzoberinspektor Arno Buchmacher dank der stadtbekannten Domina Elke Machnitzke die süßen Qualen eines Masochisten kennen und schätzen lernte, führte sie ihn als Höhepunkt einer gemeinsamen Lustreise in einen Proshop, um die Utensilien ultimativer Demütigung zu erwerben.

Cartoon: Peter Ruge


Arno Buchmacher kannte das Golfspiel bisher nur vom Hörensagen. Rechnungen von als „Charity-Events“ getarnten Golfer-Orgien hatte er bisher stets als nicht absetzbar zurückgewiesen. Die Unverfrorenheit, mit der sich gehobene Einkommensgruppen bei ihren Sauf- und Fressgelagen als Wohltäter feiern ließen, erschütterte den Menschen und Staatsbeamten in ihm zutiefst, zumal er anhand der Abrechnungen sehen konnte, wie wenig tatsächlich für den guten Zweck übrigblieb.
Seine humanistische Weltsicht wurde ihm jedoch von Elke Machnitzke mit wenigen Hieben auf den Allerwertesten ausgetrieben.
„Arno, du wirst jetzt Golf lernen“, befahl ihm Elke. „Irgendwann lassen wir die feinen Pinkel wissen, dass du bei der Steuerfahndung bist. Dann haben wir sie bei den Eiern und wir lassen es uns richtig gut gehen, ja?“
Das rhetorische „Ja?“, das Frau Machnitzke an das Ende ihres Satzes gestellt hatte, konnte Arno Buchmacher nur durch ein kurzes Nicken beantworten, da er zum Zeitpunkt des Gespräches gefesselt und geknebelt war.

© by Eugen Pletsch, 2011

Der oberhessische Dummbabbler

Seit Aristoteles mit seinem Wanderstab auf dem Weg nach Athen das Gewölle einer Eule ins Meer schlug, die als Begleiterin der Göttin Athena bereits in den Fabeln des Äsop für ihre Klugheit gelobt wurde, gilt die Welt der Golfer als letzte Bastion humanistischer Bildung, was wir bereits in mehreren Folgen unserer kleinen Reihe der „Golfethnologischen Betrachtungen“ ausgeführt haben.

Heute werden wir uns dem „Oberhessischen Dummbabbler“ zuwenden, der sich häufig in kleinen Rudeln von bis zu vier Männchen oder Weibchen aus den Regenwäldern des oberhessischen Berglandes hervorwagt, um – meist friedlich – in den Auen nach Bällen zu suchen, oder um in umliegenden Clubhäusern Atzung zu finden. Sofern sie unter sich sind, babbeln die Männchen dieser interessanten Spezies gerne über ihre Paarungswünsche mit besonders gut entwickelten Weibchen.  Sind jedoch eigene Weibchen im Rudel, meiden die Männchen Gespräche über Paarungsrituale, um die Weibchen nicht auf dumme Gedanken zu bringen.
Sind oberhessische Dummbabbler-Weibchen allein in einem Rudel unterwegs, babbeln sie gerne über gut entwickelte Männchen und andere Weibchen, die nicht dabei sind.
Beim Lauschen der Lockrufe und Balzpfiffe können wir feststellen, dass der „Oberhessische Dummbabbler“ gerne kommuniziert. Dabei scheut er sich nicht, seine Werbung über das Nachbar-Fairway zu schicken, denn schließlich ein gepflegtes Zusammenseins Grundlage jeder Golf-Gemeinschaft.
Das nachfolgende Gespräch wurde von einem Golf-Ethnologen aufgezeichnet, der zwei Dummbabbler sowie einen Bass-Brummler belauschte, den wir bereit in einer früheren Folge vorgestellt haben.
Wie unter Golfern üblich, beginnt das Gespräch am 1. Abschlag mit allgemeinen Befindlichkeiten, um sich dann im Spielverlauf dem mangelhaften Platzzustand zuzuwenden. Spätestens an der 3. Bahn ist geklärt, wer am heutigen schlechten Spiel schuld ist (Greenkeeper, Pro, DGV, Job oder Ehepartner). Ab der 6. Bahn sind die Spieler bereits von Verzweiflung ergriffen und auf der 8. Bahn von vollkommener Resignation erfüllt, weshalb sie auf der 9. Bahn nur noch dem 1. Schoppen am Halfway-House entgegenfiebern können.
Ab der 11. Bahn, nachdem die 3. Flasche geleert wurde, werden die Dialoge enthemmter. Die Dummbabbler-Männchen phantasieren dann häufig vom „Einlochen“ und besonders gut entwickelten Weibchen – wie gesagt – sofern keine eigenen Weibchen im Rudel sind. Leider konnten wir das Gespräch dieser Feldstudie nicht über die ganze Runde verfolgen, da unser Golf-Ethnologe die Arbeit leider nach der 1. Bahn aus gesundheitlichen Gründen abbrechen musste.

Es folgt die Aufzeichnung des Gespräches:
„Moin, die Herrn.“
„Ei Schorsch, lang ned gesehn!“
„Isch konnt wesche meine Hämmoridde lang nät spiele.“
„Ei nee, Hämmoridde soll mer ned uff die leischte Schulder nehme. Und? Iss besser?“
„Des war kein Spass. Isch musst auch bein Neurologe…“
„Wesche Hämoridde bein Neurologe? Ei mach‘ Sache…“
„Der sollt gucke, ob mein Juckreiz nervlich bedingt iss.“
„Hämmoridde nervlich bedingt, was all gibt. Mein Slice is auch nervlich bedingt. Und dann?“
„Jetz hamse wo was abgeschnibbelt. Es juckt halt noch e bissi.“
„Na, dann lasse ma jucke… um was spiele mer heut?“
„Um en Schoppe?“
„Also Männer: wer schläächt ab?“
„Immer der der frääscht“
„Na gut. Jetz klatsch ich die Murmel dorsch de Schallmauer!“

Kalli geht aufs Tee. In einem umständlichen  Bewegungsablauf, der an einen antiken Schlangentanz erinnert, versucht Kalli, die Fragmente eines Rituals zu zelebrieren, das ihm einst von seinem Golflehrer als Pre-Shot Routine eingebläut wurde. Plötzlich, auch für den Ball vollkommen überraschend, schlägt er zu. Selbst Kalli ist überrascht, besonders als er den Himmel erfolglos nach seinem Ball absucht.

Cartoon: Peter Ruge


„Ui, ne? Was warn dess? Wo issnderhin?“
„Ei Kalli, der iss im Wasser.“
„Meinste ned, dass der nochema reingekomme iss?“
„Von wo rein? Ausm Wasser nomma raus, oder wie?

Jetzt schlägt Schorsch. Es folgt ein langer gerader Drive Mitte Fairway, dem er ungläubig hinterherstarrt:

„Wass wa‘n dess? Was hab‘ben ich ebbe falsch gemacht? Hab dir den gesehn? Kerzegrad!“
„Ei wo gibt’s dann sowas? Hast vielleicht schepp gestande? Ist eigentlich gar net dein Schlasch, so gradaus uffs Fairway.“
„Unn, was iss, Heinz? Wird das heut noch was?“

Behäbig erklimmt der Brummler den 1. Abschlag. Sein Blick sucht am Horizont nach einem angemessenen Ziel. Es folgt ein wuchtiger Hieb, der den Ball scharf nach rechts ins Gekräckel treibt. Dorthin zieht es auch die Prostata des Bass-Brummlers und nachdem Kalli seinen 3. Ball gespielt hat geht jeder seiner Wege, was von Lautmalereien in allen Lagen begleitet wird.

„Was suchst‘n?“
„Ei, mein Ball.“
„Isch glab, so lang war der net.“
„Der muss hier doch lije.“
„Lieschter abber net. Gugge ma da hinne“.
„Ei, so kurz.“
„Haste mein gesehen.“
„Vielleicht im Bunker.“
„Schau dir dess ema an: Hamm de Bunger net gerecht und dafür zahl ich das viele Geld.“
„Na, die Grüns sin doch noch schlimmer. „
„Da sind die Greenkeeper dran schuld, die aale Faulenzer. Da resch ich mich schon gar net mehr auf.“ „Gugge mal, wie die da am Schubbe hocke und grinse. Die sinn doch all besoffe.“
„Ne, des is doch de Achmed und de Hammed. Die derfe doch net saufe, die Mullahs.“
„Das sinn doch alles Schläfer von de alKaida. Seit die unser abendländisch Grün mähe, geht bei mir kein Ball mehr rein.“
„Da kann ebbes dran sein.“
„Wo issn de Heinz?“
Laut: “Wo steckste dann, Heinz!“
Es dröhnt ein basstiefes Fluchen aus dem Wald.
Zum Schorsch: „Alles klar, de Heinz brummt – de Heinz lebt“.

Endlich erreichen sie das Grün, wo sich der Bass-Brummler bei seinem Putt schließlich so verliest, dass sein Ball aus acht Metern ins Loch fällt. Die Begeisterung ist groß:

„Ei guggde ma, jetzt zieht uns de Heinz des Tangahös‘sche stramm…!“

Bei dem Gedanken, dass einer der Herren einen String-Tanga tragen könnte, kollabierte der Golf-Ethnologe und musste seine Aufzeichnungen beenden. Durch das Club-Sekretariat konnte jedoch rekonstruiert werden, dass Heinz, Schorsch und Kalli nicht viel länger als fünfeinhalb Stunden unterwegs waren, weshalb sie in ihrem Club als „Der flotte Dreier“ bezeichnet werden.


 
© by Eugen Pletsch, 2011