Der verschollene Traum

Eine kurze Sequenz aus GOLF GAGA, meiner satirischen “Rosamunde Pilcher-Love Story“ über meinen Aufenthalt in einer Klinik für Golfsüchtige…und eine Erinnerung an das Glauber-Wasser von Bad Bertrich.

Nach dem Mittagessen saß ich im Zimmer und fand in meinem Nachttisch eine Bibel. Ich las in der Offenbarung des Johannes bis mir die Augen zufielen. Ich döste weg und sah Bilder aus einem früheren Leben im alten Germanien:
Mein Name war Garzich, mein Kumpel hieß Berzich. Wir waren zwei alemannische Sklaven. Kohortenführer Darius befahl uns, an der Seite des Talkessels, in dem die Legion lagerte, eine Latrinengrube auszuheben. Wir waren seit Jahren in Gefangenschaft. Ich hatte die Nase voll, aber Berzich war nicht unzufrieden mit seinem Los. Er sagte immer: “Es hätte uns schlimmer treffen können“, womit er die Löwen in Rom meinte.

Wir standen im Schlamm und befanden uns zu diesem Zeitpunkt in einer interessanten Diskussion über das Dasein und das Recht auf Selbstbestimmung im Rahmen unserer Tätigkeit. Fremdbestimmte Sklavenarbeit bringt unweigerlich die Frage nach dem Sinn auf.
Ich schufte, also bin ich, aber reicht das?

Ich fühlte mich in einer Sinnkrise gefangen. Mein Sklavendasein erschien mir sinnlos und leer. Ich suchte die Quelle meiner Kraft, die Quelle des Seins, die alle Dinge mit Wärme füllt.

Berzich, der Ältere von uns beiden, versuchte meine Gedanken in eine positive Richtung zu lenken. Tenor: Sorge dich nicht – grabe!

Berzich: „Versuche, dieses existenzielle Sein – was immer du tust – mit Leben zu füllen. Sei aufmerksam! Erlebe das JETZT. Dieser Moment des bewussten Seins in Verbindung mit einer kleinen Belohnung, wie sie die griechische Psychologen empfehlen, schafft Freude und Zufriedenheit. Es wird für Dich gesorgt, Garzich. Du hast Dein Essen. Niemand schlägt Dich, die Löwen sind in Rom. Die Arbeit kann doch auch Spaß machen! Wir müssen uns alle arrangieren. Also grab weiter.“

Ich zucke mit den Schultern und wir gruben nach dem Sinn. Wir gruben und gruben. Wir hörten gar nicht mehr auf. Unser Graben wurde zur transpersonalen Erfahrung, während sich die Grube mit warmem Wasser füllte. Es war ein exzessives Graben, ein tiefes Graben bis hinab in die Keller unseres Seins. Irgendwann sah ich meine nassen Füße und ein Glückgefühl überkam mich. Warme Füße, der Körper gut durchblutet, den Geist zum Stillstand gebracht. Wenn das keine Erleuchtung war, was dann?

„Berzich“, sagte ich, „ich denke, ich habe die Quelle meiner Kraft gefunden, und siehe, sie ist warm. Ich danke Dir, mein Freund!“

Als die Römer sahen, dass wir auf eine Quelle gestoßen waren, durften wir aus der Grube raus und bekamen einen Extraschlag Hirsebrei. So ein Römer ist durchaus erfahren im Fassen von Quellen. Alle krabbelten begeistert in das Warmwasserloch um die Grube auszumauern. Bereits nach wenigen Tagen plätscherte die Brühe in den Wannen und die Römer vergnügen sich mit den Eingeborenenweibchen aus der Region. Aber dann fing das Problem an: Immer, wenn die Römer Wasser schluckten, mussten sie dringend aufs Klo rennen, während die Eingeborenen das Wasser gut vertrugen. Sie hatten ein Enzym im Blut, dass den Römern fehlte, ein Geschmacklos-Enzym. Die Römer suchten deshalb einen Schuldigen, um ihn zu kreuzigen. Sie entscheiden sich für Berzich, den Weisen. „Glück gehabt“, dachte ich.

Dann schwebte ich in meinem Traum über dem Tal und sah, wie aus dem Schlammloch mit dem warmen Wasser ein Ort wurde, an dem es bald kein Römer mehr aushalten konnte, denn die Wohnhöhlen der Eingeborenen hatten Fensterdekorationen von derart schlechten Geschmack, dass die Römer fluchtartig das Land verließen. Damit sie aber weiterhin Tribut erhielten, eröffneten sie ein italienisches Eiscafe, eine Quelle, die bis zum heutigen Tage sprudelt.

(c) By Eugen Pletsch

In GOLF GAGA thematisiere ich besonders die „Mentalen Aspekte des Golfspiels“ sowie die Golfsucht allgemein. Das Buch ist mittlerweile vergriffen, aber wer Interesse an hat, kann von mir ein Exemplar mit Signatur und kleiner Zeichnung für EUR 20.- (Paypal) inkl. Versandkosten per email-Bestellung erwerben. Mehr Infos zum Buch…

Die 23

Auszug aus „Golf- Gaga – der Fluch der weißen Kugel„. Der Kellner Etbin und Dagobert Seicht sind zwei Figuren, die in meinen Büchern mehrfach auftauchen…

Es war viel zu heiß, um zu spielen. Wer an diesen Tagen spielte, hatte einen Schatten. Auch auf der Clubterrasse, wo sonst eine sanfte Brise wehte, war die Luft wie gebacken. Die Sonne prallte von den weißen Wänden des Clubhauses, weshalb ich es an solchen Tagen vorzog, mir im Restaurant ein kühleres Plätzchen zu suchen.

Etbin, der Kellner, trug wie immer ein weißes Hemd zur Weste und schwarze Hosen. Ihm schien die Hitze nichts auszumachen. Er ruhte regungslos im Schatten, aber in dem Moment, in dem ich Platz genommen hatte, stand er bereits mit einer großen Flasche Mineralwasser im Cooler neben mir. Er wusste, was ich bei diesen Temperaturen zu trinken pflegte. Etbin hatte etwas Katzenhaftes, er schlich. Man hört ihn nicht, er bewegte sich wie ein Samurai.

Ich trank mein Wasser und war in Gedanken, als sich Dagobert Seicht näherte. Wir grüßten uns, seitdem ich wieder häufiger in Bauernburg verkehrte, aber der gütige Herr hatte mir das gemeinsame Spiel bisher erspart. Vermutlich hatte die Sekretärin teuflische Angst vor dem, was passieren könnte, wenn zwei besserwisserische Korinthenkacker aufeinandertrafen.

Als wenn nicht genug andere Plätze frei wären, trat Herr Seicht an meinen Tisch und fragte: »Gestatten?« Ich schaute beiläufig auf und nickte, was weder herzlich noch höflich war, aber Seicht nicht abzuhalten schien, sich zu setzen. Er schwieg. Etbin brachte Seicht seine Zitronenlimonade. Ich schwieg auch. Wir schwiegen beide.

Wenn zwei Personen, die den leeren Raum des Universums in wenigen Stunden mit Sprechblasen ausfüllen könnten, einander anschweigen, dann entsteht eine gewisse Spannung. Etwa so, wie wenn ein von Sprechblasen ausgefülltes Universum kurz davor ist, den Urknall zu zelebrieren.

Ich schwieg, Seicht schwieg. Ich spürte, wie auch die wenigen Gäste an den anderen Tischen still wurden. Tiefe Stille. Nur der Koch klapperte in der Küche.

Ein großer Sumsemann, eine Hummel oder Hornisse, flog durch die offene Verandatür in den Raum. In der Stille klang das Brummen wie ein Moped in einer spanischen Nacht.

HnnnnnnmmmmmmmHnnnnHnnnnjääännnnnnggggggzzzzzzzzm ….

Das Geräusch kam näher. Offensichtlich hatte der Sumsemann Seichts Zitronenlimonade auf dem Radar. Wir saßen beide da und schwiegen. Die Gäste im Raum schauten fasziniert zu.

Die Szene vom Showdown zweier Verbal-Pistoleros.

Sumsemann umflog mich, wechselte zu Seicht, konnte sich nicht entscheiden und landete auf meinem Haar, was mir ausgesprochen unangenehm war. Ich verharrte regungslos. Jetzt Angst zeigen, wäre unmöglich gewesen. Ich hatte mir bei manchem Turnier schier in die Hosen gemacht, mit angstvoll zitternden Händen Zehn-Zentimeter-Putts vorbeigeschoben, jetzt blieb ich standhaft.

Sumsemann krabbelte auf meinem Haar. Mein Kopf war der Mond, auf dem das Raumschiff landete, um den Planeten auszuspähen. Der Planet war unser Tisch, auf dem die Zitronenlimonade stand. »Sumsemann«, dachte ich, »es gibt noch ein zweiten Mond, der näher am Planeten steht, mach die Flatter!«

Sumsemann hatte sich in meinem Haar verhakelt. Ich kannte das aus dem Kino. Der Trabant wird angebohrt, um eine Beobachtungsstation zu errichten. Seicht hob sein Glas, um einen Schluck aus seiner Limonade zu nehmen. Ich versuchte unmerklich, mit dem Kopf zu schütteln. Sumsemann schien festzusitzen, aber plötzlich hob er ab. Vielleicht sah er in seinem Insektenradar, dass sich sein Beuteobjekt vom Planeten zum anderen Trabanten verschoben hatte.

Sumsemann ging im Steilflug zum Angriff über und nahm das Glas ins Visier, aus dem Seicht gerade trank. Dessen Reaktion war abrupt. Das Glas mit der rechten Hand am Mund, hob er den Kopf und versuchte mit der linken Hand nach Sumsemann zu wedeln, wobei er den Kopf zurückkippte und ihm sein Gesöff über die Backen schoss.

»Ahhhhgggggrrr …«

Aber Sumsemann konterte mit: »HnnnnnnmmmmmmmHnnnnHnnnnjääännnnnnggggggzzzzzmmm ….

»Ahhhhgggggrrrgggggnnnnn …« Seicht wedelte mit den Armen, das Glas zerschellte am Boden, als ich merkte, dass er offensichtlich ein Eisstück in die Luftröhre bekommen hatte. Sein Kopf war immer rot, seine Augen standen immer vor, aber an seinem Röcheln erkannte ich, dass etwas nicht stimmte.

Ich saß etwas ungünstig, aber ich holte mit dem rechten Arm weit aus und schlug dem armen Seicht mit Wucht auf den Rücken, wobei ihm ein Eisbröckchen aus dem Mund sprang. Im selben Moment hatte der flinke Etbin den Sumsemann mit einem Schlag erlegt. Mit beiden Händen gleichzeitig frei in der Luft erwischt. Es war eine Hornisse. Keine Zeit zum Stechen. Sofort tot. Ich betrachtete das bisschen Insektenmatsch auf den harten, schwieligen Händen des Kellners. Seicht rang um Atem und Fassung. Wir dankten Etbin für seinen Einsatz. Der nickte und verschwand.

»Vielen Dank, das war knapp«, sagte Seicht.

»Kein Thema«, erwiderte ich kurz.

Er blickte auf seine Uhr. »17 Uhr 23. Na klar! Typisch.«

»Was ist typisch?«

»Der Versuch mich umzubringen, 17 Uhr 23, verstehen Sie?«

»Äähhh – nein? Sollte ich?«

»Na, die 23. Müssten Sie doch kennen«.

Seine Stimme wurde leiser.

»Sie wissen doch was ich meine, die D r e i u n d z w a n z i g!«, -wisperte er. »Sie haben das doch alles in Ihrem Buch drin!«

»Wie bitte?«

»Na, hören Sie mal, ich weiß doch wer Sie sind. Sie haben doch dieses Buch geschrieben. Sie sind doch der Autor von ›Der Fluch der weißen Kugel‹?« Ich schaute ihn wohl ziemlich fassungslos an und er fuhr fort. »Das ganze Buch ist doch codiert. Ich habe im Internet Geschichten darüber gelesen und dann recherchiert. Ich bin auch ein Eingeweihter, wissen Sie. Wir können offen sprechen. Ich habe alles herausgefunden.«

»Was herausgefunden?«

»Na zum Beispiel die Geschichte vom ›Golf auf anderen Planeten‹, die deutet doch an, dass sich die Erde bald über außerirdischen Besuch freuen darf, was im letzten Kapitel noch einmal bestätigt wird. «

Seicht öffnete seine Kladde, die auch einige ausgedruckte Texte enthielt.

»Ich darf mal aus einem Newsboard zitieren:

›Also dann, am 23.5. um 11 Uhr‹, ruft mir Mulligan zu. So steht es in der aktuellen Ausgabe, aber in der ersten, mittlerweile verschollenen Originalschrift wurde das exakte Datum der Landung Außerirdischer mit dem 23. 5. 2001 angegeben!

Der Magnat im Kapitel ›Alte Golfclubs‹ wird als jener Adam Weishaupt identifiziert, der am 1. Mai 1776 den Geheimbund der Illuminaten und 1906 den Deutschen Golfverband gründete.

Auf S. 230 (23 und 0!) schreibt er: ›(…) und Sie beginnen, sich für das Geheimnis zu interessieren.‹ Welches Geheimnis meint er, fragen sich manche Leser. Die ›18 Bahnen des Golfsports‹ (S. 226) erklärt der Autor in einem buddhistischen Kontext, was von Verschwörungstheoretikern eindeutig als falsche Fährte angesehen wird, die der Autor legen musste, weil er ahnte, dass er als Medium bereits zu viel verraten hatte. Das Kapitel ›Ein letztes Geheimnis‹, das Golf als Geschicklichkeitsspiel beschreibt, wirkt trivial, gibt aber den Hinweis, dass es ein letztes Geheimnis gibt!«

Seicht schaute mich erwartungsvoll an. Ich schaute zurück.

»Und? Was hat das mit der 23 zu tun?«

Seicht holte tief Luft. Verschwörerisch beugte er sich zu mir.

»Ich weiß doch, in welchem Club ich bin. Ich weiß doch, was der Manni Mulligan treibt. Was meinen Sie, warum ich hier bin? Das Mysterium des Golf enthüllt sich durch die 23. Und wenn es Eingeweihte gibt, dann hier. Ich verstehe nicht, warum Sie so tun, als würden Sie das alles das erste Mal hören?«

»Weil ich es das erste Mal höre. Aber was hat das Mysterium der 23 mit dem Golfsport zu tun?«

»Bobby Jones hat 1923 sein erstes Major, die US Open, gewonnen. Der Golfclub Magdeburg wurde 1923 gegründet. Die erste Swiss Open fand 1923 statt. Miriam Burns gewann 1923 die Women‘s Western Golf Championship im Alter von 23 Jahren! Die Bonzo Dog Zigarettenkarte von 1923 wurde gerade bei ebay für 23,95 versteigert.«

Er schaute mich triumphierend an.

»Ein Birdie und ein Par an einem Par 3 ergibt kabbalistisch eine 23! Unser Platz hat ein Par 72. Drei unter Par, eine 69, ist dreimal 23, klar? Ein reguläres Par 5, aus dem Blickwinkel der Tarotkarte des »Gehenkten« (Bahn vom Grün zum Abschlag betrachtet) besteht aus zwei Putts und drei Fairwayschlägen, das gibt: 23. HA! Die Quersumme aller Golfbälle der Welt ist 23, was auch dem traditionellen Loft eines Eisen 3 entspricht.«

Dagobert Seicht blickte mich mit seinen vorstehenden Augen an. Seine dünnen Künstlersträhnen waren am Schädel angeklebt. Er schnupperte mit der Nase wie eine Ratte. In dem Moment dachte ich, er sei irregeworden.

»Sie schauen mich an, als würden sie denken, ich sei irregeworden. Na gut, was halten Sie hiervon: Der große Förderer dieser Golfanlage, unser Magnat Senator Grösius, behauptet, er würde am 23.10.2006 sterben. 18 gespielte Bahnen und danach fünf Hefeweizen ergibt?«

»Schon klar: 23!«, kam ich ihm zuvor.

»Na, sehen Sie.« Jetzt schaute er mich gütig an, als hätte ich irgendetwas verstanden.

»Gut«, sagte ich, »und was bedeutet das alles für Sie?«

»Ich kann Ihnen das zusammenfassend vortragen.«

Er schlug seine Kladde auf, blätterte einen Moment und fand dann die gesuchte Seite. Seicht begann:

»Golf ist ein Virus, der zu schweren Suchterscheinungen führt und dabei ist, das Wirtschafts- und Kulturleben auf diesem Planeten nachhaltig zu zerstören.

Die Außerirdischen sind bereits gelandet, haben Präsident Kennedy ermordet und übernahmen die Regierung der USA. Natürlich auch die Wallstreet. Diese außerirdischen Plünderheuschrecken, die von einem kleinen Planeten in der Nähe des Sirius stammen, überfallen seitdem ein Land nach dem anderen mit dem Ziel, das Wirtschafts- und Kulturleben auf diesem Planeten zu zerstören.

Die einzige Schwäche, die Plünderheuschrecken haben: Sie spielen gerne Golf (amerikanische Präsidenten!) und sie sind nicht immun gegen den Golfvirus, was eine Chance birgt, den Planeten zu retten, denn Golf macht süchtig, dann blöde und dann depressiv. Damit könnte man sie schlagen. Wir sind nicht alleine. Von irgendwoher kommt Hilfe.«

»Sehr interessant«, sagte ich.

»Nun, was halten Sie davon, Sie haben doch das Buch geschrieben!«

Plötzlich kam mir eine Idee.

»Dagobert, ich darf Sie doch Dagobert nennen?«

Er nickte erwartungsvoll.

»Ein Schlüsselroman ist verschlüsselt, sonst wäre es kein Schlüsselroman.« Ich schaute ihn freundlich an. »Es gibt Mysterien und Geheimnisse, die sich um das Golfspiel ranken. Kennedy und die Monroe sind die beiden bipolaren Koordinaten. Die YabYum-Energie der beiden bekanntesten Amerikaner ihrer Zeit verbannte schreckliche Kräfte in den unterirdischen Gewölben des Pentagon. Beide wurden ermordet. Das Biest wurde entfesselt. Seitdem regiert das große Tier und überzieht die Welt mit Krieg. 666 … Sie wissen schon.«

Ich spürte, wie es Seicht schauderte. Er war dem Geheimnis auf der Spur.

»Ein Schlüsselroman hat einen Schlüssel«.

Er nickte.

»Der ist verborgen«.

»Wo?«

Etbin näherte sich unserem Tisch.

»Etbin, zahlen!«, rief ich, worauf er zur Kasse zurückging.

»Dagobert, ich habe schon zu viel gesagt. Sie wissen schon zu viel.«

Er schob sich dicht an mich heran.

»Sie müssen schweigen«, flüsterte ich, »es ist gefährlich! Schweigen Sie! Das Mysterium ist nah. Warum glauben Sie, haben sich so viele Kräfte in Bauernburg versammelt?«

Er zuckte die Schultern. Etbin war auf dem Weg zu uns.

»Der Teich an der 14 wird von Mulligan bewacht! Tief unten wohnen Geheimnisse, die nicht gehoben sein wollen. Die 14!«, wisperte ich heiser. »Kabbalistische Quersumme fünf! Zweimal 14 ist 28 minus fünf ist?«

»23«, hauchte Seicht fassungslos.

»Genau!«

Etbin stand am Tisch, mit dem Kassenzettel in der Hand.

»Des warren denn de Pasta, wo se gestern nicht bezahlt haben und zwei vonne große Flasche Wasser, macht 18 Euro.«

»Ich übernehme noch die Drinks von Herrn Seicht«, sagte ich.

»Das wärren dann zwei Zitronelimonad, zusamme fünf Euro, macht 23 Euro.«

Ich schaute Seicht tief in die Augen, während ich Etbin 23 Euro in die Hand drückte. »Stimmt so, der Rest ist für Sie!«

Seicht saß stumm da. Sein Mund stand offen. Etbin verbeugte sich. Er hatte meine Art von Humor schon öfter genossen.

Nachdem ich wieder zu Hause war, war ich nervlich bereits etwas angefressen. Aber dann passierte mir die nächste Schote, die mich in jene dramatischen Zustände katapultierte, von denen in diesem Buch die Rede ist.

Liebevoll streichelte ich meine Persimmon-Schläger, dachte nicht lange nach, telefonierte mit dem Club und meldete mich für das Turnier am nächsten Tag an, das trotz großer Hitze stattfinden sollte. Es folgte eine unruhige Nacht.

(c) by Eugen Pletsch 2006

Babbelfisch und Quäknöle

Man wird älter. Meine Haarschneidefachfrau meint, meine Haare werden immer dünner. Und ich immer dicker.

„Seit einiger Zeit stehen meine Haare so merkwürdig in die Luft,“
„Das macht die trockene Luft und Ihre feinen Spitzen.“
„Manchmal sehe ich schon aus wie der Seehofer, nachdem ihn ein FDP-Mann an den Arsch gepackt hat.“
„Ach“, sagt sie. „Politik schaue ich gar nicht mehr. Man kann ja doch nichts machen.“
Ich nicke, weshalb sie mit der Schere fast mein Ohr erwischt.
„Aber alles wir teuer, besonders das Bauen“, fährt sie fort. „Eine Kundin von mir hat für eine halbe Million gebaut. Und nicht mal unterkellert!“
Über Preise schimpfen – das ist mein Lieblingsthema:
„Seit wir den Euro haben, verdienen wir die Hälfte, zahlen aber für alles das Doppelte…“
„Wobei man doch allgemein sagt, dass das nur gefühlt wäre?“
Sie schüttelt den Kopf, als kämen ihr an diesem Gefühl langsam Zweifel auf. Dann erzählt sie weiter:
„Wir waren in Bad Nauheim zum Essen. Nichts Besonderes, aber das Schnitzel kostete 9,90 Euro! Das sind doch fast 20.- Mark. Das hätte doch früher niemals jemand bezahlt…“.
Wasser auf meine Mühlen.
“Und der kleine Beilagen-Salat, der im Club immer DreiMarkfuffzich gekostet hatte, ist unter vier Euro nicht mehr zu haben!“
Nachdem sie mich von meiner Seehoferschen Rübezahl-Matte befreit hatte, fuhr ich zu meinem Lieblings-Italiener, der ein Türke ist.
Auch der ist auf die Bundesregierung schlecht zu sprechen. In Immobilien in Deutschland zu investieren, wäre ein großer Fehler gewesen, meinte er. Bald wäre nichts mehr irgendwas Wert.
„Und dann die blöden Griechen, die mit 45 in Rente gehen…“.
„Angeblich haben die griechischen Eliten 600 Milliarden unversteuert in die Schweiz geschafft…“,werfe ich ihm genüsslich über den Tresen.
Das regt ihn noch mehr auf und wir haben richtig schöne Weltuntergangsstimmung, während ich meine „Pizza Toscana“ inhaliere.
Bei Cappuccino denke ich nach. Hat mein Leben einen Sinn? Was mache ich?
Soll ich wirklich weiterhin irgendwelchen Blödsinn schreiben, den ohnehin kaum jemand versteht?
Oder sollte ich nicht lieber etwas erfinden, was auch in Krisenzeiten nährt.
Vielleicht sollte ich Hörgeräte verkaufen!
Viele Leute hören schlecht und können Dialoge nicht mehr richtig verfolgen, zum Beispiel wenn sie am Clubtresen stehen.
Mir geht es oft so, dass ich von manchen Leuten schwer verstanden werde. Ich sage etwas, und sie hören etwas ganz anderes. Da wäre es doch besser, wenn sie gar nichts hören würden. Ich will Vieles auch nicht hören. Dummes Gebabbel verklebt die Nervenbahnen, besonders auf dem Golfplatz.
Also müsste man ein Hörgerät haben, das dummes Gebabbel neutralisiert. Das wäre nicht schlecht, oder?
Das Hörgerät müsste so konstruiert sein, dass jedes Mal, wenn gewisse Leute das Maul aufmachen ein kurzer Warnton erklingt und dann setzt entspannende Musik ein, die mit Subliminal-Befehlen unterlegt ist:
„Ich bin ruhig – ganz ruhig – Ruhe. Was immer der da labert – ich bleibe ruhig..“
So was in der Art und dazu schöne Herzschrittmacher-Musik im 4/4 Takt, die Puls und Blutdruck senkt.
Mein Hörgerät wäre so ähnlich wie der „Babelfisch“ aus Douglas Adams „Per Anhalter durch die Galaxis“, der im Ohr wohnt und jedwede Sprache des Universums sofort übersetzt. Ich würde mein Hörgerät deshalb „Babbelfisch“ nennen, weil es dummes Gebabbel ausblendet.
Auch meins. Ja, besonders meins! Ich wette: Mit einem Hörgerät, das mein Gebabbel ausblendet, könnte ich ein Vermögen machen! In unserem Club würden  fast alle Leute sofort zahlen, schätze ich. Ich werde mal darüber nachdenken.

Ansonsten befasse ich mich an diesem windigen, grauen Tag mal wieder meinem Golfer-Bestimmungsbuch.
Ich habe das Thema irgendwann schon mal erwähnt, bin damit aber noch nicht viel weiter gekommen.
Es gelingt mir einfach nicht, alle Schläger-Typen in ein plausibles Ordnungssystem zu integrieren. Zuletzt überlegte ich, Golfer nach ihrer Lautstärke und der Art der Geräusche, die sie von sich geben, zu ordnen. Mittlerweile glaube ich, dass auch der Inhalt des Gesagten, neudeutsch „Soundcontent“, eine Rolle spielt.
Sicher ist: Alles hängt irgendwie zusammen, die Lautstärke, der Klang, der Inhalt und der Schwung. Ein Beispiel gefällig?
Nehmen wir eine „Hanseatische Quäknöle“. Paradebeispiel dafür wäre Spielführer Hein Küppers, Protestant, 53 Jahre, Handicap 12,1, Steuerklasse1 (worüber er sich ärgert, weil ihn die Scheidung genug gekostet hat).
Wie man in allen Klubs (mit K!) zwischen Bremerhaven und Kiel weiß, ist er mit einer nasalen Lautformungsfähigkeit begabt, die seine quäknöligen Kommentare unter jedem Wind durchfliegen lassen.
Noch bevor Spielführer Hein Küppers seinen PS-Dampfer auf dem Clubparkplatz zum stehen gebracht hat, nölt er bereits durch die geschlossene Windschutzscheibe Direktiven über den Platz. Kaum ausgestiegen wird er den Rest des Tages damit verbringen, die akustische Leitfähigkeit der Atemluft bis zum Anschlag auszulasten, denn er weiß nicht nur alles, sondern er weiß es auch besser. Er kann alles, kennt jeden und er ruft sie alle zu sich: Greenkeeper, Pros, Manager, Servicepersonal und die verschreckte Jugend:
„Na, Jung´ komm du mal her, ja du, min Lütten! Hierher, aber flott …!“

Nur wenn er ein geschlechtsreifes Weibchen sieht, verharrt er für einen Moment in der Alphamännchen-Stellung, wobei er seine Brieftasche im Jackett mit dem Brustmuskel vordrückt. Wenn jedoch das Weibchen ein Mobiltelefon zückt, rennt Hein sofort zum nächsten Klo (auch mit K!).
Das ist ein Reflex. Hein kann nicht anders, was damit zusammenhängt, dass er als Kleinkind manchmal auf dem Töpfchen vergessen wurde, weil sich seine Mama am Telefon festgeratscht hatte. So entwickelte Klein-Hein sein Stimmchen zu einem quäknöligen Organ, mit dem er Telefonkabel zerschneiden konnte. Denn sonst säße er heute noch auf seinem Töpfchen. (Womit ich aber im Umkehrschluss nicht behaupten möchte, dass alle Quäknöler auf dem Töpfchen vergessen wurden.)
Weibchen mit Mobiltelefon lösen bei Hein Küppers grässliche, eruptive Reizdarmsymptome aus, da seine gequälte Seele durch die Kabellosigkeit des „mütterlichen“ Telefons einen Zustand vollkommener Hoffnungslosigkeit erfährt.

Der Worst Case war ein Matchplay, bei dem Hein in die Endrunde gelangte. Sie standen auf dem 18. Grün, das Match war „All square“. Hein’s Gegner hatte seine Partnerin als Caddy dabei. Beim alles entscheidenden Putt stand sie am Grün-Rand und zog ihr Smartphone heraus, worauf der Hein den kurzen Putt zum Sieg vorbeischob. Weil er nicht schnell genug zum Klubhaus rennen konnte, hat er sich dann auch noch eingeschissen, der arme Kerl.
Trotzdem: Obwohl Hein quäknölt, ist und bleibt er ein wichtiges Mitglied unserer (Golf)gesellschaft. Meint zumindest sein Therapeut, der meines Wissens kein Golf spielt.

Textauszug aus „Achtung Golfer! – Schlägertypen in Wald und Flur

Beweg Dich oder bleib zu Hause!

Aus der Zeit, als ich noch Winter-Golf spielte…

Es ist kalt, die Luft ist klar und auf dem Parkplatz stehen nur wenige Autos. Wind, Wintergrüns und Schneeflecken auf dem Fairway sind mir egal – ich will nur eins: Raus auf den Platz. Niemand auf dem 1. Abschlag, keine Warteschlangen, kein Gesabbel über Schwungprobleme und Gemaule über langsame Grüns. Nur der Platz. ‚Offene Weite‘, wie Alan Watts das nannte.
„Heilig, heilig, heilig“, würde Alan Ginsberg rufen.

Ich habe noch zwei Stunden Licht. Bei kurz gesteckten Bahnen müsste das für 18 Loch reichen. Ich trage nur ein Moon-Bag, darin ein Fairway-Hölzchen, mit dem man den Ball aus jedem Dreck in die Luft bekommt und die Eisen 6, 8 und PW. Den Putter könnte ich mir eigentlich auch sparen, denn im Winter sollte man den Ball gleich in den Kübel mit der Fahne chippen oder innerhalb einer Putter-Länge aufheben. Dadurch wird das meist leicht matschige Gras ums Loch rum nicht so vertrampelt und man kann von außen besser anspielen.

Die stille Wanderung über frostige Hänge ist reine Freude, jauchzendes Glück, zumindest bis man bei Rhomben-Rudi aufläuft. Das ist ein rüstiger Senior, der seinen Lebensherbst unter dem wärmenden Licht der ewigen Lampe zum Exzess ausreizt. Und meine Nerven. Wir nennen ihn Rhomben-Rudi, weil er meist mit zwei Bällen spielt, die er in faszinierender Regelmäßigkeit Zickzack über den Platz treibt. In exakt gleichem Winkel treibt er seine beiden Kugeln jeweils nach rechts und nach links voran, ein Rhomben-Zickzack, das keine Singer-Maschine besser nähen könnte.

Eine Weile schaue ich mir das von hinten an. Was bleibt mir auch anderes übrig. Der Mann sieht nicht zurück. Er ist mit seinen zwei Bällen, auf diesem großen, weiten, leeren Platz ziemlich beschäftigt. Ich habe mir fest vorgenommen, nicht mehr über langsames Spiel zu meckern. Ich mache Chi Gong Übungen, versuche mich zu erden und genieße die Sonne bis ich merke, dass sie mit gewaltigen Schritten gen Feierabend rutscht. Doch das ficht meinen Vorausspieler nicht an. Ein wetterfester Bursche, denke ich mir. Vermutlich vormals höherer Beamter oder ein ehemaliger Bürgermeister, der frischen Wind von jedweder Seite zu ignorieren gelernt hat und in lebenslanger Praxis die Standfestigkeit entwickelte, Druck, Eile und rasche Bewegungen tunlichst zu vermeiden. Diese Leute sind gesegnet mit satten Pensionen und werden sehr alt, denn sie werden nicht wie der gemeine Pöbel von Kürzungen, Abgaben und den anderen Opfern gepeinigt, die wir “gemeinsam solidarisch schultern müssen”, um die politische Fehlentscheidungen auszubaden.
Diese Seele eines chinesischen Mandarin hat über Jahrzehnte hinweg in faszinierender Gleichmäßigkeit einen pragmatischen Zickzackkurs mit zwei Bällen verfolgt und sich einen Teufel darum geschert, wer von hinten kommt und den Wunsch hat, die Runde vor Sonnenuntergang zu beenden.

Golfpark Winnerod im Winter
Skulptur im Golfpark Winnerod

Um Kollisionen zu vermeiden, wechsle ich an passender Stelle auf eine andere Bahn, denn es ist frisch geworden und die Sonne bereits verhangen hinter einem Dunstschleier. Ich verziehe meinen Drive nach rechts. Am Ball angekommen sehe ich plötzlich eine Gruppe von drei Spielern, die ich durchaus hätte treffen können. Wo kommen die plötzlich her? Da stehen sie, ein langes Eisen entfernt und halten Kriegsrat. Jeder trägt eine Kopfbedeckung und eine dicke Jacke. Der Mann, der in der Mitte steht, gibt offensichtlich eine Golfstunde, obwohl er mit Sicherheit kein Pro ist.
Schön, wie er da schwingt. Die Dame macht es nach, aber es klappt nicht. Also wird der Versuch wiederholt, während der andere Bursche verträumt mit seinem Eisen in einem Schneefleck rechts im Rough herumstochert.

Sie schauen nicht zurück. Warum auch. Der Parkplatz ist leer, der Golfplatz ist leer, das Universum ist leer, alles ist Leere, meint sogar Buddha. Ein Spieler, der mal schnell ein paar Bahnen frische Luft schnappen möchte, ist im göttlichen Plan nicht vorgesehen.

Die Meditation in der Leere schreitet voran. Die Gruppe nähert sich dem Grün. Da zeigt der Tiger seinen Hasen, wie man auf einem zertrampelten, matschigen, frostigen, von kleinen Eisbrocken übersäten Wintergrün die Putt-Linie zu einem Eimer liest, in dem eine Plastikstange in Wassereis und Dreck steht.
Die großen Putt-Gurus empfehlen, das Loch großflächig zu umschreiten, um landschaftliche Einflüsse zu erkennen. Geomantie, sowie geologische Verwerfungen innerhalb der Erdkruste spielen eine große Rolle beim Lesen eines Grüns. Jedes Grün hängt bekanntermaßen zum Meer. Aber wo war das Meer? Vor Millionen Jahren gab es hier in Mittelhessen ein Meer und dahin hätte das Grün gehangen. Aber wohin hängt ein Grün, wenn dort, wo es angelegt ist, früher überall Meer war? Hm? Darüber wird lange nachgedacht, während ich mit meinen wirren Gedanken auf klappernden Zähnen ungeduldig zuschaue. Aber plötzlich kommt Bewegung auf. Man hat eingelocht.

Etwa mit der Geschwindigkeit eines Roald Amundsen auf dem letzten Kilometer zum Südpol schleppen sich der Tiger und seine Rabbits zum nächsten Abschlag. Jeder Schritt langsam und schwer, so als liefen sie über das vereiste Meer…

Ehrlich Leute! Wenn man sich beim Wintergolf nicht flott bewegen kann, dann wird einem kalt und der Spaß ist weg. Jeder, der bei diesem Wetter auf dem Platz ist, hat meinen Respekt sofern er/sie das ewige, große, ultimative erste Gesetz der Wintergolfer beachtet, dass da heißt:

Beweg Dich oder bleib zu Hause!

Wer beim Wintergolf nach seinem Ball, seinem Schwung oder einer Erinnerung an glorreiche, längst vergangene Tage suchen will, der möge bitte zur Seite treten, großzügig durchwinken oder auf immer zur Eis-Säule erstarren!

So. Das wäre mal gesagt. 

(c) by Eugen Pletsch

Rayma – eine Tantra-Golfgeschichte

Golfer sind Mystiker und somit anfällig für die wundersamen Offenbarungen, die sie hinter jedem brennenden Dornbusch vermuten, in den sie ihren Ball geschlagen haben.

In kindlicher Naivität wird jeder Firlefanz ausprobiert, der angeblich dem Schwung dient oder verspricht, das Psychodrama, das sich bei den meisten Golfern zwischen den Ohren abspielt, zu lindern.

Golfgurus mühen sich mit Büchern und Videokassetten, den Untergang des Abendlandes heraus zu zögern und immer wieder dringt die messianische Botschaft von dem einen, neuen ultimativen Driver, der unser Leben verändern wird, in die Umkleidekabinen und erfüllt die Herzen verzweifelter Slicer und dröger Hacker mit neuer Hoffnung.

Geradezu mittelalterlich ist der Aberglaube unter uns Golfern bezüglich Zaubertränken, magischen Ritualen und geheimnisvollen Amuletten und Armbändern. Eine geradezu schmerzhafte Dummheit in der heutigen Zeit der Aufklärung, könnte man meinen. Aber jetzt kommt meine kleine Geschichte vom Rayma-Armband:

Ich begegnete Paul Lawrie bei der 1999 SAP / Deutsche Bank Open und er half mir bei einer kleinen Tombola-Aktion für meinen Heimatclub in den schottischen Highlands, der sich fast alle schottischen Spieler, sogar Monti, und etliche andere Tour Spieler anschlossen.

Als Paul Lawrie 1999 die Open gewann, dachte ich natürlich, es wäre gutes Karma, aber bald begriff ich, daß es etwas mit dem Armband mit zwei goldenen Kügelchen zu tun haben musste, das er am rechten Arm trägt.

Eine weitere interessante Begegnung war Matt. Matt ist Vertreter für Golfartikel. Als ich ihn kennen lernte, war er ein müder, grauer Mann, der auf der verzweifelten Suche nach seinem Golfschwung mürrisch über die Fairways stolperte und dabei eine Menge Eisen seiner Herstellerfirma in Teiche und Wälder warf. Ein Mann, dessen Divots weiter als seine Bälle flogen, kurz: ein Mann, wie du und ich.
Letzten Sommer traf ich Matt wieder: Ein braungebrannter, lebenslustiger Kerl, der mittlerweile in der Clubmannschaft spielte. Auf dem Grün lochte er alles, er schlug seine Bälle lange und gerade, aber noch bemerkenswerter war die etwa 23 Jahre jüngere Dame, die er mir als seine Lebensgefährtin vorstellte. Charmant und lebensfroh stand sie mit Matt auf dem Grün und ich und andere alte Zausel vergingen vor Neid, wenn sie ihren knusprigen, braunen Arm um Matt legte, um ihn vergnügt zu küssen. Am Arm trugen beide dieses Armband mit den Kugeln und ich fing an, mir darüber meine Gedanken zu machen.

Dann war da noch ein Bursche, den ich im Club beim Sommerfest beobachtete. Ein lauter fröhlicher Zecher, der sich noch in komatösen Zuständen das erste Brutto einheimst und seine Drives selten unter 300 Meter lässt. Die junge Dame an seiner Seite war mit Sicherheit nicht seine Tochter. Kein Vater würde seiner Tochter gestatten, derart üppige Formen so provokant zur Schau zu stellen. Er trug dieses Rayma-Armband und irgendwie wollte ich jetzt auch eins haben.

Dieses Rayma-Armband hat etwas mit Magnet-Therapie zu tun. Auf der Internetseite von Rayma erfahre ich, dass niemand genau weiß, wie Magnettherapie funktioniert, darüber aber viel geforscht wird. Es scheint jedenfalls eine magnetische Anziehungskraft auf junge Dinger zu haben. Rayma-Tantra? Es gibt mittlerweile etliche Beispiele dafür, dass Rayma-Träger ihr – nennen wir es – latentes Potential von Biomagnetismus dynamisch entwickeln.

Douglas Bell vom englischen Institut für Magnettherapie erklärt den Boom, den die Magnettherapie derzeit in den USA erlebt: „Jede Zelle des menschlichen Körpers ist ein elektrisches Feld mit magnetischem Potential“. Wie es scheint, erlebt gerade der Golfer, der in die Jahre kommt, sein eigenes Potential in vollkommen neuer Weise, sinniere ich, während ich eine blonde Beauty anstarre, die gerade im Pro Shop mit einem Burschen, der ihr Opa sein könnte, ein hübsches, goldenes Rayma-Band aussucht.

Es war die Firma Rayma, die das Original biomagnetische Armband entwickelte, das Paul Lawrie, Lee Westwood und Matt tragen. Majorsieger Tom Kite hat es übrigens auch und braucht seit dem diese dicke Brille nicht mehr, mit der er immer wie seine Mutti aussah.

Die Hersteller des Rayma-Armbands empfehlen, das Armband entweder auf dem rechten Handgelenk mit den Polen nach oben, oder am linken Handgelenk mit den Polen nach unten zu tragen. Wenn nach einiger Zeit keine positive Wirkung verspürt wird, sollte das Handgelenk gewechselt werden. Zwischen dem Rayma-Armband und seinem Träger besteht eine Interaktion. Daher ist es nicht empfehlenswert, dasselbe Armband abwechselnd mit jemand anderen zu tragen oder ein bereits getragenes zu verschenken. Die elektrische Ladung, die die Wirkung des Armbands ausmacht, verringert sich mit der Zeit, was mich etwas an den Magnetismus mancher Beziehungen erinnert. Von diesen Armbändern, die in Palma de Mallorca in Raymas eigener Fabrik hergestellt werden, wurden bereits weltweit über 12 Millionen Stück verkauft. Die Rayma-Armbänder findet man in Deutschland in ausgewählten Golfläden, Sportgeschäften und Sexshops.

Leute, ich bin Ende vierzig, Single und will nicht wahrhaben, dass es das schon war. Also, um es kurz zu machen: natürlich habe ich jetzt auch so ein Armband.

Zuerst stellte ich fest, dass es auf Microsoft-Produkte allergisch reagiert, aber wer tut das nicht. Dafür bekomme ich, seit ich das Armband habe, keine Kettenbriefe mehr, meine Bücher laufen saugut und ich habe fünf Kilo abgenommen. Ich kann nicht besser Putten, ärgere mich aber nicht mehr so. Den Ball schlage ich nicht länger als früher, aber ich finde ihn schneller im Wald.

Na, und was Sie jetzt am meisten interessiert: Ja, Sie ist 25 Jahre alt, klug, stilvoll und absolut süß. Sie spielt Golf und sie liebt es, mit mir Golf im Fernsehen anzuschauen. „Jede Zelle in unserem Körper ist ein elektrisches Feld mit magnetischem Potential“, könnte man sagen. Am Arm trägt sie ein kleines goldenes Rayma-Armband.

© by Eugen Pletsch, 2001

Die Golfderwische von TAO YIN

Wenn ich an Ho Lin Wan denke, überfluten mich Erinnerungen an meine alte Heimat. Ich sehe lebhafte Bilder aus einem vergangenen Leben: die eindringlichen Farben Tibets, der leuchtende Himmel.

Die Linghorstraße raus, Richtung De-Chnen Dzong, stand das Haus meiner Eltern. Wir liefen als Kinder durch halb Lhasa Richtung Norbu Linga. Wir hatten einen Platz im Juwelenpark, wo wir mit kaputten Schlägern übten, die uns einige nette Langnasen überlassen hatten.
Der Blick von dort zum Potala war atemberaubend. Der Golfplatz Lhasa wurde, wie alles andere auch, während der chinesischen Kulturrevolution zertrampelt, aber einige Mystiker spielen nach wie vor, anhand der alten Lagepläne, im freien Feld zwischen Nomadenzelten auf imaginären Fairways und um die Stupas herum. OM MANI PADME HUM.

Gate, Gate,
Ball weg,
Rechts raus
Irgendwo im Fluss.


Seinen Weg gehen, den Weg gehen (Gate) ist eine uralte Metapher aus dem Buddhismus und esoterischen Taoismus. Der historische Gautama Buddha wurde auch als der Tathagata (Sanskrit: der So-Gegangene) bezeichnet. Der, der diesen Weg ging – der nicht zu benennen ist, wie Laotse sagt. Das Abschreiten eines Golfplatzes, das ständige Kreisen über die gleichen 18 Bahnen ist ein Ritual fernöstlicher Tradition, wobei der Wechsel der Natur in den Jahreszeiten die Wandlung der Dinge symbolisiert. Der Buddha sieht die Ursache allen Leidens im Anhaften.
Dies führt zu endlosen Wiederverkörperungen. Wir sehen die Ursache allen Leidens darin, dass wir den Kopf nicht unten lassen und nicht genügend durchschwingen. Das führt zu endlosen neuen Runden des Leidens.
Das Loslassen, das Nichtanhaften im buddhistischen Sinne, gelingt im Golfsport nur mit Hilfe einer Gemeinde (Sangha), die ich in den Anonymen Golfern fand. Die Zehn, in der kabbalistischen Mystik die Zahl der Unendlichkeit, wird mit der Acht, der heiligen Zahl der Buddhisten, vereinigt. Der achtfache Pfad und die Unendlichkeit.
Die Vision der Vereinigung des euroarabischen Kulturraumes mit der Weisheit des Ostens ist in exoterischen Fragmenten durch die European Tour erkennbar, die im Fernen Osten beginnt und über den Nahen Osten nach Europa reist. Unser ewiges Kreisen auf 18 Pfaden symbolisiert das, was man als Reinkarnation bezeichnet. Im Golf ist aber nicht der Weg das Ziel, sondern das Ziel ist das Ziel ist das Ziel und wer in seinem Fühlen und Denken vom Ziel abschweift, verfehlt das Ziel. (Es sei denn, er spielte am 2. Tag der OPEN OPEN 2010 in St. Andrews Bei diesem Wind verfehlte jeder sein Ziel.) Golf gibt unerbittlich sofortiges Feedback auf Handlung und Gedanken. (Instant-Karma).

So wie die Seele sich immer wieder neu zu verkörpert, müssen wir immer wieder zum Club fahren, um auf die Runde zu gehen. In der Bergwelt des Himalaja umschreitet der Gläubige die Stupa, eine runde Felsansammlung, oder einen Turm, der mit Fahnen und Symbolen des Glaubens geschmückt ist – OM MANI PADME HUM murmelnd -, den Blick zu Boden gerichtet, was aus der Zeit stammt, als dabei tatsächlich noch Bälle gesucht wurden. Diese spärlich erhaltenen Fragmente früher golferischer Tradition des Buddhismus sind noch um Lhasa, aber auch in Kathmandu und an manchen Orten in Sikkim und in Bhutan zu beobachten.

Gate, Gate So gegangen Den Weg gegangen Jeder geht seinen Weg. Hintergrund fernöstlicher Golflegenden sind die in esoterischen Kreisen bekannten Geschichten von den wirbelnden Golfderwischen von Tao Yin. Sie lebten vor über tausend Jahren nördlich der Provinz Kham in einem verborgenen Seitental des tibetischen Hochlandes, das Shambhala genannt wurde.

Von dort gelangte der Weg der weißen Kugel, der dem Buddha Amitaba geweiht ist, in das heutige Sikkim und Bhutan. Das Spiel ist in diesen Hochgebirgsregionen sehr schwierig, da der Ball unglaublich weit fliegt. Deshalb wurde mit einem Leichtball aus gepresstem Yakdung gespielt. Es ist vermutlich vollkommen müßig, Euch ungläubigen Langnasen zu erzählen, dass wir damals Yetis als Caddys hatten, die allein durch ihren feinen Geruchssinn in der Lage waren, die Yakdungbälle wiederzufinden.

Cartoon: Peter Ruge


Das Golfspiel war ein Akt der Meditation und der Reinigung. Eine Runde zog sich über Monate hin. (Walkabout), weshalb es sinnvoll war, in diesen klimatisch extremen Bedingungen mit Zelten, Yaks, Köchen und allem zu reisen, was man in der Einsamkeit der Bergtäler brauchte. Die Yetis hielten sich fern, tauchten aber immer auf, wenn sie gebraucht wurden, und fanden den Yakdungball auch in irgendeinem Seitental in 5000 Meter Höhe. Dafür ließen sie sich gerne abends Lieder vorsingen, weil sie selbst nicht singen können. Weihnachtslieder haben es ihnen besonders angetan. „Stille Nacht“ und „Ihr Kinderlein kommet“ sind Gassenhauer in Lhasa und jedem Mönch bekannt. Die Yetis wurden nach einem Weihnachtslied bisweilen etwas melancholisch, ansonsten waren sie friedlich und verfilzt wie wir. Aber sie spielten selbst kein Golf.

Die wirbelnden Schwungtechniken der Meister von Tao Yin, die auf der zentrifugalen Bewusstseinsebene entwickelt wurden, beeinflussen bis heute den Golfsport. Tai-Chi und Chi Gung-Übungen fördern die Balance der inneren Achse, um die der Schwung rotiert.. Ich hatte in meiner Jugend die Gelegenheit unter Anleitung des Tai-Chi-Meisters Gia Fu Feng einige Formen zu üben, die mir halfen, mein Gefühl für ein Zentrum der Mitte zu entwickeln. Diese Übungen sind gut für Körper und Geist.
Eine Tanzvorführung von Meister Al Huang zeigt Balance, Harmonie und Konzentration in höchster Formvollendung. Die Fähigkeit zur Entwicklung der Konzentration sowie meditative Erfahrungen, wie sie in westlichen Yogaschulen gelehrt werden, haben Golfer von jeher angezogen. Gia Fu Feng – wie auch später Al Huang – arbeiteten Jahre in dem berühmten Esalen Institute, Big Sur, in Kalifornien. Tim Gallwey erwähnt diesen Ort im Zusammenhang damit, dass er einen der Gründer dieses Institutes, Michael Murphy, zum Golfen trifft.
Murphy, der Verfasser des Buches „Golf und Psyche“, erzählte ihm, dass die Konzentration von Nicklaus oder Hogan ihn an die Fähigkeiten großer Yogis erinnere: Ich habe Hogan oft beobachtet und kann sagen, dass er eine starke Aura hatte, die von vielen im Publikum gespürt wurde. Ich erinnere mich, wie jemand erzählte, dass während der US Open 1955 fast jeder, der ihm (Hogan) zuschaute, das Gefühl hatte, hypnotisiert zu sein. Die Luft um ihn herum konnte man mit dem Messer schneiden. Ohne es zu wissen, war er für die fünftausend Leute, die mit ihm liefen, wie eine Art Meditationslehrer.“

Tao ist die traditionelle Bezeichnung für den Weg im Laotse’schen Sinne. (Der chinesische Philosoph Laotse hat unter dem Titel TaoTeKing übersetzt: Weg des Kings, die erste Elvis-Presley-Biographie schon vor fast 3000 Jahren geschrieben.)

Yin bedeutet ursprünglich das Wolkige, Trübe. Es bezeichnet die zentrifugale Kraft im Universum, der Gegenpart Yang die zentripetale Kraft. Zusammen symbolisieren sie das duale Prinzip: Himmel und Erde, männlich und weiblich, Plus und Minus, Ball und Schläger, in ihrem ewigen Wandel. Dieser Lauf der Dinge, (was Lao Tse als Sinn, Weg, oder Tao bezeichnet) ist der Dreh- und Angelpunkt, um den sich das Golfspiel dreht. Die Erkenntnis vom ewigen Gesetz der Wandlung hilft, uns die Dinge die uns im Spiel passieren akzeptieren zu lernen.

Vermutlich wird es den Leser besonders interessieren, dass es schon in den Wendezeiten der Tsin- und Han-Dynastien eine ganze Schule der Yin-Yang-Lehre gab, die damals viel Aufsehen erregte. Grundgedanke ist die Wandlung. Wie soll Meister Kung gesagt haben, als man ihm von den Einnahmen des Proshops im Kloster Tao Yin berichtete:

So fließt alles dahin wie dieser Fluss, Tag und Nacht.

Tao Yin bezeichnet den Weg der Zentrifugalkraft. Swing the Clubhead, wie Ernest Jones sagt. Die wirbelnden Golfderwische übten diesen Weg mit drei Disziplinen: mit Tanzen, Steine schleudern und Golfen. (Den Begriff Derwisch, der aus dem islamischen Kulturraum stammt, habe ich der Einfachheit halber übernommen.) Derwische erleben ekstatische Bewusstseinsstufen der Verzückung und Gottesschau durch ununterbrochenes Drehen und Tanzen. Erinnern wir uns an die Tänze von Olazabal beim Ryder-Cup-Sieg und an Hale Irwin, nachdem er die US Open gewann.

Der verdrehte Geist der Derwische wirkt auch in Golfern, die den Ball rechts ins Rough schlagen und dann links im Semirough suchen, weil das Gras dort kürzer ist, wodurch der Ball leichter zu finden wäre. Ihr Verhalten wird von archetypen Erinnerungen des kollektiven Unterbewusstseins gesteuert (vergl. C. G. Jung) und erinnert an den berühmten Derwisch Nasruddin, der trunken vom Tanze heimkommt und seinen Schlüssel nicht findet. Er sucht aber nicht im Dunkel, dort wo er seinen Schlüssel verloren hat, sondern da, wo der Mond hin leuchtet … weil er da besser sieht.“

(c) by Eugen Pletsch, 1995

Auszug aus: Der Weg der weißen Kugel

Der Bajuwarische Bass-Brummler

Ein Bajuware, der eine „schwere Hypothek“ mit sich herumschleppt, wie der Pfarrer Kneipp einst den dicken Wanst zu bezeichnen pflegte, dröhnt, brummt oder brummelt mit einem durchdringenden Bass, der sich auch gegen den Wind durchzusetzen vermag, weshalb er unter Fachleuten als „Bayrischer Bass-Brummler“ bezeichnet wird.

Er könnte aber auch jedem anderen Volksstamm angehören, solange er als signifikantes Merkmal die mächtige Kiepe vor sich trägt, die in der Fachliteratur (nach einem gewissen F.X. Mayr, der die Mayr-Kur erfand) als „Große Kot-Trommel“ bezeichnet wird. Denken wir dabei an Helmut Kohl, der alljährlich die F.X. Mayr-Kur zelebrierte und sich dabei anstatt mit Regierungsgeschäften lieber mit dem Zerkauen vertrockneter Semmeln befasste, die mit einem Löffel Milch eingespeichelt werden.
Wer also mit solchem Resonanzvolumen ausgestattet ist und in seinem Schwartenhals Stimmbänder trägt, die in den unteren Oktaven schwingen, darf als „Bayrischer Bass-Brummler (Typ 1)“ bezeichnet werden, wobei es in den meisten Golfclubs höchstens einen gibt, der die korrekten Merkmale dieser Spezies auf ideale Weise verkörpert.

Der Bayrische Bass-Brummler ist peinlichst darauf erpicht seine Atzung zu festen Zeiten zu sich zu nehmen. Wer den „Bayrischen Bass-Brummler“ im freien Lebensraum beobachten möchte, sollte sich deshalb während der üblichen Fütterungszeiten, wenn der Bass-Brummler im Clubrestaurant schlürft, schlabbert und säuft, im Rough verstecken, auf einem Par 5 idealerweise ca. 170 Meter rechts vom Abschlag, um dort dem Anblick des mächtigen Burschen entgegenzufiebern.

Cartoon: Peter Ruge



Sein Kommen ist bereits aus weiter Entfernung und selbst bei starkem Gegenwind zu hören, denn wenn sich der Bayrische Bass-Brummler mit mächtigem Gehabe auf dem Abschlag aufbaut, klingt es wie das Summen eines wilden Bienenschwarms, der von einem Bären aufgeschreckt wurde. 

Die Kombination von Kraft und Bauch führt dazu, dass der Bass-Brummler seinen Schläger zu schnell und um Bauch herum schwingt, wodurch er einen deftigen Slice erzeugt, der meist nach 179 Meter vom rechten Fairway-Rand ins Rough rollt. Jetzt können wir den Bayrischen Bass-Brummler aus unmittelbarer Nähe beobachten, wobei wir uns absolut still verhalten sollten, da ihn schon das kleinste Geräusch irritiert. Dann wird er wütend wie ein wilder Bienenschwarm, der von einem Bären aufgeschreckt wurde.

(Ganz anders verhält sich übrigens der Schwäbische Bass-Brummler (Typ 2), der von der Statur meist etwas kleiner ausfällt, noch tiefer brummt und dabei vollkommen nervenfrei von gar nichts aus der Ruhe zu bringen ist. Unbeirrt von den mittlerweile drei Flights am Abschlag hinter ihm, sucht er seinen Ball (bei 169 Metern rechts).

Schwäb. Bass-Brummer (Typ 2) Cartoon: Peter Ruge


Aber zurück zum Bayrischen Bass-Brummler: Durch die Beobachtung aus unmittelbarer Nähe klärt sich auch die unter Golf-Ornithologen häufig diskutierte Frage, wie es denn sein kann, dass der Bayrische Bass-Brummler seinen Ball im Rough stets wiederfindet. Dabei zählt der suchende Bass-Brummler seine Schritte und nach 200 Schritten (was einer Lauflänge von 179 Metern entspricht), findet er meist seinen Ball. Sollte dieser jedoch durch unglückliche Umstände, Wind oder andere Unwägbarkeiten nicht dort liegen, wo er zu liegen hat, macht sich der Bass-Brummler auf die Suche nach seinem Ball. Dabei brummelt er, ohne dass ihm bewusst wäre, was er so von sich gibt: „Humm, Summ, Brumm. Sakrafixluja. Wo isser denn, der Ball, bist Du da, Ball?“

Sein Brummeln überträgt sich dabei je nach Windstärke mindestens so weit über den Platz, wie das hellere Gequake einer „Hanseatischen Quäknöle“. Während es auch für Hobby-Biologen offensichtlich ist, dass das Geschrei von quäknöligen Alpha-Männchen letztendlich dem Weibchen gilt, wird vermutet, dass es sich beim Brummeln des Bass-Brummlers nicht um einen Lockruf handelt. Im Gegenteil: Der Bass-Brummler lebt meist in einer monogamen Beziehung, wobei das Weibchen in der heimischen Höhle die lautere Stimme hat, weshalb der Bass-Brummler entweder nicht oder nur selten zu Wort kommt. Psychologen sehen deshalb im Brummeln des Bass-Brummlers den Versuch, sich selbst davon zu überzeugen, dass es ihn noch gibt. Gleichzeitig hat er seine eigene Form der Weiblichkeit entwickelt, die sich durch das Gebären eines Balles manifestiert, und das geht so:
Wenn der Bayrische Bass-Brummler lange genug im Rough auf- und abgetappst ist ohne seinen Ball zu finden, hält er inne, räuspert sich und furzt. Sollten sich irgendwelche Mitspieler bei der Ballsuche angeschlossen haben, werden sie spätestens jetzt das Feld gegen den Wind räumen. Mit dem Innehalten und Furzen entspannt sich der Bass-Brummler, worauf ein Zweitball herabfällt.
Diesen Zweitball hält er für jene Momente der Not bereit, in denen ein Ballverlust und somit Strafschlag droht. Durch die Entspannung des Leibes löst sich der Ball, der unter einem Fleischlappen seiner fetten Kiepe versteckt war und fällt dezent unter dem weiten Hemd hervor, das der Bayrische Bass-Brummler grundsätzlich über der Hose zu tragen pflegt.
Während kleingeistige Mitspieler diese Handlung eindeutig als Akt des Bescheißens interpretieren werden, weiß der Psychologe, dass der Bass-Brummler seine versteckte Weiblichkeit sucht. Der Bauch zeigt deutlich, dass er den unbedingten Wunsch hat zu gebären und sei es einen Golfball.

Die Zufriedenheit und das Glück im Gesicht des Bass-Brummlers, der seinen frisch geborenen Zweitball freudig begrüßt, können nur mit dem Antlitz einer Mutter verglichen werden, die neuem Leben eine hoffnungsfrohe Zukunft schenkt.

Textauszug aus „Achtung Golfer! – Schlägertypen in Wald und Flur“ von Eugen Pletsch

Das große Zittern

Nachdem Karl-Heinz Schröck anlässlich der Seniorenclubmeisterschaft im GC Bauernburg  von seinem Mitbewerber Max Donar als „breitärschiger Fettsack“ bezeichnet wurde, überkam ihn am alles entscheidenden 18. Abschlag das große Zittern, was sich als kontraproduktiv für den weiteren Spielverlauf herausstellen sollte.
Der in jeder Hinsicht fiese Max Donar konnte die Clubmeisterschaft auf diese Weise für sich entscheiden.

Merke: Bist Du böse und gemein, bringst du die beste Runde rein!
 

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Cartoon: Peter Ruge

© by Eugen Pletsch, 2011

Der Choleriker

Der städtische Verwaltungsbeamte Lothar Uhl war allgemein als gutmütiger Zeitgenosse bekannt. Er war kein Mann der großen Worte. Seine Fähigkeit, während eines Telefonats tief und fest einzuschlafen, betrachteten seine Vorgesetzten als Zeichen besonderer Ausgeglichenheit.

Unruhige Kollegen, zum Beispiel der Kämmerer, der in Anbetracht der Haushaltslage kaum noch Schlaf fand, schauten gerne mal bei Lothar vorbei, „um sich eine Mütze Schlaf abzuschauen“, wie es allgemein hieß.

Bei aller Gemütsruhe galt Lothar Uhl jedoch als Innovator. Seine auf scharfsinnigen Beobachtungen basierende Empfehlung an die Busfahrer der Stadtwerke, erst loszufahren, wenn alle Fahrgäste eingestiegen sind, reduzierte die Unfälle unter Rentnern und sorgte für zusätzliche Einnahmen durch Fahrgäste, was der Nachtruhe des Kämmerers gut tat.

Lothar Uhl hatte ein Hobby, nämlich die Stallhasenzucht. „Der geile Erwin“, wie sein Rammler unter Mitzüchtern respektvoll genannt wurde, war sein ganzer Stolz. Mit dem auf vielen Zuchtleistungsschauen prämierten Erwin verbrachte er einen Großteil seiner Tage und Nächte. Dann, eines Tages – es geschah in Rheda-Wiedenbrück auf einem Rammler-Symposium – brach Erwin aus seinem Reisekäfig aus und sprang in ein Streichelgatter, wo er unter den entsetzen Blicken junger Familien eine Häsin namens Helga bestieg. Helga, die große Hoffnung des Verbandsvorsitzenden Jupp Grösewitz, war die schönste Häsin von Niedersachsen. Man hatte große Zuchtpläne mit ihr, die der geile Erwin gründlich verdarb. Er rammelte das Weibchen derart durch das Streichelgatter, dass die Tauben aufflogen und sich die Meerschweinchen vor Angst im Stroh verkrochen. Und so kam es zum Eklat!
Erwin wurde von künftigen Leistungsschauen gesperrt und Lothar Uhl, der von Erwin menschlich sehr enttäuscht war, setzte den Rammler im Wald aus, woraufhin Erwin bald im Kochtopf einer Familie landete, die sehr hungrig war, weil weder das ARGE-Callcenter noch der für ihren Antrag auf Sozialleistungen zuständige Sachbearbeiter erreichbar waren.

Wie viele andere vereinsamte Gestalten wandte sich Lothar Uhl dem Golfsport zu. Er wähnte darin eine Individualsportart, die er ungestört von Fremdeinflüssen ganz für sich ausüben könnte.

Cartoon: Peter Ruge


Lothar, der schon als kleiner Junge darauf bestanden hatte, im städtischen Sandkasten entweder ganz allein oder gar nicht zu spielen, musste jedoch feststellen, dass ein Golfplatz auch von anderen Spielern genutzt wird. Seiner Gemütsruhe beraubt und durch die Trennung von Erwin verbittert, trat schließlich der dunkle Schatten des Cholerikers aus ihm hervor, der sich all die Jahre hinter seinem bräsigen Wesen verborgen hatte.
Bald war Lothar Uhl bei allen Clubmitgliedern wegen seiner Wutausbrüche gefürchtet. Auch auf der Arbeit wurde seine innere Wandlung besorgt registriert.
Als Lothar Uhl nicht mehr zu halten war, bot man ihm eine Weiterbildung zum Busfahrer an, die er gerne annahm. Jetzt fährt er die Linie vom Stadtzentrum raus, die am Golfplatz vorbeiführt.
Lothar Uhl wurde wie viele andere Golfer depressiv. Seine einzige Freude besteht darin loszufahren, wenn gerade jemand einsteigen will. Die Bustür zu schließen, wenn junge Mütter den Kinderwagen gerade mal halb in den Bus heben konnten, ist seine Spezialität. Dann gluckst er leise, was sein Therapeut gerne als „emotionalen Durchbruch“ bezeichnet.
 

© by Eugen Pletsch, 2011

Der Fall Ewald Lurch

Wie entstehen Konflikte? Meist durch Missverständnisse, die nicht aufgeklärt werden. So war es auch im Fall Ewald Lurch und seinen Kontaktlinsen ,denn ich wurde zufällig Zeuge von Ewalds abendlicher Runde.

An jenem Abend saß ich auf einem Hochsitz am Waldrand seitlich der 4. Bahn und betrachtete das abendliche Geschehen auf dem Platz. Zuvor hatte ich mich geärgert, dass mir ein Rennbuggy-Fahrer in den Rückschwung gebrettert war. Er kannte mich und wusste, dass ich ein schneller Spieler bin, sofern es möglich ist. Trotzdem maulte er mich auch noch an, warum es so langsam voranginge. Um noch einen draufzusetzen, empfahl er mir, mal etwas „mit Humor“ zu schreiben. Das ärgerte mich. Bin ich etwa ein Witzeerzähler? Nicht dass ich keinen Humor hätte – über Eds Geschichte vom Esel und den Brennnesseln vermochte ich sogar zu lachen, ohne sie wirklich verstanden zu haben, aber manchmal frage ich mich, was gewisse Leute unter „Humor“ verstehen? Vielleicht sollte ich auch schon mittags mit dem Saufen anfangen, um diese Leute zu begreifen. Doch würde das helfen, Konflikte zu vermeiden? Der Philosoph Eckhart Tolle sagt sinngemäß, dass ein Konflikt nicht auf der Ebene des Bewusstseins gelöst werden kann, auf der er entstanden ist.
Über solche Dinge dachte ich auf dem Hochsitz nach, während ein bunter Reigen von Golfern an mir vorbeizog. Schließlich versank ich in meditativer Stille, bis mich die abendliche Kühle weckte. Es war dunkel geworden, nur ein überirdisches Leuchten strahlte über das Fairway, vermutlich Elektrosmog. Ich wollte gerade vom Hochsitz steigen, als ich die schemenhafte Gestalt von Ewald Lurch erblickte, der, vom Schwung her unverwechselbar, auf dem 4. Abschlag stand und mit seinem Eisen wie ein Seeräuber um sich schlug.
Als Kind war der kleine Ewald ein schmächtiges Bürschlein gewesen, das beim Sprechen auf eine seltsam glibbrige Weise echsenhaft züngelte, weshalb er schon im Kindergarten Lurchi gerufen wurde. Sowie der kleine Ewald lesen konnte, wurde ihm bewusst, woher der Spott kam, denn er war keineswegs wie der Held aus dem Salamander-Schuh-Heftchen und hasste es deshalb umso mehr, wenn seine Mutti darauf bestand, ihm ein grünes Hütchen aufzusetzen, bevor sie ihn in die Schule schickte.
Der kleine Ewald wuchs heran und mit der Zeit entwickelte er eine schmierige Form von Eloquenz, die ihm als Vertreter für schleimige Produkte aller Art ein gutes Einkommen sicherte: Handseifen, Cremes, Putzmittel – das alles ging ihm an der Haustür flott von der Hand, wobei Damen beiderlei Geschlechts mit Genuss feststellten, dass der kleine Ewald einen großen Lurch hatte.
Über die Jahre, so hat es die Natur eingerichtet und es ließ sich nicht ändern, wurde Ewald immer kurzsichtiger, fast so sehr wie der Autor dieser Zeilen, dem das Tageslicht nur dämmrig durch die colaflaschenbodendicken Brillengläser dringt.
Diese Fehlsichtigkeit ist etwas, das uns verbindet. Seit ich wieder in Bauernburg spielte, gingen wir manche gemeinsame Runde, weshalb man uns den „Blindschleichen-Flight“ nannte. Dabei spielten wir schneller, als eine Kreuzotter zubeißen kann!
Tja, der Lurchi. Da hackte er sich also nächtens über die Bahn und ich wunderte mich, was er da trieb. Wie eine Wildsau durchpflügte er die Wiese, hin und her, auf und ab. Grasbutzen flogen umher, als er immer hektischer und wütender um sich schlug. Schließlich, als wollte er an aller Welt, an allem erlebten Spott, an aller Bosheit, die ihm je widerfahren war, Rache nehmen, prügelte er wütend wie ein Berserker auf das Fairway ein.


Es ist mir natürlich bekannt, dass man Prozesse der Selbstfindung und Befreiung nicht unterbrechen darf. Erst als er sich in gefährliche Nähe zum Grün voranhackte, rief ich, um das Schlimmste zu verhindern, ganz sanft seinen Namen:
„Eeeewald!“
Er hackte weiter.
„Eeeeeewald!“
Er konnte mich nicht hören. Als er fast am Grün angekommen war, zog ich die Notbremse: „EEEEEEWALD LURCH!“
Jetzt hielt er inne und schaute auf. Schweißüberströmt, soweit man das im Halbdunkel sehen konnte, und ohne Brille!
„Mein Gott, Ewald! Was ist los? Was treibst du hier?“

Ewald schien mehr als nur desorientiert zu sein. Er war außer sich. Er war in jenem gottlosen Zustand, in dem brave Bürger morden, Soldaten Massaker begehen und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinalprodukte (BfArM) Amalgam als Zahnfüllung und Thiomersal in Impfstoffen für unbedenklich erklärt. Langsam schien er zu erwachen, schließlich erkannte er mich:
„Was machst du denn hier?“
„Das möchte ich dich fragen! Warum zerhackst du das ganze Fairway?“
„Was mache ich?“
„Da, schau, was du angerichtet hast! Die ganze Bahn ist kaputt!“
„Das kann ich nicht sehen.“
„Wie – kannst du nicht sehen? Wo ist deine Brille?“
„Ich trage heute erstmals Kontaktlinsen.“
„Du? Kontaktlinsen?“
Warum hatte Ewald unsere sportliche Zweisamkeit als Blindschleichen verraten?
„Kontaktlinsen?“ Ich war entsetzt.
„Die Löcher sehen dadurch angeblich größer aus, der Ball ist größer, alles ist irgendwie größer.“
„Ach Ewald, ich bin enttäuscht. Durch unsere dicken Brillengläser mag die Welt zwar winzig wirken, aber ist es nicht gerade das Ameisenhafte, dieses verzwergte Gewusel, was uns beiden das Leben erträglich macht?“
Ewald wand sich.
„Ich wollte nur mal wissen, wie andere die Welt sehen.“
„Und dafür zerhackst du die Bahn?“
„Ich hab nur versucht, meinen Ball zu treffen und als das nicht gelang, kam ich irgendwie in Rage.“
„In Rage. Das kann man wohl so nennen. Komm jetzt, Ewald, ich begleite dich zum Parkplatz.“
Der verschlammte und verschwitzte Ewald trottete neben mir her und maulte leise vor sich hin. Als wir am Parkplatz ankamen, schaute er mich besorgt an.
„Und? Wirst du mich verraten?“
„Nein, natürlich nicht, alter Freund“, besänftigte ich ihn.

Ewald schien erleichtert, doch leider hatte die Sache ein Nachspiel. Der Schaden wurde entdeckt und eine Rotte Jäger zu einer Treibjagd zusammengetrommelt, worauf alsbald drei unschuldige Wutzen ihr Leben lassen mussten. Dann zogen die Jäger in die nächste Gemarkung weiter, um auch dort noch einige Wildschweine zu erlegen.

Tja, so entstehen Konflikte, dachte ich. Meist durch Missverständnisse, die nicht aufgeklärt werden.
Ewald Lurch ist jetzt mein Knecht. Schmierseife bekomme ich umsonst und im nächsten Jahr auch noch mein Wunschhandicap. Etwas schmierig, die ganze Sache, aber schließlich muss jeder Freizeitgolfer sehen, wo er bleibt, oder?

Auszug aus: „Achtung Golfer!“ © by Eugen Pletsch 2010